Mike Kelley - Detroit

Motor City Revisited

Put your Hands up for Detroit: US-Skandalkünstler Mike Kelley begibt sich in seiner Geburtsstadt auf biografische Spurensuche und eröffnet mit "Mobile Homestead" sein erstes öffentliches Kunstprojekt.
Put your Hands up for Detroit:Mike Kelley baut mobiles Elternhaus

Mike Kelley: "Mobile Homestead", 2010

Berlin hatte einfach Glück: Nachdem der für sein Crossover von High and Low geschätzte amerikanische Künstler Mike Kelley bereits 2007 in der inzwischen geschlossenen Berliner Filiale der Galerie Jablonka mit "Kandors", benannt nach der Heimatstadt von Superman, eine sensationelle Einzelausstellung abgeliefert hatte, schlug er im Frühjahr 2010 gleich noch mal zu. Den im Windschatten der Linden versteckten Schinkelpavillon bespielte er in den Stunden der Dämmerung mit einer Videoinstallation, die sich mit ordentlich Chemie gewaschen hatte.

Auf vier Felsbrocken zeigten Montitore einstündige Videoloops mit Titeln wie "The Crawling Saffron Slimes of the Unicorn Consort of Satyr Mountain" oder "The Icy Crystaline Depths of Merwaif Grotto, Below the Polar Crust" Das in Zeitraffer abgespielte Werden und Vergehen von Kristallwachstum im Eigenbau war jedoch nicht nur von poetischer Psychedelik – wer wollte, durfte dabei auch an "Crystal", in der Langform "Crystal Meth" denken, jenen vergleichsweise preiswerten, aber auch besonders schäbigen Produzenten künstlicher Paradiese, der insbesondere den abgehängten Regionen der USA reichlich Probleme bereitet.

Aus einer diese Ecken, die zwar viel guten Techno und Rap, aber schon lange nicht mehr genügend Arbeitsplätze produzieren, stammt der seit langem in Los Angeles residierende Mike Kelley: Detroit, auch bekannt als "Motown" oder "Motor City". Ausgerechnet dort zeigt der für seinen verstörenden Umgang mit kollektiven Konzepten individueller Erinnerung bekannte Künstler, der seiner eigenen Aussage nach normalerweise auf biografisches Material als Rohstoff seiner Kunst lieber verzichtet und jegliche Deutungen in dieser Richtung ablehnt, sein erstes öffentliches Kunstprojekt: "Mobile Homestead".

Es besteht aus einem Nachbau seines Elternhauses, der am 25. September im Rahmen eine "Jungfernfahrt" durch Detroit gefahren wurde, im nächsten Jahr an sein noch bestehendes Elternhaus in Westland angebaut wird und aus einem öffentlichen und einem "geheimen" Teil besteht, der auch auf Nachfrage nicht näher definierten "anti-sozialen privaten subkulturellen Aktivitäten" gewidmet ist.

Vielen Europäern ist nicht klar, wie arm Amerika ist

Die Wegstrecke vom Mobile Homestead nach Hause war symbolisch aufgeladen, wie der Künstler berichtet: "Nach der Fahrt durch die verschiedenen von unterschiedlichen Einwanderern geprägten Viertel hielten wir auch in Greenfield Village, wo Henry Fords Industriemuseum und eine kleine, lustige Museumsstadt stehen, die aus Gebäuden unterschiedlicher Zeitalter besteht. Wir haben aber auch die Organisation 'Forgotten Harvest' besucht, die arme Amerikaner mit Essen versorgt. Vielen Europäern ist nicht klar, wie arm Amerika ist. Der Wohlstand hier ist sehr ungleich verteilt und sammelt sich an Orten wie New York oder Los Angeles. Sowohl die ländlichen Gebiete als auch Industriestädte wie Buffalo oder Detroit sind unglaublich arm."

Für seine alte Heimat hat er übrigens durchaus noch Hoffnungen: "Langsam beginnt sich in den aufgegebenen Zonen der Stadt wieder Leben anzusiedeln, allerdings hat das nichts mehr mit den klassischen Industrien zu tun. Die Rückkehr Detroits wird von Künstler-Communities angetrieben." Als Modell für eine zukünftige post-industrielle Stadtentwicklung fällt ihm dann ein Ort ein, der seine große Zeit als Industriestandort auch schon länger hinter sich hat und dennoch nicht aufgibt: Berlin.

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