Araki & Bratkov - Deichtorhallen Hamburg

Intimer Ich-Roman und schonungslose Sozialkritik

Eine Doppelausstellung in den Hamburger Deichtorhallen zeigt mit dem Frühwerk des japanischen Fotografen Nobuyoshi Araki und Bildern des russisch-ukrainischen Künstlers Sergey Bratkov zwei sehr unterschiedliche künstlerische Positionen. Von Araki sind selten gezeigte intime Schwarzweißporträts seiner jungen Frau Yoko zu sehen. Bratkov fotografiert den Alltag in der postsowjetischen Gesellschaft und provoziert mit schonungslosen, sozialkritischen Bildern.
Intimer Ich-Roman und schonungslose Sozialkritik:Araki und Bratkov in Hamburg

Nobuyoshi Araki: aus der Serie "My Wife Yoko", 1968-1976, s/w-Fotografie

Mit Fotografien von jungen, gefesselten Japanerinnen wurde Nobuyoshi Araki, geboren 1940, zu einem weltbekannten Popstar unter den Fotografen. Verschnürt und verknotet, lasziv in traditioneller japanischer Kleidung oder nackt an Seilen von der Decke hängend porträtierte Araki jungen Frauen.

Was im Westen unter dem Begriff "Bondage" oft als frauenfeindlich abgetan wird, beschreibt Araki als "eine Art Umarmung, einen Akt der Liebe". "Kinbaku" nennt man in Japan das erotische Fesseln, und Arakis Bilder zeigen, wie kunstvoll dieses sein kann.

Die Ausstellung "Silent Wishes" in den Hamburger Deichtorhallen fokussiert sich auf Bilder von Araki, die er vor seinem internationalen Durchbruch machte. "Es ist eine andere Art von Araki, ein poetischer, lyrischer", sagt Kuratorin Magrit Zuckriegel. Im Zentrum steht die Werkgruppe "My wife Yoko", ein intimes Porträt seiner jungen Frau. Seit seiner ersten Begegnung mit ihr im Jahre 1968 wird sie sein bevorzugtes Motiv. Araki fotografierte die gegenseitige Annäherung, den gemeinsamen Alltag und Ausflüge in die Umgebung ihrer Heimat. Ihre Hochzeitsreise im Jahr 1971 bildet hierbei einen besonderen Schwerpunkt. Unter dem Titel "Sentimental Journey" fasste Araki die Dokumentation der Reise zu einem Buch zusammen, in dessen Vorwort er schrieb: "Die Fotos dieser sentimentalen Reise sind meine Liebe und mein Beginn als Fotograf". Die Schwarzweißbilder umkreisen Yoko und zeigen ihre Wandlungsfähigkeit. "Es sind Fotos voller zarter, erotischer Spannung, diese Intimität kennen die späteren Arbeiten Arakis nicht", meint Dirk Luckow, der Intendant der Deichtorhallen.

"Yoko ist immer mein liebstes Modell gewesen."

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Museum der Modere Salzburg. Als Magrit Zuckriegel, die Kuratorin des Museums, mit Araki über das Vorhaben, sein Frühwerk auszustellen, sprach, verband er dieses mit einer Bedingung: „My wife Yoko“ sollte nicht ohne die Serie "Winter Journey" aus den Jahren 1989/90 ausgestellt werden. Die zwölf Bilder dokumentieren die Krankheit und den Tod Yokos mit nur 42 Jahren. Es sind berührende Bilder, die unendlich traurig und zugleich wunderschön sind. "Yoko ist immer mein liebstes Modell gewesen. Hätte ich ihren Tod nicht dokumentiert, hätte ich meine Seele verloren", äußerte sich Araki zu den Bildern. Dem Thema der Vanitas fällt in allen Fotografien Arakis ein großes Gewicht zu. Bereits in "My wife Yoko" sind es meist melancholische Momente in denen Yoko sehr zerbrechlich wirkt. Der Blick der Porträtierten ist oft ernst, nach innen gekehrt, zuweilen entrückt und traurig. Diesen Ausdruck findet man auch im Gesicht der Frauen der Kinbaku-Bilder wieder. "Es ist ein tiefes Wissen um das Memento mori in den Fotografien Arakis erkennbar", sagte Sabine Schnakenberg, die Kuratorin des Hauses der Photografie.

Neue Schwarzweißaktfotografien

Ergänzt werden die beiden Werkgruppen von einer neuen Serie aus dem Jahr 2006 mit dem Titel "Love by Leica". Mit dieser Sammlung von Schwarzweißaktfotografien versucht Araki an seine frühen Arbeiten anzuknüpfen. Der tagebuchartige Umgang mit dem Medium Fotografie, der für "My wife Yoko" und "Winter Journey" besonders kennzeichnend ist, entfällt hier jedoch. Trotz der ästhetischen Nähe der Bilder entsteht ein Bruch in der Ausstellung, denn gerade die Intimität der ersten Bilder, die persönliche Geschichte machen das Frühwerk Arakis so besonders und heben es deutlich von seinen anderen Arbeiten ab. Es ist eine Liebesgeschichte, die Araki mit den Fotografien erzählt, die wunderschön zärtlich, zerbrechlich und ebenso traurig ist. "Ich legte meinen Ausgangspunkt als Fotograf auf die Liebe und begann zufällig mit meinem Ich-Roman", sagte Araki und an Yoko gerichtet: "Ich bin sicher, dass dieses Fotobuch Dir, meiner Liebe, auch gefallen hätte."

