Die große Illusion - Frankfurt/Main

Mit voller Wucht

Echthaar, modellierte Blutstropfen, verletztes Fleisch aus Korkkrümeln: Künstlern ging es bei ihren Skulpturen nicht um die reine Form, vielmehr darum, ein möglichst lebensnahes Abbild des Menschen zu schaffen. Mit diese These versucht die aktuelle Ausstellung im Frankfurter Liebighaus mit einem bildungsbürgerlichen Vorurteil aufzuräumen. Dafür werden in der faszinierenden und zugleich irritierenden Schau auch Werke gezeigt, die bislang unter Kitschverdacht standen.
Mit voller Wucht:Faszinierende und irriteriende Ausstellung in Frankfurt

John de Andrea: "Ariel II, Denver", 2011, Bronze, gefasst, Höhe 172,7 cm Breite 55,9 cm Tiefe 43,2 cm

Antike Skulpturen waren bunt. Quietschbunt. Der Schock, den das Liebieghaus 2008 mit seiner Ausstellung "Bunte Götter" unter Bildungsbürgern ausgelöst hat, ist noch immer nicht restlos verdaut.

Zu tief sitzt das Gelernte, der in der Renaissance, aber vor allem auch im 19. Jahrhundert verbreitete Glaube, dass die Skulptur der Griechen und Römer ausschließlich eines war: perfekte Form. Mit der aktuellen Schau geht man nun einen ähnlichen Weg, sucht ein Vorurteil zu entkräften, das eng mit dem falschen Diktum vom unbemalten Marmor der Antike verknüpft ist: Skulptur, so die These, war zu keiner Zeit auf die Schönheit und Aussagekraft der reinen Form beschränkt. Durch die Jahrhunderte haben Künstler alle denkbaren Materialien und Techniken eingesetzt, um das dreidimensionale Bild vom Menschen so lebensnah wie nur möglich zu gestalten. Und so machte man sich auf die Suche nach Werken, die bislang eher unter Kitsch- oder Volkskunstverdacht standen und von der Forschung als Sonderfälle abgetan wurden und integrierte sie vorübergehend in die Sammlung des Hauses: einen hölzernen Christus an der Geißelsäule, dessen Körper ein Meister IPS genannter Künstler im Spätmittelalter mit tiefen, in die Oberfläche geschnitzten und realistisch bemalten Wunden versehen hat, so dass sein Leib völlig zerfetzt aussieht. Die Mumienmaske einer vornehmen Frau, die in Ägypten um 20 nach Christus mit einer "Perücke" aus schwarz gefärbten Baumwollhaaren versehen wurde. Die Wachsbüste einer frommen Weberin, der Filippo Scandellari 1742 mit Echthaar, Glasaugen und Kleidung eine fast schon gespenstische Lebendigkeit verliehen hat.

Die Beispiele sind zahlreich und erstaunlich. Im Liebieghaus sind sie nicht nach Epochen, sondern nach Techniken gruppiert, so dass sich zwischen antiken, mittelalterlichen und barocken Werken immer wieder auch zeitgenössische Arbeiten befinden. So steht die erstaunlich realistische Darstellung einer nackten Frau ("Ariel II"), die der Amerikaner John de Andrea 2011 aus täuschend echt bemalter Bronze hergestellt hat, in unmittelbarer Nähe zu einer farbig gefassten Rekonstruktion des 450 vor Christus in Griechenland gefertigten "Krieger A aus Riace", der mit Augen aus farbigem Stein, Wimpern aus Kupferblech sowie kupfernen Lippen und Brustwarzen weit realistischer ausgesehen haben dürfte, als es der gängigen Idealvorstellung von einer griechischen Skulptur entspricht. Was nicht bedeuten soll, dass all die so "menschlich" gestalteten Abbilder nicht zugleich – je nach Zeitvorstellung – idealisiert wurden.

Echthaar, Blutstropfen, Fleisch

Vor allem die christliche Kunst war seit je darauf angelegt, den Betrachter so stark wie nur möglich zu emotionalisieren – und sei es mit drastischen Mitteln. Seit dem 13. Jahrhundert entwickelte man ein immer ausgeklügelteres Repertoire an Techniken, um den Leib Christi und seine körperlichen Blessuren möglichst dramatisch und echt aussehen zu lassen. So implantierte man Echthaar, modellierte Blutstropfen aus flüssigem Kreide-Lehm-Gemisch und imitierte blutiges Fleisch mit eingesetzten Korkkrümeln. Ihre Blüte erreichte diese illusionistische Kunst im 17. und 18. Jahrhundert in Spanien.

Subtiler, wenngleich ebenso auf Täuschung angelegt, ist die Wirkung kunstvoll aufgetragener Hautfarbe, die – je nach Technik – porzellanartig oder, durch sanftes Auftupfen mit dem Pinsel, matt und porenartig erscheint. Gleich am Eingang der Schau, in der ägyptischen Abteilung, überrascht eine Thronende Madonna, die Ende des 17. Jahrhunderts in Süddeutschland als Prozessionsfigur geschaffen wurde, mit einem überaus lebendigen, fesselnden, wenn auch nicht unbedingt schönen Grübchen-Gesicht, das von Echthaar umspielt wird und Glasaugen hat. Es handelt sich um eine Gliederpuppe mit beweglichen Gelenken, die in ein hochgeschlossenes (echtes) Brokatgewand mit Spitzen und Fransen gehüllt ist. 100 Jahre später hat der Künstler Cristóbal Ramos in Sevilla eine Mater Dolorosa geschaffen, deren sonderbare Mischung aus pathosgeladener Idealisierung und zupackendem Verismus verdächtig nah am Rande des Kitsches operiert. Auch sie ist mit Echthaar und Glasaugen versehen, hat sogar Zähne aus geschnitzten Knochen. Ursprünglich im Gesicht aufgesetzte Glas- oder Harztränen sind heute verloren. Bemerkenswert ist die Kleidung, die aus leimgetränktem, bemalten Leinen besteht. In derselben Abteilung: eine kauernde, in ein Leinentuch gehüllte Silikon-Männerfigur des australischen Hyperrealisten Ron Mueck von 1997, der mit implantierten Bartstoppeln eine Authentizität suggeriert, an die auch die Figuren von Duane Hanson (in der Ausstellung ist ein mürrischer Junge mit einem Nuts-Riegel) nicht heranreichen.

Es ist ein Ausstellungsbesuch, der fasziniert, aber auch nachhaltig irritiert. War man zuvor geneigt, die Imitation (und Dramatisierung) der Realität für Effekthascherei zu halten und allein das absichtsvoll Abstrahierte als intellektuelle Leistung wertzuschätzen, kommt man im Liebieghaus nicht umhin, das Lebensnahe, Packende einer Kunst zu würdigen, die einen nicht subtil, sondern mit Wucht in ihren Bann zieht. Dazu gesellt sich ein seltsamer Verdacht: Was, wenn unser Urteil bisher auf Indoktrination fußte? Auf der falschen Akzeptanz und Glorifizierung eines antiken Ideals, dass es so nie gegeben hat?

Die große Illusion. Veristische Skulpturen und ihre Techniken

Frankfurt, Liebieghaus, bis 1. März
http://www.liebieghaus.de/lh/index.php?StoryID=552