Die Kritik - 5. Berlin-Biennale

Eure Tage, unsere Nächte

Bitte keine Traditionen – so lautet die einzige Regel der Berlin-Biennale, deren fünfte Ausgabe heute abend offiziell eröffnet wird. Und auch die Kuratoren des aktuellen Durchgangs, der Pole Adam Szymczyk und die Amerikanerin Elena Filipovic haben sich konsequent an diese Gebot gehalten. Sie verzichten auf große Gesten und punkten stattdessen mit subtiler Kunst, historischer Genauigkeit und einer flexiblen, offenen Ausstellungsarchitektur.
Die 5. Berlin-Biennale beginnt:subtil, ästhetisch bestechend und historisch genau

Nairy Baghramian: "La colonne cassée" (1871), 2008

Schon im Vorfeld war die Neugierde groß, wie die beiden Ausstellungsmacher mit dem großen Erfolgsdruck umgehen würden, der vor allem durch ihre äußerst erfolgreichen Vorgänger, das Kuratorentrio Maurizio Cattelan, Massimiliano Gioni und Ali Subotnick aufgebaut worden war. Jene hatten die Ausstellung als ein existenzialistisches Straßentheater entlang der Auguststraße inszeniert, mit dem traditionellen Ausstellungsort der Biennale – den Kunst-Werken – als dem dunklen Herzstück.

Ein Teil des Erfolgs der vierten Biennale vor zwei Jahren mag in der Rückschau daran gelegen haben, dass das Trio der Mehrheit des Publikums das Gefühl vermitteln konnte, Berlin-Mitte wie in den früher neunziger Jahren noch einmal zu entdecken. Die Inbesitznahme eines verwaisten Schulgebäudes als Ausstellungshaus erwies sich hierbei als größter Glücksgriff. Wie schockgefrostet schienen die jahrelang verlassenen Klassenräume und die Turnhalle nur darauf gewartet zu haben, als bröckelige Kulisse für ein Gänsehaut-Erlebnis zu dienen: Was kümmerte es da, dass die Stadt ringsumher längst weiter war?

Ganz anders arbeiten hingegen Szymczyk und Filipovic mit den von ihnen gewählten Ausstellungsorten. Ob nun in der modernistischen Grandezza des Obergeschosses der Neuen Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe, dem unwirtlichen Ödland des ehemaligen Mauerstreifens zwischen Mitte und Kreuzberg, den vier Geschossen der zum KW-Ausstellungshaus umgenutzen, ehemaligen Margarinefabrik an der Auguststraße oder der hybriden Architektur aus Neoklassizismus und Ostmoderne des Schinkelpavillons in Sichtweite des Stahlträgerskelletts des Republikpalastes: Der Umgang mit den Orten ist geprägt durch Sensibiliät für Gegenwart und Vergangenenheit sowie großes Inszenierungsgeschick, welches jedoch nie in bloße Effekthascherei abgleitet. Es ist im positiven Sinne schockierend, wie sich trotz der disparaten Orte am Ende des ersten Rundgangs nicht zuletzt aufgrund einer flexiblen, offenen Ausstellungsarchitektur doch ein einheitlich anmutendes Gesamtbild ergibt. Auch diese Biennale ist wieder anders als ihre Vorgänger, und sie ist gelungen.

In schöner Großzügigkeit haben die Ausstellungsmacher etwa dem türkischen Künstler Ahmet Ögüt das Erdgeschoss der Kunst-Werke überlassen und für ein überraschendes Entree gesorgt. Die vollständig asphaltierte 400 Quadratmeter messende Bodenfläche lenkt die Aufmerksamkeit noch einmal auf das Haus selbst und verweist zugleich auf die Straße als eine möglichen Zustandsform des öffentlichen Raums. Denn dies ist eins der unausgesprochenen Themen der Ausstellung: die Auseinandersetzung mit der Stadt, mit den unterschiedlichen Situationen und Balancen, die sie konstituiert. So beobachtet etwa der Chinese Zhao Liang kommentarlos die
Transformationen, die seine Heimatstadt Peking gegenwärtig durchläuft. In kurzen Clips reihen sich poetische, komische und hässliche Szenen aus dem Metropolenalltag aneinander: ein stürzender Radfahrer, dem auf einer von Menschen wimmelnden Straße schnell wieder aufgeholfen wird, eine plötzlich ausbrechende Schlägerei in einer Nachtbar, eine Gruppe tranceartig tanzender Menschen mitten im tosenden Straßenverkehr der Großsstadt, die U-Bahn-Endstation, wo die plötzlich sichtbar gewordenen Betrunkenen und Erschöpften rabiat aus dem Waggon expediert werden.