Provozierende Bilder von Kindern

Zeitgleich ist im Haus der Photografie in Kooperation mit dem Fotomuseum Winterthur die Ausstellung "Heldenzeiten" des russisch-ukrainischen Künstlers Sergey Bratkov zu sehen. Der 1960 geborene Fotograf wurde mit der Serie "Kids" im Jahr 2000 schlagartig bekannt. Mädchen und Jungen posieren lasziv in kurzen Röckchen, mit Feinstrumpfhosen, knallrot geschminkten Mündern und zigarettenrauchend vor der Kamera. Die Arbeit entfachte Diskussionen über Pädophilie, wurden harsch kritisiert und Bratkov wurde zu einer Sitzung der Ethikkommision vorgeladen. "Ich hatte mir ganz bewusst die Maske des Lasterhaften aufgesetzt und damit einen Sturm der Entrüstung provoziert", erzählte Bratkov. Die Bilder gleichen Fotografien aus den Massenmedien, und in den Zeitungsgeschäften Moskaus der neunziger Jahre quollen die Regale von Pornoheften über. Zu dieser Zeit wurden in Russland zahlreiche Kindermodelagenturen gegründet. Bratkov wurde von den Eltern gebeten, Bewerbungsfotos ihrer Kinder für eine solche Agentur zu produzieren. Da die Eltern kein Geld für Stylisten hatten, schminkten und kleideten sie die Kinder selbst nach Vorlage der Medienbilder. Bratkov nahm den Auftrag an und nutzte ihn für seine künstlerische Arbeit, mit der er auf tatsächlich bestehende Fälle von Pädophilie hinweisen wollte. "Ich stehe als Künstler im realen Leben, in der realen Welt und bin sehr mit ihr und auch mit der Kritik an der Welt verbunden", sagte Bratkov, "und ich möchte die Welt verändern. Wir sind dazu verpflichtet, nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Gesellschaft."

Sekretärinnen im Bikini

In seinen Bildern setzt sich Bratkov mit der postsowjetischen Gesellschaft auseinander. Manche Fotografien sind schrill und stoßen, wie die Bilder aus der Serie "Kids", an moralische Grenzen. Doch sind hierbei "nicht die Bilder pervers, sondern die Welt in der solche Bilder entstehen und existieren können", sagte Kurator Ingo Taubhorn.
Als Ausschreibungsbedingung für eine Stelle als Sekretärin wollte ein Arbeitgeber Bilder der Bewerberinnen im Bikini sehen. Bratkov hatte den Auftrag die "Bewerbungsfotos" zu machen. Entstanden ist eine Serie junger Frauen, die sich auf Bürostühlen räkeln und versuchen, dabei möglichst sexy zuwirken. "Bratkov versucht in der jeweiligen Zeit Spielräume auszuloten und schaut, welche Bilder möglich sind", sagte Thomas Seelig, der die Ausstellung für das Fotomuseum Winterthur zusammenstellte, und schrieb im Vorwort zum Ausstellungskatalog: "Er spricht von der Prägung des kollektiven Körpers, der selbst in seinen Einzelporträts hervortritt und den er phänomenologisch immerzu anzukratzen und zu hinterfragen sucht."

"Ein Sinnbild für die postkommunistische Gesellschaft?"

Großformatig ist das Bild "Landing Party", aus dem Jahr 2003 an die Wand tapeziert. Es zeigt einen bekleideten Mann, der sich rücklings und mit weit auseinandergestreckten Armen in einen Pool fallen lässt. "Ein Sinnbild für die postkommunistische Gesellschaft?" fragt Seelig. Aufgenommen hat Bratkov das Bild bei einem Fest für ehemalige Fallschirmjäger, die sich einmal im Jahr in einem Park treffen, betrinken und, im Falle des Porträtierten, in den Pool werfen. Der überwiegende Teil von Bradkovs Werk "entstand in den ungezügelten Jahren der Irritation und des Verlustes einer zuvor festgefügten Weltordnung, aber auch des Versprechens einer freieren, individuelleren und besseren Zukunft", schreibt Seelig.Es sind die Geschichten, die hinter den Bildern stehen, die schonungslose Schilderung dessen, was er beobachtet und auch das Unbequeme seiner Arbeiten, was Bradkovs Werk so interessant macht. Zuweilen scheinen die Fotografien auf den ersten Blick plakativ und klischeelastig, doch sind es vermutlich genau diese Überspitzungen, die den Blick auf die gesellschaftspolitischen Probleme schärfen.

Mit Araki und Bradkov sind zwei sehr unterschiedliche Positionen in den Deichtorhallen nebeneinander gestellt. Es fällt schwer von den stillen, poetischen Bildern Arakis in die laute, knallig Bilderwelt Bradkovs einzutauchen und umgekehrt, doch sieht Bratkov eine Parallele: "Was uns verbindet, ist der Verlust der Utopie des Lebens."

"Silent Wishes" und "Heldenzeiten"

Termin: bis 28. August, Deichtorhallen, Hamburg
http://www.deichtorhallen.de/

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