Radar

Sandra Danicke

Sandra Danicke über Rory Macbeth
Rory Macbeth, "Robot Man", 2006 (Courtesy Union Gallery)

SANDRA DANICKE ÜBER RORY MACBETH

Für unsere neue Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Unsere Frankfurter art-Korrespondentin Sandra Danicke über den Londoner Künstler Rory Macbeth
// SANDRA DANICKE

Als Student ist Rory Macbeth, zusammen mit einer Kollegin, ins Büro seiner Londoner Kunsthochschule Central St. Martin’s eingebrochen, hat dort Papiere gefälscht und eine Kommilitonin namens Frances Neil erfunden. Frances hatte gute Noten, ihre Arbeiten ließen eine Vorliebe für Textilkunst erkennen – sie stammten vornehmlich aus den Mülleimern der Universität. Gezielt gestreute Gerüchte über Frances entwickelten schnell ein Eigenleben; jeder schien sie zu kennen: War das nicht diese Hippietussi, die eine Affäre mit diesem Tutor hatte? Der Schwindel flog erst auf, als man Frances zum wiederholten Male aufforderte, endlich ihre Studiengebühren zu bezahlen.

Rory Macbeth allerdings hörte auch später nicht damit auf, sein Publikum in die Falle zu locken, mehr als einmal handelte er sich dabei Ärger ein. Zum Beispiel, als er 2005 versuchte, in einer alten Badewanne von San Servolo durch die Lagune von Venedig zu fliehen. Die Insel, auf der Macbeth als Stipendiat untergebracht war, diente im 20. Jahrhundert als geschlossene psychiatrische Anstalt; kranke Menschen wurden dort in ebendieser Badewanne diversen Schocktherapien ausgesetzt. Macbeth schaffte ungefähr 300 Meter. 2002 schuf der Londoner Künstler, der 1965 in Schottland geboren wurde, aufwändig Statuen, die so tun als seien sie Menschen, die so tun als seien sie Statuen und stellte sie mit einem Tellerchen in Fußgängerzonen auf. Nach acht Stunden hatte der Künstler die Materialkosten raus.

Später malte er kitschige Ölbilder, die er aus Charity Shops hatte, so akribisch nach, dass sie in Ausstellungen meist ignoriert wurden. Wer genauer hinsah, merkte allerdings, dass auch Goldrahmen und Glasscheibe gemalt waren – ein immenser Aufwand, und so ist es meistens bei Rory Macbeth, der in seinen Arbeiten stets das Missverhältnis zwischen Sein und Schein untersucht und sämtliche Klischee-Erwartungen an Kunst unterläuft. Dass man als junger Künstler im London der Neunziger und frühen Zweitausender Jahre scheinbar nur als Young British Artist mit möglichst rotzigen Statements erfolgreich sein konnte, spornte Macbeth erst recht zu akribischer Handwerklichkeit an – auch wenn man das selten sofort erkennt. Macbeths Werke wirken erst auf den zweiten oder dritten Blick, um dann einen mehr oder weniger subtilen Witz zu entfalten, der nachhaltig im Gedächtnis bleibt.

2002 malte der Künstler zum Beispiel diverse grellfarbige "Magic Eye"-Bilder ab, weil er fand, dass mit ihnen eine ähnliche Erwartung verknüpft sei wie mit abstrakter Kunst, etwa von Gerhard Richter: Wenn man nur lange genug drauf starrt, wird man auch etwas erkennen. Bei Macbeth jedoch bleibt die Erlösung aus, das seltsame Flirren erzeugt ein kleiner Motor hinter den Leinwänden. Ein andermal schnitt der Künstler sämtliche Blätter eines Baumes quadratisch oder sortierte alle Wörter der Bibel alphabetisch. Dann wieder schrieb er ein 40 000-Wörter langes Graffito (der komplette Text von Thomas Morus’ "Utopia") auf ein zum Abriss freigegebenes Elektrizitätswerk in Norwich oder erfand vermeintliche Originalversionen von Liedern wie John Lennons "Imagine" (im Sixties-Motown-Sound), Marvin Gayes "What’s going on" (als französisches Chanson aus den Dreißigern) oder Judy Garlands "Somewhere over the Rainbow" (als Grammophon-Operette), die alle so überzeugend klingen, dass man sein sicher geglaubtes Musikwissen zu Hause noch einmal überprüft. Eigens für Kunstmessen entwarf der Künstler Skulpturen wie eine Gedankenblase mit den Worten "Oh God…", die über den Messekojen schwebt oder ein Werk, das mit dem Finger auf den Betrachter zeigt. Derzeit arbeitet Rory Macbeth daran, Karl Marx’ "Kapital" umzuschreiben. Er will sämtliche vorhandenen Wörter verwenden, um damit eine völlig andere Geschichte zu erzählen. "Wer weiß, vielleicht kann ich es ja in ein Shakespeare-Werk transformieren", sagt Macbeth und verschluckt sich am eigenen Lachen.

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