Baltic Raw - Interview

Ärmel hoch, wir packen es an!

Die Galerie der Gegenwart feiert ihren 15. Geburtstag. Das wird groß gefeiert mit neuer Sammlungspräsentation, einem Symposium und mit einem ganz besonderen Gast: Der Künstlerinitiative Baltic Raw. art sprach mit einer der Leiterinnen der Galerie der Gegenwart, Brigitte Kölle, und mit Móka Farkas und Berndt Jasper von Baltic Raw
Ein neues Haus zum Geburtstag:Interview mit Brigitte Kölle und Baltic Raw

Móka Farkas, Brigitte Kölle und Berndt Jasper auf dem Plateau vor der Galerie der Gegenwart in Hamburg, wo das Open Museum noch bis zum 29. September 2012 aufgebaut ist

art: Seit dem 17. August finden jede Woche andere Veranstaltungen im "Open Museum" statt. Was passiert dort?

Móka Farkas: Wir machen diese Projekte seit zwölf Jahren, und natürlich hat sich da ein Netzwerk gebildet: Es wird Ausstellungen von Kunststudenten geben, aber auch Auftritte von etablierten Kulturschaffenden wie Jacques Palminger oder Rocko Schamoni. Wir versuchen diese beiden Seiten mit einander zu vermischen.

Berndt Jasper: Es ist ein Spannungsbogen von professionell geführten Galerien, bis hin zu kollektiv betriebenen Produzentengalerien, die ganz unterschiedlich arbeiten. Wir bieten einen Querschnitt der Kulturlandschaft einer Stadt. Das ist auch eine Form die unterschiedlichsten Schichten der Gesellschaft abzubilden und hierher zu holen, durch die Unterschiedlichkeit des Programms und der Divergenz vom Publikum her.

Móka Farkas: Wenn man sich fragt, was der Sinn dieses Projektes ist, dann ist es dieses situationistische "Erschaff dir den Moment". Wir geben natürlich gewisse Strukturen vor, aber wir erhoffen natürlich vom Zuschauer, dass er seinen eigenen Moment erschafft, und nicht nur konsumiert.

Mit dem "Open Museum" vor der Galerie der Gegenwart thematisieren Sie den gesellschaftlichen Stellenwert des Museums. Was muss ein Museum leisten?

Berndt Jasper: Aus unserer Sicht besteht die Aufgabe eines Museum auch darin, sich dem öffentlichen Raum zu öffnen und stärker in gesellschaftliche Prozesse einzumischen. Das ist genau ein Grund, warum wir hier sind: Um das Spannungsfeld zwischen geschlossenem System und offenem System auszuloten. Der Platz, auf dem das "Open Museum" aufgebaut ist, ist ja auch ein öffentlicher Raum. Mit einer offensiveren Umgangsweise, ließen sich dort auch entstehende Problematiken schneller und eher kaschieren oder gänzlich beseitigen.

Sie meinen die Problematiken, die der Platz mit sich bringt, wenn er unbespielt ist?

Berndt Jasper: Ja. Wir haben erfahren, dass der Ort jetzt verstärkt angenommen wird. Durch das "Open Museum" wird er mehr als sozialer Raum, denn umgebungsfeindlicher Platz.

Brigitte Kölle: Ein Museum ist für mich in erster Linie ein Gedächtnisspeicher. Das Besondere an einem Museum für Gegenwartskunst ist der Spannungsbogen zwischen Geschichtlichkeit und Zeitgenossenschaft. Am "Open Museum" interessiert mich, dass Kunst nicht traditionell begriffen wird, sondern eher als performatives und soziales Element. Die Idee der Aufführung, des Veränderlichen ist hier elementar.

Móka Farkas: Ich würde das prozesshafte Moment betonen. Was wir präsentieren ist natürlich für viele traditionelle Museumsbesucher ein bisschen ungewöhnlich, weil wir ständig am Aufbauen und wieder Abbauen sind. Das ist der Punkt, wo sich das "Open Museum" von einem normalen Museum abgrenzt, die künstlerische Produktion ist viel transparenter für den Zuschauer.

Sollte ein Museum nicht immer "offen" sein?

