Whitney Biennale 2012 - New York

Das hier könnte etwas werden

Die 76. Biennale im Whitney Museum zeigt auf fünf Stockwerken Skulpturen, Malerei, Installationen und Fotografie. Ihren Schwerpunkt legt sie in diesem Jahr auf Tanz, Theater, Musik und Film. Außerhalb des Museums proben derweil die Aktivisten der Occupy-Bewegung den Aufstand.

So umstritten wie die Biennale im Whitney Museum all die Jahre ist, sorgte sie diesmal vor allem außerhalb der Museumshallen für Aufregung. Um für Unfrieden bei der abendlichen Eröffnungsparty für die VIP-Gäste zu sorgen, hatte sich "Occupy Wall Street" mit den 43 New Yorker Kunstspediteuren und -packern zusammengetan, die seit August vergeblich um ihren Arbeitsplatz und für bessere Verträge bei Sotheby's kämpfen, während die Geschäfte im Auktionshaus mehr als hervorragend laufen. Das Kunstkollektiv Bruce High Quality Foundation konterte zum zweiten Mal mit einer Anti-Biennale ohne Kuratoren, aber dafür mit 400 teilnehmenden Künstlern.

Und dass die "Occupy Wall Street"-Leute eine Webseite starteten, auf der sie den Web-Auftritt des Whitneys täuschend echt nachbauten und in einer Falschmeldung verkündeten, dass sich das Museum von seinen beiden Sponsoren, Sotheby's und Deutsche Bank, trennt, machte per Twitter die Runde. Die Begründung auf der gefälschten Seite: Das Auktionshaus sei seit der Entlassung der Speditions-Crew nicht mehr als Sponsor tragbar und die Deutsche Bank in betrügerische Investoren-Geschäfte verwickelt.

Charmante Wegbegleiter

Am besten beschreibt die Bilderserie von Lutz Bacher "The Celestial Handbook", was sich in den fünf Stockwerken des Whitney tut. Es handelt sich um 85 Fotografien von Galaxien. Die kleinen Bilder nehmen die Rolle von charmanten Wegbegleitern oder auch Störenfrieden ein, die man in Ausstellungsräumen, zwischen Installationen und in Treppenaufgängen findet. Wie beim Betrachten der fernen Sternkonstellationen überkommt einen auch bei den Arbeiten der 51 Biennale-Künstler das mulmige Gefühl, im unendlichen Kunstraum verloren zu sein. Man muss sich diese Biennale trotz gefühlvoller Momente wie Werner Herzogs "Hearsay of the Soul", simpel gefilmte Close-ups von Landschafts-Radierungen des niederländischen Malers und Radierers Hercules Pietersz Segers (um 1590 bis 1638) zu bewegender Musik des Cellisten Ernst Reijseger oder die Pferdedame der Tanz-Choreografin Sarah Michelson, die über den mit architektonischen Plänen des Whitney ausgelegten Boden flaniert, hart erarbeiten.

"Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass ich viel zu dieser Ausstellung beizutragen habe", erklärt die New Yorker Performance-Künstlerin Andrea Fraser auf kokett provokante Weise in einem Buch, dessen Seiten sich nicht umblättern lassen. Diese Biennale ist vielen individuellen Stimmen gewidmet. Die Arbeiten kommunizieren selten miteinander. Was jedoch fasziniert, ist die simple Tatsache, dass hier Performances, Filme, die üblicherweise nicht unter der Kategorie Kunstfilm laufen würden, sowie Tanztheater und Poesie gleichgestellt neben den traditionellen Formen existieren.

Wesen der amerikanischen Kunst

Zu den Höhepunkten der Show, mit der mal wieder das Unmögliche angestrebt wird, nämlich, das Wesen der amerikanischen Kunst zu ergründen, zählen die Porträts der in Frankreich geborenen Nicole Eisenman. Vor allem ihr Bild "Breakup", das eine rotnasige Figur zeigt, die eine Textnachricht zu lesen scheint. Der ab Juni laufende Film "Boxing Gym" des 1930 geborenen Dokumentarfilmers Frederick Wiseman, in dem Amerikaner aller Rassen und Altersklassen mit ihren Boxhandschuhen auf das Leben einzudreschen scheinen. Die clevere Installation "Fluid Employment" des 31-jährigen Sam Lewitt, bei der primitive Ventilatoren eine ölige, ferromagnetische Flüssigkeit bewegen. Die mit Haferflocken bedeckten Skulpturen des Detroiter Künstlers Michael E. Smith, die eigensinnig an den Museumswänden kleben. Oder Luther Prices Film-Collagen aus alten Dokumentarstreifen und Hollywoodmüll, den er manipulierte und verrotten ließ, bevor er ihn wieder zusammenfügte.

Kein Stillstand

Die in LA lebende Performance-Künstlerin Dawn Kasper hat sich für die Dauer der dreimonatigen Ausstellung mit all ihren Büchern und sonstigem privaten Krempel im Whitney einquartiert. Aufgekratzt stand die Künstlerin den Besuchern der Eröffnung Rede und Antwort. "This Could be Something if I Let It" heißt die Arbeit – "Das hier könnte etwas werden, wenn ich es zulasse." Die Biennale ist nicht statisch, sondern wird sich für die gesamte Dauer mit neuen Performances und Filmarbeiten, darunter die Detroitfilme des verstorbenen Mike Kelley, permanent verändern.

"Schreiber sind wie kranke Bienen, die zwischen Kunstwerken und Shows herumsummen ... und wie die Bienen sind auch die Schreiber (besonders die Kritiker) etwas desorientiert in dieser Welt", schreibt der Biennale-Teilnehmer John Kelsey im Katalog. Für die beiden Kuratoren Elisabeth Sussman und Jay Sanders scheint genau das der Punkt gewesen zu sein. Sie hätten nicht nach etwas Spezifischen gesucht, so Sussman, die 1993 eine umstrittene Biennale organisierte, aus der viele wichtige Künstler hervorgingen. Er würde keine einfachen prägnanten Zitate sehen, so Jay Sanders. So bleibt ihre Biennale ein schwer fassbares Ereignis aus einer fernen Galaxie, in der einige Sterne über mehr Strahlkraft verfügen als andere.

Whitney Biennale 2012

bis 27. Mai, Whitney Museum of American Art, New York
http://whitney.org