Philipp Otto Runge - Hamburg

Runge-Rettung

Die Hamburger Kunsthalle bekommt sieben weitere Werke des Malers Philipp Otto Runge (1777 bis 1810), die so vor einem Verkauf bewahrt werden. Die Bürgerschaft und private Stifter ermöglichen den Deal mit den Erben Runges. So wird trotz Streits zwischen zwei Erbengemeinschaften das Werk von Runge einheitlich präsentiert
Gerettet:Die  Kunsthalle bekommt sieben weitere Werke von Runge

Philipp Otto Runge (1777-1810): "Selbstbildnis im blauen Rock" ,1805
Eiche, 40,3 x 28,9 cm

Wer Philipp Otto Runge bewundern und erforschen will, muss sich in Hamburg umsehen, wo der Romantiker fast ein Drittel seines kurzen Lebens verbracht hat und wo er 1810 gestorben ist. Großenteils dank Geschenken aus seinem Familien- und Freundeskreis hängen 27 von 33 unumstrittenen Runge-Gemälden ständig in der Hamburger Kunsthalle, die überdies das Gros der Zeichnungen verwahrt. Dass ein wichtiger Werkblock bislang nur geliehen war, fiel wenig auf.

Jetzt aber, seit der zweiten Februarwoche, ist er gegen eine abschließende Zahlung von 4,6 Millionen Euro und mit parlamentarischem Segen der Bürgerschaft in sicheres Eigentum gerettet. Ohne einen solchen Abschluss hätten die Verkäufer nächstes Jahr freie Hand bekommen, eines der betreffenden Stücke, Runges „Lehrstunde der Nachtigall“, zurückzuziehen und beispielsweise versteigern zu lassen.

Außer der „Lehrstunde“ umfasst das Konvolut ein großartiges gezeichnetes Selbstporträt und fünf weitere Gemälde, nämlich noch zwei Selbstbildnisse, die golden grundierte Allegorie „Mutter Erde mit ihren Kindern“, eine Ölskizze zum monumentalen Doppelporträt der Eltern Runge sowie „Otto Sigismund im Klappstuhl“ – Weihnachtsgabe 1805 für die Schwiegereltern in Dresden, die den ersten Sohn des Malers als pralles Kleinkind vorführt. Familiengeschichten: Runges Frau und Witwe Pauline, die ihren Mann um 71 Jahre und auch Otto Sigismund lange überlebte, hat das Bildchen nach plausibler Überlieferung seinem Sohn Paul in Berlin hinterlassen; dort bekam der Hamburger Kunsthallendirektor Alfred Lichtwark es 1892 zu Gesicht. Schon ein Jahr zuvor hatte Paul Runge dem Museum den sogenannten „Kleinen Morgen“ seines Großvaters zum Präsent gemacht. Für die verbleibende Sammlung, darunter offenbar die nun in Hamburg verhandelten Werke, erlegte er seinen Nachfahren testamentarisch auf, sie gefälligst zusammenzuhalten.

Sohn Georg (in kunsthistorischen Katalogen kurioserweise immer „Oberst G.“) Runge kam diesem Vermächtnis insofern nach, als er die Werke 1913 en bloc in die Kunsthalle gab – geliehen, nicht geschenkt. Der Zusatz „jetzt: Dr. Fritz Runge, Heidelberg“ in späteren Eintragungen verschleiert die Tatsache, dass Georg Runge zwei Söhne hatte: Sigismund, der aus dem Zweiten Weltkrieg nicht zurückkehrte, und eben Fritz. Im Kontrast zur Harmonie der Sippe Runge bei übergreifenden Großfamilientreffen wuchsen hier über Jahrzehnte Spannungen zwischen zwei Erbengemeinschaften. Sie führten schließlich dazu, dass 2002 zunächst eine Fraktion, die in der Nachfolge des 1982 verstorbenen Fritz Runge, mit der Stadt Hamburg übereinkam, dieser für 4,6 Millionen Euro das Eigentum an der Hälfte jedes einzelnen Werks abzutreten. Separat wurde das Porträt „Pauline im grünen Kleid“ ganz für 500 000 Euro verkauft. Längst unwiderruflich verloren, nämlich 1931 wie zwei weitere Runge-Bilder aus dem Kunsthallenbestand bei einer Ausstellung im Münchner Glaspalast durch Brandkatastrophe vernichtet, war „Mutter und Kind an der Quelle“.

Der Vertrag von 2002 lieferte das Muster für die aktuelle Einigung mit den anderen Erben: Für die zweiten Bildhälften fließen wiederum 4,6 Millionen Euro, aufgebracht ähnlich wie seinerzeit durch diverse private und öffentliche Spender. Den größten Anteil, 1,4 Millionen, trägt die Hermann-Reemtsma-Stiftung – die so auch die Stadt daran hindern konnte, sich um jeden Beitrag zur großen Kulturtat zu drücken: Als schließlich noch eine Lücke eine Million im Spendentopf fehlte, bot die Stiftung an, ihren ursprünglich offerierten Anteil von 900 000 Euro um soviel aufzustocken, wie die Stadt zu zahlen bereit sei. Mit je 500 000 Euro auf beiden Seiten war die Hürde genommen.

Philipp Otto Runge hätte die Daumenschraube wohl gebilligt. Er wusste schon vor gut 200 Jahren, „dass in einem Staat wie Hamburg sehr viel auf den guten Willen des Publikums gerechnet werden könne, wo die beschränkte Würkung der Behörden nicht ausreicht“.

"Kosmos Runge – Der Morgen der Romantik"

bis 13. März 2011 in der Kunsthalle Hamburg


http://www.hamburger-kunsthalle.de

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