Berndt Jasper: Eines der Grundbilder für das "Open Museum" ist eine architektonische Zeichnung von Friedrich Schinkel. Er hatte ein Museum geplant, das sich von Innen nach Außen erstreckt. Das schließt an unseren Gedanken an, offene Räume im öffentlichen Raum zu erzeugen. Solche Ideen existieren schon seit dem 18. Jahrhundert in der italienischen Renaissance. Man stellte sich einen ständigen Fluss an Bewegung und Aktivität vor. Dagegen verstehen sich Künstler, die heute im öffentlichen Raum arbeiten, meist überhaupt nicht institutionell. Das bringt ja dieses Off-Sein mit sich, man ist keine Institution. Wir sind weder noch. Wir sind nicht Off, und wir sind auch nicht Institution, aber interessant ist es schon einen institutionellen Duktus im Titel zu führen und zu sehen, was dann passiert.

Brigitte Kölle: Baltic Raw steht in der Tradition des Künstlermuseums. Dafür gab es vor allem in den 1960er Jahren prominente Beispiele wie das Mouse-Museum von Claes Oldenburg oder das Adler-Museum von Marcel Broodthaers. Die Fragen, was es heißt Kunst zu sammeln, Kunst auszustellen und Kunst zu vermitteln, werden hier künstlerisch reflektiert. Den Begriff "Offenes Museum" gibt es seit einigen Jahrzehnten. Willem Sandberg, der ehemalige Museumsdirektor des Stedelijk Museum in Amsterdam, hat den Begriff des offenen Museums in den 1950er/60er Jahren benutzt, als er einen neuen Museumsflügel initiierte. Mit seiner reinen Glasfront funktionierte das Museum wie ein Schaufenster. Man konnte von innen nach außen schauen und von außen nach innen. Dafür wurde Sandberg damals angefeindet. Rückblickend war das visionär.

Frau Kölle, Sie haben seit März 2012 zusammen mit Petra Roettig die Leitung der Galerie der Gegenwart übernommen. Steht das "Open Museum" für eine Öffnung des Hauses für andere Kunstformen? Wollen Sie mehr Off-Szene und junge, lokale Künstler in der Galerie der Gegenwart präsentieren?

Brigitte Kölle: Was heißt es eigentlich, heute Kunst zu produzieren und zu vermitteln? Das setzt grundsätzlich Neugierde und Offenheit voraus, egal ob "on" oder "off". Alternative, experimentelle Formen der Kunstvermittlung interessieren mich. Vor drei Jahren habe ich das Kunstfestival subvision in Hamburg kuratiert, da ging es explizit um alternative Ausstellungs- und Vermittlungsformate. Baltic Raw hatte ich übrigens damals schon eingeladen.

Die Arbeits- und Präsentationsweise von Baltic Raw, lässt sich wohl am besten mit den Stichworten: mobil, situativ und temporär beschreiben. Frau Farkas und Herr Jasper, Sie bewegen sich zwischen Galerie, Off-Space, Bühne und Club. Wenn Sie die Leitung der Galerie der Gegenwart übernommen hätten, was würden Sie machen?

Móka Farkas: Für mich würde es wohl in die Richtung des Prozesshaften gehen. Vielleicht würden wir jeden Montag umräumen, damit die Leute dann die Bilder suchen müssten. Na ja, ich müsste noch länger darüber nachdenken.

Berndt Jasper: Ich würde ein Ideenpol ausrufen – mit Leuten zusammen sitzen, sammeln, erfinden, weiterforschen. Ich würde versuchen, viele junge Leute mit einzubinden, integrativ zu denken und sich in allen Richtungen aufzumachen. Das würde ich als Auftrag auch an die Stadt weitergeben: sich diesem Bereichen stärker zu öffnen. Hamburg ist eine reiche Stadt – sie kann viel mehr leisten, als sie es tut.

In den letzten Jahren hat sich die Budgetlage in Hamburgs Museen zunehmend verschlechtert. Im Jahr 2010 drohte der Galerie der Gegenwart sogar eine mögliche temporäre Schließung, die zum Glück abgewendet werden konnte. Frau Kölle, wie lässt sich da überhaupt noch mithalten mit den großen Museen in Frankfurt oder München?

