Matias Faldbakken - Interview

Die Deutschen lieben Gewalt

Die Bücher von Matias Faltbakken erregen die Gemüter, auch in seiner Kunst spielen Provokation und Aggression eine tragende Rolle. Nun widmet ihm die Kunsthalle Fridericianum Kassel eine Einzelausstellung. art sprach mit ihm über Popkultur, Punk und die Vorlieben der Deutschen.
"Die Deutschen lieben Gewalt":Matias Faldbakken im Interview

"Meine Kunst setzt sich mit den Möglichkeiten der Anti-Haltung auseinander", sagt der Künstler und Schriftsteller Matias Faldbakken

In Norwegen erschienen Ihre Bücher unter dem Pseudonym "Abo Rasul", einem fiktiven arabischen Namen, der so viel wie "Vater Arschloch" bedeutet. Gefallen Ihrem Vater Ihre Bücher?

Matias Faldbakken: Das kann ich nicht sagen. Ich glaube er hat sie gelesen, aber wir sprechen nicht darüber.

Mit Ihrem familiären Hintergrund mussten Sie wahrscheinlich Künstler werden.

Ja, mein Vater ist Schriftsteller, meine Mutter ist Kunsthandwerkerin, und mein Bruder hat sich schon früh für den Film interessiert. Man kann sagen, wir sind eine kreative Familie. Aber ich wurde nie auf irgendeine Weise in eine bestimmte Richtung gedrängt.

Sie selbst beschränken sich auf kein einzelnes Genre, sie produzieren Fotografien, Videos, Installationen und Literatur. Wie wichtig ist es für Sie ein "Allrounder" zu sein?

Nicht so sehr, würde ich sagen. Ich habe keine technischen Vorlieben, ich bin kein Künstler, der ein spezielles Medium wählt. Die Technik und Ästhetik sind eher eine Art Strategie.

Die Idee ist Ihnen wichtiger als das Medium?

Ja, die Idee und die Haltung, die dahinter liegen, sind wichtiger.

Welchen Anspruch stellen Sie an Ihre Kunst?

Ich weiß nicht, ich habe keine großen Erwartungen. Ich mache einfach mein Ding.

Sie treten der Popkultur entgegen, indem Sie diese zerstören, reduzieren und missbrauchen. Ist diese Anti-Haltung nicht schon längst selbst populär?

Einige meiner Arbeiten und auch meine Literatur beschäftigen sich mit der Problematik, wie schwierig es geworden ist, eine Anti-Haltung oder eine Outsider-Position aufrecht zu erhalten. Meine Kunst setzt sich mit den Möglichkeiten der Anti-Haltung auseinander.

Ist es nicht sehr trendy anti zu sein?

Es hängt davon ab, was man mit anti meint, ob man wirklich anti ist oder ob man nur anti ist, um anti zu sein. Es gibt immer Möglichkeiten anti zu sein, ohne populär zu werden.

Provokation, Destruktion, Reduktion: Wie viel Punk steckt in Ihrer Kunst?

Punk hatte schon immer Einfluss auf mich, die Haltung des Punk war mir stets wichtig. Natürlich gibt es eine Art kunsthistorische Dramaturgie, die von Dada, über die Situationisten und der Avangarde bis zum Punk reicht und auf die ich immer geachtet habe. Ich bin mir durchaus des Potenzials, aber auch der Problematik, die im Punk liegt, bewusst. Ich pflege eine Art Hass-Liebe zum Punk.

Sind Ihre Bücher auch Kunst?

Ja, natürlich, sie sind Teil meiner Arbeit, aber ich versuche diese beiden Welten nicht zu sehr miteinander zu vermischen. Ich bin darum bemüht meine Kunstproduktion auf der einen Seite und meine Literatur auf der anderen zu halten. Selbstverständlich zehren beide Gattungen voneinander, überhaupt kam die Idee, Bücher zu schreiben, vom Umgang mit Kunst. Ich wäre heute kein Schriftsteller, wenn ich nicht begonnen hätte Kunst zu machen. So sind meine Kunst und meine Literatur miteinander verbunden, aber ich würde meine Bücher niemals in einer Galerie ausstellen, da hätten sie nichts verloren. In diesem Sinne sind meine Bücher nicht Kunst, sondern Literatur.

Ihre Trilogie trägt den Titel "Skandinavische Misanthropie". Ist der durchschnittliche Skandinavier depressiver als der durchschnittliche Mittel-Europäer?

Nein, das denke ich nicht. Misanthropie findet man überall, das ist keine skandinavische Spezialität.

Ihre Bücher entpuppten sich als Bestseller, vor allem in Deutschland. Warum wollen besonders die Deutschen etwas über Sex, Hass und Gewalt lesen?

Begeistern sich die Deutschen nicht für so etwas? Gewalt und schwarzer Humor, daraus bestehen meine Bücher. In keinem anderen Land haben sie sich so gut verkauft, also muss da was dran sein.

Sie haben einmal gesagt, Sie könnten die Wirkung ihrer Kunst wesentlich besser einschätzen als den Einfluss ihrer Bücher. Warum ist das so?

Das liegt daran, dass ich mein Kunstpublikum besser kenne, ich weiß wer sich die Ausstellungen ansieht. Das Publikum meiner Bücher ist viel heterogener, es reicht vom gebildeten Literaten bis zum Teenager, der Einflussbereich ist größer, und damit wird auch das Publikum vielfältiger. Nicht viele Teenager kommen zu meinen Ausstellungen, aber sie kaufen meine Bücher.

Möglicherweise kommen ja einige Fans zu Ihrer aktuellen Ausstellung im Fridericianum.

Normalerweise nicht. Vielleicht ein oder zwei, wenn sie wirklich große Fans sind. Eigentlich wissen sie gar nichts von meinen Ausstellungen, das sind einfach verschiedene Welten: die Welt der Jugendlichen, die Welt der Literatur und die Kunstwelt. Welcher Teenager geht heutzutage ins Museum? Aber vielleicht ist das ja in Deutschland anders.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen einem Ausstellungsort wie dem Fridericianum und Ihrer Punk-Attitüde?

Ich mache Kunst nur noch nach Einladungen. Vor einigen Jahren beschloss ich mit der Kunst aufzuhören und begann Bücher zu schreiben, mit dem Erfolg der Bücher kamen dann auch die Einladungen zu Ausstellungen. Es ist mir nicht wichtig, ob es sich um etablierte oder weniger bekannte Institutionen handelt, ich habe nie um eine Ausstellung gebeten. Ich passe meine Arbeiten nicht an den Ausstellungsort an, so kann ich Kunst produzieren, mit der ich zufrieden bin.

"Matias Faltbakken: The Death Of Which One Does Not Die"

Termin: 28. August bis 14. November, Kunsthalle Fridericianum Kassel
http://www.fridericianum-kassel.de

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