Kunstszene Wien - Österreich

WienerJugendStyle

Ist Wien das neue Berlin? Fast jeden Monat eröffnen Künstler, Kuratoren und Sammler neue Kunsträume, die Szene ist so politisiert, frech und international wie nie zuvor. art-Korrespondentin Almuth Spiegler und Fotograf Peter Rigaud besuchten die wichtigsten jungen Künstler und machten einen Rundgang durch den wilden Underground von Wien.
WienerJugendStyle:Die wichtigsten jungen Künstler aus Wien

Constantin Luser, 34, baut Skulpturen aus Instrumenten. Ein "Vibrosaurus" aus Blechblasinstrumenten war es 2007. Für den Innenhof der Technischen Universität in Graz konstruiert er gerade "die nächste Evolutionsstufe": eine siebeneckige "Molekularorgel" mit 14 Trompeten, 14 Posaunen und sieben Tuben.

Auf plakativen Collagen wurde der Kapitalismus angeprangert, in Videos die Zeichensprache der Basisdemokratie vorgetanzt, am Schillerplatz ein riesiges Dollarzeichen auf den Boden gezeichnet, die Aula mit widerständigen Installationen besetzt – und der Rektor während einer Pressekonferenz mit Papierkugeln beschossen: Eigentlich brauchte es niemanden zu wundern, dass die Kernzelle der großen Studierenden-Proteste voriges Jahr gerade auf der Akademie der bildenden Künste Wien zu finden war.

Die junge Wiener Kunstszene ist so aktiv und politisiert, wie sie es seit der Nachkriegszeit noch nie war. Ob sie nun demonstrieren geht. Oder in den Swingerclub. Als Reaktion auf Christoph Büchels Verlagerung eines Swingerclubs in die heiligen Hallen der Secession hat eine Gruppe Studierender vorwiegend von der Universität für angewandte Kunst Wien spontan die leer stehenden Originalräumlichkeiten des Sexclubs für eine Gruppenausstellung genutzt.
Die Wiener Gemütlichkeit scheint zurzeit tatsächlich von so etwas wie fiebriger Hektik unterlaufen zu werden: Fast jeden Monat eröffnet ein Künstler, ein Kollektiv oder ein Sammler einen neuen Off-Space: in Kellern, Altbauwohnungen, ehemaligen Blu­mengeschäften, ja sogar im Stammbeisl der Szene, dem "Café Anzengruber", wird eine Biennale organisiert. Jeder günstige Quadrat­meter scheint genutzt zu werden, um die Produktion der wachsenden, immer internationaleren Künstlerschaft sichtbar zu ma­chen. Und, um gemeinsam zu kochen und zu feiern wie in der "Praterstraße 48" oder in Flora Neuwirths "clubblumen". Diskurs wird in Wien zwar schon seit den neun­ziger Jahren, seit der Konzeptkunst-Welle rund um Heimo Zobernig und Sabine Breitwiesers Generali Foundation, groß geschrieben, für viele Zugereiste sogar außergewöhnlich ernst genommen. Das Essen, vor allem aber das Trinken, wird darüber aber trotzdem nie ganz vergessen.

Im Juni galt als "neuester Space" noch ein charmanter, lichtdurchfluteter Ziegelbau, Teil einer ehemaligen Schmiede in einem Hinterhof im ewig aufstrebenden zweiten Bezirk. Doch das Prädikat kann binnen Tagen wieder weiterwandern. Der Besitzer, Alois Bernsteiner, dagegen ist eines der langlebigsten Faktoten der Wiener Szene, der "Handwerker mit Kunst-Vogel" ist frische 60. Was ihn nicht davon abhält, die junge Szene genau zu verfolgen. Er betreibt gemeinsam mit dem Künstler Martin Vesely sogar noch einen zweiten Kunstraum, einen der beliebtesten Off-Spaces der Stadt, das "Ve.Sch". Ob es wie "fesch" oder "Wäsch" ausgesprochen wird, bleibt so Wienerisch wie offen. Wie das meiste hier vor allem of­fen bleiben soll in dem dunklen Souterrain-Zwitter aus Kunstraum und Bar im "Rücken der Schleifmühlgasse“ (Vesely), immerhin ei­nem der schicksten Wiener Galerienviertel, in dem Georg Kargl, Ga­briele Senn, Christine König residieren. Und wo in den vergangenen zwei Jahren schon mehrere kleine Räume angedockt haben. Die junge Fotogalerie "Momentum" etwa. Oder das künstlerbetriebene "flat 1". Ungefähr 15 "Off-Spaces", schätzt Rita Vitorelli, gebe es derzeit in Wien. Was die Künst­lerin, Heraus­geberin des jungen Kunst­­magazins "spike" und Kuratorin "sehr sehr viel" findet. Lisa Ruyter, in Wien hängen gebliebene US-ame­rikanische Malerin, kommt in einer inoffiziellen Liste auf einige mehr (ihren eigenen neuen Raum, den sie im Herbst eröffnen will, noch gar nicht dazugezählt).

