Elmgreen & Dragset - Karlsruhe

Klischee und Vorurteil

Elmgreen und Dragset ziehen bei ihrer ersten großen Einzelausstellung in Deutschland eine Plattitüde nach der anderen heran. Doch dank der richtigen Attitüde ist die Solo-Show "Celebrity – The One & The Many" im Karlsruher ZKM eine gelungene Bestandsaufnahme der Welt in der wir leben.

Roter Läufer, Blitzgewitter – ja, so will man empfangen werden, wenn zur VIP-Preview der jüngsten Ausstellung des international gefeierten Künstlerduos Elmgreen & Dragset geladen wird. Gut ein Dutzend Kameras richten sich auf jeden, der die Türen des ZKM Museum in Karlsruhe ansteuert, um Dank separater Einladung zwei Stunden vor dem gewöhnlichen Vernissage-Publikum eingelassen zu werden. Natürlich steht für den späteren Abend das obligatorische gemeinsame Abendessen auf dem Programm, und natürlich gibt es Sondertische für die Ehrengäste.

Der Ballsaal wird von einem riesigen Kronleuchter geschmückt, zwei Butler in Frack halten sich dezent im Hintergrund. Auf dem Tischchen neben dem Gästebuch liegt ein Strauß Blumen mit einer Grußkarte "Lieber Ingar, lieber Michael, danke für Alles!!! Ihr seid wunderbar." Unterzeichnet: Christian Boros. Doch stammen die Grüße wirklich von dem Werber und Sammler aus Wuppertal? Oder ist die Karte genau so fake wie der Ballsaal und der Rest der Ausstellung "Celebrity – The One & The Many" zu Deutsch wohl "Berühmtheit – Die Eine und Die Vielen"?

Elmgreen und Dragset haben die zwei Lichthöfe des ZKM mit je einem Bau bespielt. Gleich hinter dem Eingang, vor dem zur Eröffnung die Foto-Performance abgehalten wurde, ragt ein vierstöckiger Plattenbau empor. Der Weg durch die Ausstellung führt direkt zur Eingangstür an der Querseite des in tristem Grau gehaltenen Gebäudes. Die Namensschilder an den Klingeln sind zum Teil mehrfach überklebt, um für den neuen Mieter Platz zu machen, an Türrahmen und Aufzug Graffiti, im Eingang liegt der übliche kleine Müll. Die Haustür ist verschlossen. The Many, die breite Masse also wohnt in diesem Haus.

Elmgreen und Dragset zeigen einmal mehr, wie sie unsere heutige Gesellschaft sehen – aufgesplittet in die Promi-High-Society-Spitze und die Underdogs. Letztere leben im Plattenbau, versuchen sich mit Selbsthilfebüchern das Rauchen abzugewöhnen oder leeren eine Bierflasche nach der anderen und schmökern in der "Typenkunde deutscher Elektrolokomotiven" während im Fernsehen Fußball läuft – so ist es durch die kleinen Fenster des Plattenbaus zu sehen. Einige sind mit Vorhängen blickdicht gemacht, die anderen geben den Blick frei auf das Leben der Unterschicht oder zumindest auf die Klischeevorstellung davon.

Elmgreen und Dragset sind sich nicht zu schade dafür, mit Plattitüden zu arbeiten und malen damit in etwa das Bild der sozial Schwachen wie einige Politiker und Bürger es auch tun. Nur, dass die Künstler der Unterschicht ihre Untätigkeit nicht vorwerfen, sie nicht als Faule darstellen, die an ihrer Lage selber schuld sind. Vielmehr überlassen sie dem Betrachter sich Gedanken darüber zu machen, wie leicht oder schwer es ist, aus so einer Situation selbständig herauszukommen.

Denn raus, wer will das nicht, dahin, wo die Celebrities sind – in den Ballsaal also. Oder vielmehr in den Saal, der dahinter liegt. Wie der Plattenbau kann aber auch dieser Raum nicht betreten werden. Stattdessen ist durch die Flügeltüren im Ballsaal – dem zweiten der von den beiden Künstlern errichteten Bauten – dort das Fest der selected few zu sehen. Schemenhaft, denn nur die Schatten der dort Feiernden sind zu erkennen, und die dortige gute Stimmung ist zu hören – Elmgreen und Dragset beschallen den Ballsaal mit Mitschnitten von Vernissagen früherer Ausstellungen.

Das ZKM in Karlsruhe widmet dem Künstlerduo Elmgreen & Dragset die erste große Solo-Ausstellung in Deutschland. "Celebrity – The One & The Many" schließt die vor ein paar Jahren in Bergen und London mit "The Welfare Show" begonnene und mit "The Collector" in Venedig fortgesetzte Trilogie ab. Die beiden beschreiben unsere Welt, wie sie sie sehen, geben sich als deskriptive Soziologen aus, und doch sind sie zugleich normativ. Denn die Welt, in der Celebrities ihr Privatleben zur Schau stellen und nur berühmt sind, weil sie die Marketingmaschinerie perfekt beherrschen und nicht etwa ein Musikinstrument; diese Welt, in der so viele andere davon träumen, ebenfalls "The One" zu werden, ist nicht die von Michael Elmgreen und Ingar Dragset. Gerade die übertriebene, klischeehafte Darstellung der in "The One" und "The Many" gesplitteten Gesellschaft zeigt auf, dass diese Welt, so wie wir sie erleben, womöglich ebenso wie die Ausstellung nur ein Konstrukt ist und daher änderbar. Genauso wie zur Ausstellungseröffnung letztlich eben nicht jenes noble Abendessen für die Auserwählten stattfand, sondern sich alle Besucher im Restaurant des ZKM trafen: Die Künstler saßen mit ihren Londoner Freunden am Nachbartisch der gewöhnlichen Karlsruher und umgekehrt. Die übliche Aufteilung in Zweiklassenkunstgesellschaft blieb aus.

Bisher ist die Welt nur analysiert worden, jetzt kommt es darauf an, sie zu verändern. Das wiederum hat bis zu einem gewissen Grade jeder selbst in der Hand, auch wenn Elmgreen und Dragset der Unterschicht ihre Passivität überhaupt nicht vorwerfen, sondern diese manchmal allzu erklärlich finden. Besonders interessant ist es deshalb, nach der Ausstellung der beiden auch noch "Countercounsciousness" mit Fotocollagen von Stephen Willats im Badischen Kunstverein in Karlsruhe anzuschauen. Hier trifft man auf jene, die sich, obwohl ebenfalls in Hochhaussiedlungen lebend, nicht nur passiv der Massenkultur hingeben, sondern dennoch Individualität zum Ausdruck bringen und Rebellion in sich tragen. Um es mit Oscar Wilde zu sagen: "We are all lying in the gutter, but some of us look into the stars." Das gilt für "The One" sowie "The Many" bei Willats und Elmgreen und Dragset gleichermaßen.

Elmgreen & Dragset: "Celebrity – The One & The Many"

Termin: bis zum 27. März 2011 im ZKM in Karlsruhe; die Ausstellung "COUNTERCONSCIOUSNESS" von Stephen Willats läuft noch bis zum 28. November 2010 im Badischen Kunstverein in Karlsruhe
http://on1.zkm.de/zkm/stories/storyReader$7080