Peggy Buth - Galerie Klemm’s

Kalulu im Kongo

Die Kolonialgeschichte ist das Thema eines großen Rechercheprojekts der Berliner Künstlerin Peggy Buth. Jetzt stellt sie in ihrer aktuellen Ausstellung in der Berliner Galerie Klemm’s das Ergebnis vor: Ein vielschichtiges und kluges Künstlerbuch.
Kalulu und die Kolonialgeschichte:Buth präsentiert neue Foto- und Filmarbeiten

Peggy Buth, "Patterned Bodies", 2008, Ausstellungsansicht Klemm's, Berlin

Skulpturen, Fotografien, Bilder, Filme: Die 1971 in Berlin geborene Peggy Buth ist eine Künstlerin, die sich nicht auf ein Medium festlegen lässt. Sie denkt strukturell, setzt Schnitte an, metaphorisch wie konkret. In ihren Teppich-Arbeiten zum Beispiel: Sie nimmt schlichten roten Teppichboden und schneidet und fräst Linien und Formen hinein. Von weitem entsteht der Eindruck großformatiger Bilder zwischen Abstraktion und Figuration – schaut man von nahem, ist man frappiert von der rohen Drastik dieser Schnitte in den Teppichflor, die die weiße Schaumstoff-Haut des Materials freilegen.

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Strecken Teaser

Eine andere Technik des Kratzens an der Oberfläche hat Peggy Buth in ihren Teer- und Schellack-Bildern entwickelt: Sie trägt dicke Schichten des schwarzen, glänzenden Materials auf große Bildträger auf und ritzt dann etwas hinein, manchmal Worte, manchmal Bilder. In den letzten Jahren waren es häufig Motive aus der Kolonialgeschichte, die aus den gekratzten Linien hervortraten oder als Fotografien dazukamen – erste Resultate eines Projekts, das Buth über dreieinhalb Jahre beschäftigt hat.

In ihrer aktuellen Ausstellung in der Berliner Galerie Klemm’s präsentiert Peggy Buth neue Foto- und Filmarbeiten in Form des Künstlerbuchs "Desire in Representation – Travelling through the Musée Royale". Das "Königliche Museum für Zentralfrika" in Tervuren bei Brüssel hatte Buth in ihrer Zeit als Stipendiatin an der Jan-van-Eyck-Akademie in Maastricht 2004 entdeckt. Zunächst mit dem Fotoapparat näherte sie sich diesem Archiv der belgischen Kolonialgeschichte, das sich, wie als Spiegel der schwierigen Aufarbeitung der Vergangenheit, seit Jahren im Umbau befindet.

Die Fotografien sind, so sagt Buth, nur ein Recherche- und Dokumentationsmittel, doch der Foto-Essay im ersten Band des Künstlerbuchs, einer Art Materialband mit Index, hat bereits seinen ganz eigenen Sog: Präzise hat die Künstlerin die eigentümliche Stimmung in diesem Museum eingefangen, das im Geist einer rassistischen Sieger-Ethnologie gegründet worden war und nun mit seinem Erbe kämpft: Krokodile und Menschenschädel hinter Glas erstarrt, Skulpturen von Afrikanerinnen mit nackten Brüsten neben den Büsten der europäischen Afrika-Bezwinger.

Projektionen, homoerotische Faszination und Exotismen

Der zweite Band verdichtet das Thema zu einer Erzählung aus mehreren Perspektiven. Im Zentrum ist der Afrikaforscher Henry Morton Stanley, der unter dem belgischen König Leopold II eine große Rolle bei der Erschließung des Kongos spielte. Stanley bekam einen Jungen als Sklaven geschenkt, den er Kalulu nannte. Kalulu wurde sein persönlicher Begleiter, später ließ er ihn einige Zeit in England erziehen. Diesen Kalulu machte Stanley zur Hauptfigur des Jugendromans "My Kalulu, Kind and Slave". Im Roman freundet sich Kalulu im Kongo mit dem arabischen Jungen Selim an, der ebenfalls Afrika bereist, und beider Geschichte enden nach vielen Abenteuern glücklich in Sansibar. Im wirklichen Leben ertrank Kalulu 1877 bei einer Expedition, und Selim, für den es auch ein reales Vorbild gab, schrieb wütende Briefe an Stanley, weil der ihn nach Ende der Expeditionen mittellos und krank zurückgelassen hatte.

All dies hat Peggy Buth recherchiert, und im Buch "Oh my Kalulu" collagiert sie nun die schwärmerische 19. Jahrhundert-Prosa Stanleys Erzählung mit seinen oft sehr verzagten Tagebucheinträgen, stellt Briefe und Abbildungen Kalulus neben die historischen Buchcover, fügt historische Fotografien und Genre-Abbildungen dazu, bis sich ein komplexes Bild der postkolonialen Konstellation ergibt: Das Wechselspiel von Projektionen, homoerotischer Faszination, Exotismen und Machtkonstellationen wird plötzlich sichtbar, fühlbar, lesbar. All das hat Buth – die ihr Diplom für Kunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig gemacht hat – formal liebevoll aufgearbeitet, mit wunderbaren ironischen Referenzen an die verstaubte Archiv-Kultur, der sie ihre Quellen entnommen hat.

Dass es "Desire in Representation" gibt, dass das Bild Ausdruck des Begehrens ist und Begehren sich in Bildsystem manifestiert, ist eine oft geäußerte These – aber in dieser Arbeit von Peggy Buth ist sie überzeugend inszeniert und wieder in ein Stück Kunst überführt. Mehr kann ein Künstlerbuch wohl kaum erreichen.

"Peggy Buth: Patterned Bodies"

Termin: Die Präsentation des Künstlerbuches "Desire in Representation" von Peggy Buth findet am Samstag, den 26. April, um 18 Uhr, statt. Im Gespräch werden Peggy Buth, Beatrice von Bismarck, Astrid Wege und Till Gathmann sein. Die Ausstellung läuft bis zum 10. Mai in der Galerie Klemm’s, Brunnenstraße 7, Berlin.
http://www.klemms-berlin.com/