Die Galerienszene ist zwar beachtlich, aber recht unbeweglich

Woher aber kommt diese – durch Subventionen von Bund und Stadt zumindest teilfinanzierte – Selbst-Aktivierung der jüngeren Kunstszene in den vergangenen zwei Jahren? "Es setzt sich bei den Hausbesitzern immer mehr durch, dass kulturelle Zwischen­nutzung attraktiv sein kann", meint etwa Elsy Lahner, die 2007 mit Kuratorin-Kollegin Alexandra Grausam das umherziehende "weisse haus" gegründet hat. Mittlerweile schon eine Institution, für deren Ausstellungsprogramm jährlich 300 Künstler aus 50 Ländern einreichen. Zurzeit logiert man feudal auf zwei Stockwerken eines Innenstadt-Altbaus. An ähnlich nobler Adresse residiert "COCO" ("Contemporary Concerns" – Ausstellungen, Theorie, Bar), ein 2009 von Jung-Kurator Severin Dünser und Künstler Christian Kobald eröffneter kleiner Kunstverein. Hier am Bauernmarkt, einen Steinwurf nur entfernt vom Stephansplatz, stellt der Immobilienentwickler und Sammler Martin Lenikus in zwei renovierungsbedürftigen Häusern jungen Künstlern Ateliers zur Verfügung, eine Art bunte Künstler-WG mit hauseigener Bar sozusagen. Nur die Stromkosten sind zu zahlen.

Derlei gute Stimmung, ein gut dotiertes staatliches Artist-in-Residence-Programm sowie Lehrbeauftragte wie Monica Bonvicini, Daniel Richter, Pawel Althamer, Diedrich Diederichsen an den Kunstunis locken junge Künstler aus ganz Europa nach Wien, vor allem aus Osteuropa und Deutschland. Und sie schafften sich ihre Ausstellungsmöglichkeiten eben selbst. Denn die Galerienszene ist für eine 1,7-Millionen-Stadt zwar beachtlich, aber recht unbeweglich. "Das Verhältnis zwischen den alteingesesse­nen, etablierten Galerien und den von einer jüngeren Generation geführten ist extrem unausgewogen", meint auch Vitorelli. In den letzten acht Jahren gab es nur vier auf internationalem Niveau arbeitende Neuzugänge: Layr Wuestenhagen, Andreas Huber, Dana Charkasi und Karol Winiarzyk, der einst bei Thaddaeus Ropac gearbeitet hat und gerade vom trashigeren zweiten Bezirk in das etablierte Galerienkonglomerat Eschenbachgasse übersiedelt. Sein Programm ist auch ein Beleg der neuen Internationalität Wiens – von neun Künstlern, die alle hier leben, kom­men nur zwei aus Österreich, die anderen aus Frankreich, Deutschland, Bulgarien, Ka­nada, der Schweiz. Viele bleiben nach dem Studium einfach hier hängen. Es ist in Wien eben weniger hektisch und geschäftig als in London oder New York, man hat mehr Ruhe zum Arbeiten, und man fühlt sich nicht nur als einer unter Tausenden wie in Berlin, ergibt eine kleine Umfrage.

Ist Wien also die heimliche junge Kunsthauptstadt Europas? Das Potenzial wäre je­denfalls vorhanden. Aber "in Wien wird im­mer alles gerne heruntergespielt", befindet Esther Stocker. "In Brüssel, wo ich gerade war, sagen sie tatsächlich schon, wir seien das neue Berlin."