Beuys. Die Revolution sind wir - Hamburger Bahnhof Berlin

Filz der Geschichte

Schamane, Scharlatan, Soldat – umstritten, geliebt, gefürchtet. "Beuys. Die Revolution sind wir", die große Retrospektive im Hamburger Bahnhof, Berliner Museum für Gegenwart, will den gesamten Beuys zeigen – und läuft gerade deshalb Gefahr, den Fokus zu verlieren.

Angst vor dem Erinnerungsverlust machte sich breit, als vor zwei Jahren der zwanzigste Todestag von Joseph Beuys ohne nennenswerte Ausstellung in Deutschland verstrich. "Wie konnte es passieren", fragte damals eine große Tageszeitung, "dass ein Künstler, der neben Warhol als der bedeutendste der gesamten Kunstwelt galt, so sehr in
Vergessenheit geriet?"

Eine befriedigende Antwort auf diese Frage ist bis heute nicht gefunden. Selbst die aktuelle Beuys-Retrospektive im Hamburger Bahnhof, dem Berliner Museum für Gegenwart, liefert sie nicht. Im Gegenteil: Die Stille um das Erbe von Beuys wird um so rätselhafter, je länger man durch die Werkschau streift, die im Rahmen des Berliner Ausstellungsfestivals "Kult des Künstlers" den Mann mit dem Filzhut feiert.

Ungerührt von der unangemessen-phrasenhaften Kult-"Dachmarke" breiten die Kuratoren Eugen Blume und Catherine Nichols auf nicht weniger als 5000 Quadratmetern insgesamt 270 Exponate aus dem Beuys-Universum aus. Neben den großen und bekannten Installationen, wie der Werkgruppe "Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch" (1982) oder der demontierten Kassler "Honigpumpe am Arbeitsplatz" (1977) geben Zeichnungen, Dokumenten-Vitrinen, Drucke und Poster Auskunft über den erweiterten Kunstbegriff, der oftmals auf – heute schwer nachvollziehbaren – Widerspruch traf.

Materialschlacht, statt Ausstellungskonzept

Über Monitore flimmern die zahlreichen Interviews, Vorträge oder Aktionen und vermitteln das Bild eines medial gewandten wie omnipräsenten Künstlers. Beuys, das macht die Ausstellung deutlich, war jemand, der zu den Medien und unter die Menschen ging, um sowohl seine Kunstauffassungen als auch die Idee einer direkten Demokratie populär zu machen. Trotzdem gelang es ihm immer, sein Werk vor dem Abgleiten in billigen Agitprop zu bewahren. Selbst als ihn der "Spiegel" 1979 auf seinen Titel hievte, genügte eine Signatur vom Meister, um das Blatt zu einer Beuys-Edition umzudefiniern.

Das jenes Multiple auch in der Schau zu finden ist, beweist noch einmal den Ehrgeiz der Kuratoren, eine möglichst umfassende Ausstellung zu präsentieren. Dieses Unterfangen ist gelungen. "Beuys. Die Revolution sind wir" will alles bieten. Und dennoch läuft sie gerade deshalb Gefahr, den Fokus zu verlieren. Denn um die Philosphie des Joseph Beuys zu verdeutlichen, hätte es nicht einer derartigen Wucht an Exponaten bedurft. Was die Ausstellung ihren Besuchern hingegen schuldig bleibt, ist die Gültigkeit oder das Scheitern der Beuys’schen Utopie in Bezug auf die heutige Wirklichkeit zu verdeutlichen. Soll die durchgehend bekräftigte Weltzugewandtheit des Künstlers nicht zur rhetorischen Platitüde gerinnen, dann wäre es sinnvoll gewesen, sich dieser Frage zu stellen. Doch dazu braucht es
keine ehrfurchtsvolle Materialschlacht, sondern ein Ausstellungskonzept, dass die Verwobenheit der Beuysschen Kunst im Filz der Geschichte tatsächlich ernst nimmt.

"Beuys. Die Revolution sind wir"

Termin: bis 25. Januar 2009, im Rahmen der Ausstellungsreihe "Der Kult des Künstlers", Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, Berlin.
http://www.hamburgerbahnhof.de/exhibition.php?id=12815&lang=de