Brigitte Kölle: Letztlich kann man sehr gut mithalten. Die Hamburger Kunsthalle ist und bleibt ein erstklassiges Museum! Sie hat den großen Vorteil gegenüber vielen anderen Museen, Schätze der Kunstgeschichte mit Gegenwartskunst zu verbinden – das gibt es selten. Wir haben hier unter einem Dach fast 800 Jahre Kunstgeschichte und im Jahr 360 000 Besucher, was für ein Kunstmuseum wahnsinnig viel ist. Aber die Finanzierung ist ein großes Problem. Es gibt zum Beispiel keinen festen Etat, um Werke anzukaufen, auch keinen gesicherten Ausstellungsetat. Wir versuchen uns davon nicht entmutigen zu lassen und Dinge mit der Hilfe von Stiftungen, den Freunden der Kunsthalle und Sponsoren möglich zu machen. Das "Open Museum" hat übrigens nur ein Drittel seines ursprünglich veranschlagten Budgets zur Verfügung. Wir haben uns aber dazu entschieden, es trotzdem zu machen. Das ist zwar schwierig, aber sonst würde es gar nicht gehen, sonst würde nichts passieren.

Móka Farkas: Die Kulturpolitik in Hamburg schafft schon viel Prekarität. Die Tatsache, dass Hamburg so eine reiche Stadt ist und für Kunst und Kultur so wenig aufwendet, ist katastrophal!

Berndt Jasper: Der Eventtourismus spielt sich hier nur im Musicalbereich ab. Diese ganze Eventisierung des öffentlichen Raums ist für uns Künstler ganz schrecklich. Das ist eine Richtung, die Hamburg eingeschlagen hat, die auf kurzfristige Gewinnerzielung aus ist und nicht langfristig darüber nachdenkt, wie sie sich in der Zukunft als Stadt aufstellen will.

Gerade in den letzten Jahren gab es eine große Abwanderung von Künstlern und Kulturschaffenden, die Hamburg Richtung Berlin verlassen haben. Wie angeschlagen ist der Kulturstandort Hamburg?

Brigitte Kölle: Ich bin das Gejammere so leid. Es gibt vieles, das im Argen ist. Es gibt aber auch unglaublich viel Tolles. Es liegt auch an einem selbst, an der inneren Einstellung. Ob man sagt: "Alles ist ganz schrecklich und furchtbar, und ich geh jetzt nach Berlin", oder ob man doch eher sagt, "es ist ganz schwierig, aber Ärmel hoch, wir packen es an!" Deshalb möchten wir auch den 15. Geburtstag der Galerie der Gegenwart feiern. Wir verstehen das als Statement, als Signal.

Berndt Jasper: Viele Leute sagen uns täglich: "So lange war ich nicht hier in der Kunsthalle und wir wären bestimmt nicht hingekommen." Jetzt ist dort was los. Das gab es wirklich lange nicht in Hamburg. Jetzt geht was. Diesen Moment sollte man nutzen und nicht wieder in Stagnation verfallen. Nur durch eine aktive Haltung wird sich etwas ändern.

Das Museum wird bis Ende des Monats bestehen – ein "Rückbau" ist angekündigt. Wie sieht dieser konkret aus?

Móka Farkas: Die Künstlergruppe "Umschichten" aus Stuttgart initiiert prozesshafte Projekte und arbeitet viel im öffentlichen Raum. Sie werden in sehr strukturierter und gleichzeitig künstlerischer Weise den Platz aufräumen. Unser Projekt hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, den wir sichtbar machen möchten. Dann geht das umgeschichtete Material in den Lichthof der Galerie der Gegenwart.

Berndt Jasper: Dieses Bild ist auch eine Aufforderung an das Museum sich diesem Material anzunehmen und es einzugliedern und mit diesem Bausatz fortzufahren.

Brigitte Kölle: Die Umschichtung des Open Museum in die Galerie der Gegenwart schafft eine Implementierung, aber trägt auch das Potenzial des Zukünftigen in sich. Diesen Bausatz kann man immer wieder für Neues verwenden. Das ist doch ein schönes Bild.

BALTIC RAW - Open Museum

Das "Open Museum" ist noch bis zum 30. September 2012 auf der Plattform vor der Galerie der Gegenwart zu sehen.

Am 7. und 8. September 2012 findet ab 11 Uhr das Symposion "museum.gegenwart.jetzt" im Hubertus-Wald-Forum statt. Mit Gästen wie Kasper König, Jennifer Allen, Uwe M. Schneede und Baltic Raw. Ab dem 8. September 2012 wird die neue Sammlungpräsentation gezeigt.

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