Emma Sulkowicz - New York

Die Last einer Matratze

Weil ihr mutmaßlicher Vergewaltiger ohne Strafe weiter an der gleichen Elite-Uni studieren darf, trägt Kunststudentin Emma Sulkowicz eine Matratze mit sich herum. art-Korrespondentin Claudia Bodin berichtet über eine Performance-Arbeit, die weltweit Schlagzeilen macht.

Seit mehr als zwei Wochen trägt die junge Studentin ihre Scham für etwas, das ihr angetan wurde, öffentlich zur Schau. Ebenso wie die Wut darüber, dass die Verwaltung der New Yorker Columbia University sie nicht schützt und das Verlangen, nicht still zu halten, sondern aufzuschreien und sich gegen das Unrecht zu wehren. Ihre Art des Protests ist eine blaue Matratze, ihre Privatsphäre, die sie aus ihrem Studentenzimmer in die Welt beförderte.

Emma Sulkowicz wurde zu Beginn ihres zweiten Studienjahres auf dem Campus der Universität in ihrem Zimmer von einem Mitstudenten vergewaltigt. Der Täter laufe ein Jahr später unbescholten auf dem Campus herum, sagt sie. Sulkowicz will mit ihrem Protest erst dann aufhören, wenn der mutmaßliche Täter zur Rechenschaft gezogen wurde und die Elite-Universität verlassen muss. "Carry that Weight" heißt die Aktion, die Kunststudentin Sulkowicz als Performance versteht und über die sie ihre Abschlussarbeit schreiben will. Für ihre Performance stellte sie Regeln auf: Es ist ihr nicht erlaubt, um Hilfe zu bitten. Aber andere können ihr helfen, die Last der Matratze über den Campus und in die Vorlesungssäle zu tragen.

An dem Tag, als Sulkowicz mit ihrer Aktion begann, gab sie dem Columbia Spectator ein Interview, in dem sie ruhig und gefasst über die damalige Tat und ihre Performance spricht. Seitdem wurde aus der Studentin eine Medien- und Protest-Sensation. Mitstudenten zerrten Matratzen auf den Campus, um dagegen zu protestieren, wie mit dem Problem der sexuellen Gewalt an der Universität umgegangen wird. Zwei weitere junge Frauen sollen von dem Kommilitonen sexuell belästigt worden sein. Aber nach einer Anhörung hielt ihn die Universitätsverwaltung für unschuldig. Das Wort der Frauen stand gegen das Wort des jungen Mannes. Die Entscheidung landete bei dem Dekan der Universität, der sich der Meinung seiner Kollegen anschloss und dem jungen Mann Recht gab. Insgesamt reichten 23 Studentinnen von der Columbia University und des angeschlossenen Barnard College Beschwerden dagegen ein, wie die Verwaltung mit Fällen von sexuellen Übergriffen umgeht.

Studentin Sulkowicz lebt seitdem jeden Tag mit der Angst, ihrem Täter zu begegnen. "Ich glaube, dass die Schule unter Druck steht, ihn für unschuldig zu befinden, weil Columbia bis jetzt Dinge wie diese unter den Teppich kehrte und niemand etwas darüber erfuhr. Aber das bedeutet, dass die Columbia-Verwaltung serielle Vergewaltiger beherbergt. Das öffentliche Image ist ihr wichtiger als die Sicherheit der Menschen", schrieb Sulkowicz in "Time Magazine". Dass sie sich mit ihrer Aktion und Performance in der Tradition großer feministischer Künstlerinnen wie Suzanne Lacy, Nancy Spero, Sue Williams oder Yoko Ono befindet, die sich von ihrem Publikum die Kleider vom Leib schneiden ließ, scheint für die Kunststudentin nebensächlich zu sein. Ihr geht es um Gerechtigkeit und darum, dass sie nicht länger in Angst leben muss.

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