Männerdominierter Starkult in der Architekturgeschichte

Auch die Fotografien des Japaners Kohei Yoshiyukis aus der zwischen 1971 und 1979 entstanden Serie "Park" beschäftigt sich mit der Frage, was Öffentlichkeit überhaupt konstituiert. Es sind wohl vor allem Blicke, die den Raum durchkreuzen. In gespenstisch wirkenden Infrarotaufnahmen wird das nächtliche Treiben in den Parks von Tokio dokumentiert und somit durch den Künstler erst wirklich öffentlich gemacht: Liebespaare und Voyeure, die sich vorsichtig oder aufdringlich an die Objekte ihrer Begierde herantasten. Der Titel des Biennalen-Nachprogramms "Mes nuits sont plus belles que vos jours" bekommt hier plötzlich einen anderen semantischen Drall. Welchen Charakter ein Parkareal trägt, hängt nicht zuletzt von der Tages- oder Nachtzeit ab.

Was mag wohl etwa auf der Freifläche des Skulpturenpark Berlin_Zentrum während der Nacht geschehen? Egal, was es ist, die Arbeit des Franzosen Cyprien Gaillard ermöglicht maximale Sichtbarkeit. Eine kreisrunder, mehrere Meter erhöht installierter Schweinwerferkranz aus zwölf leistungsstarken Flutlichtern taucht die umliegende Graslandschaft in einen solariumgrellen Lichtschein. Obwohl man "The Arena and the Wasteland" also in den späten Abendstunden oder bei Nacht besichtigen sollte, lohnt sich die Fahrt zum Skulpturenparks auch unbedingt am Tage. Auf dem verwilderten ehemaligen Mauerstreifen ist man ein wenig verloren ohne die von der Biennale ausgegebenen Faltkarte, die die Orientierung auf dem unübersichtlichen Gelände ermöglicht. Vermutlich wird der kostenlose Plan mit der Zeit auch wichtig, um offizielle und inoffzielle Biennale-Beiträge voneinander unterscheiden zu können. Nicht zu übersehen ist jedoch die Baracke, in der der wunderbare Videoinstallation "Berlinmuren" des norwegischen Künstlers Lars Laumann gezeigt wird. Laumann spürte eine in Schweden lebende Frau auf, die behauptet, mit der Mauer verheiratet zu sein: "Wir führen vielleicht keine alltägliche Ehe, aber keiner von uns beiden schert sich wirklich darum."

Verstreut über das Gelände des Skulpturenparks finden sich auch verschiedene kleine Birken und Pappeln, die ursprünglich wild auf dem Dach des verlassenen Palast der Republik wuchsen. Vor zwei Jahren wurden sie von der Künstlerin Ulrike Mohr gemeinsam mit den dort am Abriss des Hauses beauftragten Bauarbeitern ausgegraben und somit gesichert. Nun wurden sie von der Künstlerin erneut auf dem offenen Gelände des Skulpturenparks gepflanzt. Der Versuch, sie auf dem Dach der Neuen Nationalgalerie zu situieren, scheiterte aus ungenannten Gründen. Zumindest die Pläne sind im Mies-Bau dokumentiert, der wohl mit der skulpturalen Faust vor dem Portal von Piotr Uklanski und der bitterbösen wie dekorativen Fahnen-Installation aus den Farben aller in Berlin aktiven Studentenverbindungen am Dachsaum von Daniel Knorr die spektakulärsten Beiträge dieser Biennale beherbergt.

Eine Vielzahl der dort ausstellenden Künstlerinnen und Künstler jagen den Geist der Moderne, den das Gebäude wie kein anderes in der Hauptstadt atmet. In intimer Wiese erinnert Susanne M. Winterling im umgenutzten
Garderobenbereich des Museums an die irische Designerin und Architektin Eileen Gray und wirft auf subtile Art und Weise die Frage nach dem Geschlechterverhältnis und dem männerdominierten Starkult in der Architekturgeschichte auf. Ihre Installation "Eileen Gray, the jewel and troubled water" darf als paradigmatisch für die ganze Biennale gelten: subtil, ästhetisch bestechend, historisch genau und auf die große Geste verzichtend.

"bb5 – 5. berlin biennale"

Termin: 5. April bis 15. Juni. Öffnungszeiten: Di bis Fr 10-19, Do 10-22, Sa, So 11-19 Uhr. Eintrittspreise: Kombikarte (alle Orte) 12 Euro, ermäßigt 8 Euro pro Person. Verkauf: Kunst-Werke, Auguststraße 69, Tel. (030) 24 34 59 60. Orte: Kunst-Werke, Neue Nationalgalerie, Skulpturenpark Berlin, Schinkel-Pavillon. Katalog: JRP Ringier Verlag, 32 Euro.
http://www.berlinbiennale.de/

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