Berlin 2000 - New York

This is so very German!

Die Deutschen kommen: Eine große Werkschau mit 37 Künstlern, darunter Martin Eder, John Bock, Monica Bonvicini und Jenny Rosemeyer, in der Galerie PaceWildenstein bringt den Berliner Zeitgeist nach New York.

Es war eine dieser typischen Berliner Nächte. Eine Gruppe von Künstlern hatte sich mit Bier und Zigarette vor einer Galerie in Mitte auf der Straße versammelt. Und die Neu-New-Yorkerin Birte Kleemann blickte mit den Augen einer Besucherin auf ihre alte Heimatstadt, in der sie vor noch gar nicht langer Zeit eine Galerie betrieben hatte, und dachte sich: Dieses Gefühl von Berlin, das die Stadt so anders, so speziell macht, muss ich nach New York bringen. Sie schickte ihrem neuen Chef Marc Glimcher bei PaceWildenstein eine SMS mit der Idee zu einer Berlin-Ausstellung. Das Heimspiel wurde Kleemanns Einstieg in die New Yorker Kunstwelt.

Pünktlich zur Armory-Messe eröffnete "Berlin 2000" bei PaceWildenstein auf der 22nd Street. Eine Werkschau von 37 Berlinern, darunter Martin Eder und Jenny Rosemeyer, die 2000 die Gruppenausstellung "Wandbilder" in ihrem Apartment an der Oranienburger Straße organisiert hatte, sowie Mitglieder der Baudach-Truppe wie Thomas Zipp, Thilo Heinzmann und André Butzer. "Die Künstler sind durch ihre Netzwerke und durch Freundschaften miteinander verbunden", sagt Kleemann. Sie selbst hat viele Jahre bei der Galerie Eigen + Art gearbeitet. Nach New York reisten Arbeiten, die kurz vor oder nach 2000 entstanden waren. Es ging Kleemann darum, ein Gefühl für Berlins Umbruchzeiten zu vermitteln, in denen die Künstler Ausstellungen, Bars und Clubs in leer stehenden Räumlichkeiten im Ostteil der Stadt aufzogen. Gleichzeitig wollte sie die Entwicklungen nach dem Mauerfall reflektieren.

Der Blick auf das im Vergleich zum glatten New Yorker Galerienbetrieb raue Berlin ist ihr gelungen. 900 Gäste kamen zur Eröffnung. Ganz in Berliner Tradition eröffnete für zwei Abende auch eine Bar, in der ein als "arischer Kunstclown" beschriebener John Bock (so nannte es eine leicht irritierte New Yorker Kritikerin) bei einer Performance herumtobte. In der Galerie selbst hatte Karsten Konrad den abgesteppten Tanzboden des Clubs Galatasaray Tanzkulübü aus der Kreuzberger Kneipe Mysliwska auslegen lassen. Monica Bonvicini lud "2 Tonnen Alte Nationalgalerie" ab. Martin Eder ließ blutrote Farbe an den Wänden herunterlaufen ("The Skinned Rabbit's Running Nose"). Andreas Koch posiert als übergroßer Künstler am Fernsehturm am Alex, eine Dame mit Spitzenstrümpfen spreizt die Beine (Thomas Zipp) und hinter Anselm Reyles Laminatplatten leuchten die Neonröhren. "This is so very German", meinte ein Sammler beim Galerierundgang. Die Macher des Kunstmagazins "Starship" produzierten eine Sonderausgabe mit dem Thema "Just what is it that makes today's Berlin so different and appealing?". Allen die Schau stahl aber Suse Weber mit ihrem Bundesadler aus Ketten, roten Bändern und einer Kordel, den sie mit ihren eigenen Laufsport-Medaillen aus DDR-Zeiten dekorierte.

Clownfratzen, Einhorn, Perücken oder bizarren Nasen

Auch sonst sind die Deutschen, allerdings als amerikanische Exil-Künstler, in Chelsea präsent. Der zwischen Deutschland und Los Angeles pendelnde Fotokünstler Florian Maier-Aichen zeigt bei der 303 Gallery seine am Computer manipulierten Landschaftsaufnahmen. Die aus Köln stammende und in Brooklyn lebende Gudrun Mertes-Frady stellt ihre linearen Farbkompositionen bei Reeves Contemporary aus. Das aus der Nähe Hamburg stammende Model Christina Kruse überraschte mit dunklem Humor bei ihrer ersten New Yorker Solo-Ausstellung. Mitte der neunziger Jahre kaufte sich Kruse eine Kamera, um die ewige Warterei in den Hotels dieser Welt kreativ zu nutzen. Seitdem inszeniert sie sich selbst mit Clownfratzen, Einhorn, Perücken oder bizarren Nasen. Ihre ebenfalls ausgestellten Kollagen wirken beliebig. Stärke zeigt die in New York lebende Kruse mit ihren absurden Selbstbildern oder mit ihren Tagebüchern, die sie auf ihren Model-Reisen in liebevoller Kleinstarbeit mit Zeichnungen, Texten und Fotos füllte und die in limitierter Auflage ab 1000 Dollar bei der Galerie Steven Kasher verkauft werden.

Zwar versammelten sich auch bei der Eröffnung von Berlin 2000 rauchende Besucher auf der 22nd Street. Aber natürlich wirkte es ein wenig so, als ob eine Luxusboutique mit dem Inventar eines Kiezladens bestückt wurde. "Was mir in den Kopf kommt, wenn ich versuche, mich an die Zeit in Berlin zwischen 1989 und 2000 zu erinnern, ist die Abwesenheit und die Distanz zum Markt und zu Galerien – und die Freiheit tun zu können, was wir wollten", schreibt der Künstler Johannes Kahrs im Ausstellungskatalog. Eine Freiheit, die für einen kurzen Moment nach New York geflogen kam.

"Berlin 2000"

Termin: bis 18. April, Galerie PaceWildenstein, New York; Florian Maier-Aichen, noch bis 11. April, Galerie 303, New York; Christina Kruse, noch bis 28. März, Galerie Steven Kasher
http://www.pacewildenstein.com/Exhibitions/ViewExhibition.aspx?title=BERLIN2000&type=Exhbition&guid=fac547da-c56a-4fdb-a8d5-e960ff777b2f

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