Herb Ritts - Fotografie

I never dreamed that I'd love somebody like you

Madonna, Prince, den Dalai Lama oder Nelson Mandela. Große Namen begleiteten die Karriere des People-Fotografen Herb Ritts. Deren Grundstein verdankte er allerdings einer Autopanne und einem unbekannten Schauspieler namens Richard Gere. Die Edition "Fotografie" des Sterns konzentriert sich in Ihrer neu erscheinden Ausgabe auf die Porträtarbeiten des 2002 verstorbenen Fotografen und Filmemachers.
Popkulturelle Archetypen:Von Madonna bis Jackson – Ritts hatte sie alle!

Da schien die Last Ihres Namens noch federleicht: 2001 fotografierte Ritts die junge Britney Spears

Die Rezeptur scheint verlockend einfach, denn die Liste der Zutaten ist eigentlich überschaubar: Topmodel, Sandstrand, Popmusik und viele, viele weiche Blenden. Für ein Musikvideo der goldenen Ära des Genres (den späten achtziger und neunziger Jahren) bedeutete das sogar verhältnismäßig günstige Produktionsbedingungen. Vor allem deshalb hat man sich wohl so oft daran versucht. Das unbestrittene Monument dieser Ästhetik, in der Betty-Blue-Romantik sich mit klassischer Playboy-Erotik liiert, schuf der US-Amerikaner Herb Ritts mit dem Video zu Chris Isaacs "Wicked Game".

Der überdosierte Blick von Topmodel Helena Christensen schwebt darin irgendwo zwischen grenzenloser Laszivität und entrückendem Drogenrausch, Chris Issak gibt dazu im weißen Feinripp-Unterhemd den sehnsüchtigen Adonis: "I never dreamed that I'd love somebody like you". Kein Kitsch war das, sondern der popkulturelle Archetypus den der übrige Kitsch zu beschwören sucht – wie jüngst etwa Popstern Beyoncé mit ihrem Video zu "Broken-Hearted Girl".

Nachdem 1989 "Wicked Game" sowie das ebenfalls von Herb Ritts produzierte Video zu Madonnas "Cherish" (Madonna, Strand und viele weiche Blenden) in die Rotation der Musiksender gelangte, war Ritts quasi abonniert auf das erotische Musikvideo in klassischem Schwarzweiß: Michael Jackson bestellte es für "In The Closet" (mit Naomi Campell), seine Schwester Janet durfte mit zwei männlichen Models an den Strand, und Jon Bon Jovi drehte mit Cindy Crawford.

Das Sonnenlicht, der Himmel und die Wärme

Die eigentliche Entdeckungsgeschichte des Fotografen Ritts jedoch ist eine andere, viel frühere, nicht weniger glamouröse. Mit seinem Freund, dem damals noch völlig unbekannten Schauspieler Richard Gere, brauste Ritts 1978 in einem alten Buick durch die kalifornische Sonne. Als der Wagen platte Reifen bekam, hielten sie an einer malerisch anmutenden Tankstelle. Ritts machte ein paar Bilder von Gere – wie Isaac später in weißem Feinripp und Jeans – vor hopperesker Idylle posierend. Die "Vogue" war überzeugt und druckte die Bilder des jungen Schauspielers, dem sein eigener Durchbruch erst zwei Jahre später mit "American Gigolo" gelingen sollte. Ritts war da bereits ein begehrter Celebrity-Fotograf. Auf die "Vogue" folgten "Harper’s Bazaar", "Vanity Fair" und "Rolling Stone". Dass er in Los Angeles lebte und arbeitete, geriet ihm schnell zum Vorteil. Denn in den achtziger Jahren benötigte man eben dort von einer ganzen Generation aufgehender Stars – Michael Jackson, Sylvester Stallone, Johnny Depp – frisches Bildmaterial.

Ritts war zur Stelle, und wie bei den späteren Musikvideos war sein materieller Aufwand gering – fotografierte er doch am liebsten auf dem Dach seines Studios, ganz ohne teure Requisiten. "Hier hatte Herb alles was er brauchte: das Sonnenlicht des späten Nachmittages, den Himmel und die Wärme, in der sich Menschen besser bewegen", sagt sein ehemaliger Studiomanager Mark McKenna. Davon, wie gut sich seine berühmten Modelle bewegen konnten, kann man sich in der aktuellen Ausgabe des im großformatigen Hardcover erscheinenden Stern-Magazins "Fotografie" überzeugen. Sie hat sich ganz der Porträtarbeit des legendären Fotografen gewidmet und ist so zwangsläufig zu einem Album amerikanischer Superstars der letzten zwei Jahrzehnte geworden. Jahrzehnte, in denen die Erotik des Stars sich noch aus einem ungebrochenen Glamour speiste, den Skandalpresse und digitale Klatschmedien heute längst verschlungen haben.

Das jüngste Bild des Bandes zeigt Britney Spears, die wie keine andere diesen Zeitenwechsel des Celebrity-Eros repräsentiert. Aufgenommen hat Ritts es im Jahre 2001. Im darauf folgenden Jahr erkrankte er an einer Lungenentzündung, von der er sich aufgrund seiner HIV-Infektion nicht mehr erholte. Er starb im Alter von 50 Jahren.