Weltstars der Fotografie - Mannheim

Nobelpreis für Fotografie

Die Mannheimer Ausstellung "Weltstars der Fotografie" präsentiert erstmals alle Preisträger der Hasselblad Foundation – ein Wiedersehen mit legendären Fotografen wie Hiroshi Sugimoto, Robert Häusser und William Eggleston.

Es ist Dunkel. Schnee liegt. Im Hintergrund duckt sich ein Dorf. Ein Lichtstreifen im Vordergrund, dick vermummte Gestalten. Stapfen. Immer dem Hellen entlang. Eine Reihe Personen, es sind Kinder. Vorneweg läuft jemand mit einer Pauke. Eine seltsame Stimmung. "Lärmende Kinder verscheuchen die Vögel vom Feld" (1940), betitelte Hiroshi Hamaya (1915 bis 1999) das Foto, das Teil der dokumentarischen Serie über das Landleben in der abgeschiedenen Provinz Niigata in Japan, ist.

Ein Foto, scheinbar mit Tonspur. Aber ohne Vögel. "Die Aufgabe eines Fotografen ist es, darzustellen, was Wörter und andere Ausdrucksformen nicht vermitteln können", sagte Hamaya einmal. Seine Bilder hängen jetzt in Mannheim – neben rund 250 anderen. Hiroshi Hamaya ist einer der 28 bisherigen Preisträgern der Hasselblad Foundation, die von den Reiss-Engelhorn-Museen in einer Ausstellung unbescheiden und oft zutreffend als "Weltstars der Fotografie" gefeiert werden – neben dem Wissenschaftsfotografen Lennart Nilsson, dem Romantiker Ansel Adams, Henri Cartier-Bresson, den Farb-Experimenteuren Ernst Haas und William Eggleston, Robert Frank, Lee Friedlander, David Goldblatt, Malick Sidibé. Oder Jeff Wall und Cindy Sherman, beides Virtuosen des Inszenatorischen.

Ein Preis für herausragende Leistungen aus allen Genres

Hasselblad ist eine berühmte Kameramarke, aber ihr Gebrauch selbstredend nicht Voraussetzung für die Preiswürdigkeit. Die seit 1980 vergebene Auszeichnung, dotiert mit 55 000 Euro, gilt als Nobelpreis für Fotografie. Es ist ein Preis für herausragende Leistungen "in etwas Neuem und Innovativen" aus allen Genres – vom Dokumentarischen bis zur Kunst. Das heißt, er wird vorwiegend an alte Männer vergeben, die ihre wesentlichen Bildideen in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts hatten. Der Mexikaner Manuel Álvarez Bravo etwa, dritter Preisträger nach Nilsson und Adams, war schon 82 als ihm – wie üblich – ein Vertreter des schwedischen Königshauses eine Goldmedaille um den Hals hängte, Ansel Adams war 79.

Die meisten mussten zwischen 60 und 70 werden, bevor sie der Radar der Jury ausmachte. Rund Zweidrittel der Preiträger haben einen bildjournalistischen Hintergrund. Und es sind nur fünf Frauen, darunter Hilla Becher, die für ihre Dokumentarfotografie ausgezeichnet wurde, darunter auch: Susan Meiselas, Cindy Sherman, Nan Goldin und die aktuelle Preisträger Graciela Iturbide.

Hochöfen, Goldminen und das World Trade Center

Von ihr ist im gedimmten Licht der Mannheimer Ausstellungssäle zum Beispiel die Serie mit mexikanischen Frauen aus Juchitán zu sehen. Eine trägt einen lebenden Leguan als Hutschmuck. Sie ist aus der Untersicht aufgenommen, die Augen: fest in der Ferne und entrückt zugleich. Iturbide, die wohl bekannteste Fotografin Mexikos, fotografierte in ihren Anfängen im Stil anderer Hasselblad-Geehrten wie Henri Cartier-Bresson, Josef Koudelka oder Sabastião Salgado. Ihr Lehrer war der erwähnte Manuel Álvarez Bravo (1902 bis 2002).

Bravo schwankte zwischen dokumentarischer Genauigkeit und surrealen Inszenierungen. Sein Bild aus dem Jahr 1934, von einem streikenden Arbeiter, der ermordet und entseelt in seiner Blutlache liegt, ist eines der bekanntesten Fotos überhaupt. So wie bei Bravo lauert in der – was fast nahe liegend ist – sehenswerten Mannheimer Schau ein ständiges Déjà-vu. Immer wieder sieht man Bilder, die man fast auswendig kennt, wie Richard Avedons grazil im Dior-Kleid zwischen zwei Elefanten posierende "Dovima". Oder die "Zigeuner"-Fotos von Josef Koubelka, Irving Penns Künstlerporträts von Marcel Duchamp und Salvador Dalí, die bedrückende Reportage von Sabastião Salgado aus der Arbeitshölle einer brasilianischen Goldmine. Die Hochöfen der Bechers und das ahnungsvoll, verschwommene Abbild des World Trade Centers von Hiroshi Sugimoto. Das Foto zu betrachten, lässt im Nachhinein eine ähnliche Beklemmung zurück wie das Foto, das der Mannheimer Lokalmatador Robert Häusser, 1924 geboren und Preisträger 1995, von dem verpackten Rennwagen des Formel-Eins-Fahrers Jochen Rindt gemacht hat. Unwirklich sieht das vermummte Sportgerät aus – wie ein Memento mori, ein Sarg. Jochen Rindt jedenfalls verunglückte wenige Wochen nach dem Fototermin in diesem Wagen tödlich.

"Weltstars der Fotografie. Die Preisträger der Hasselblad Foundation"

Termin: bis 11. Januar 2009, Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim.
http://www.rem-mannheim.de/museen/museum-weltkulturen/ausstellungen/weltstars-der-fotografie/