Eröffnung Saatchi Gallery - London

Saatchis China in Chelsea

Künstler wie Damien Hirst hat er groß gemacht – Charles Saatchi. Während der Starsammler bisher für die Popularität junger britischer Schock-Künstler gesorgt hat, präsentiert er nun groteske Werke, die in der chinesischen Kunstszene Furore machen. Mit der Ausstellung "The Revolution Continues: New Art from China" weiht er feierlich seine neue Museum im Londoner Stadtteil Chelsea ein.
"The revolution continues":Neue Schock-Kunst aus China

Das kontroverse Chinesische Künstlerduo Peng Yu und Sun Yuan präsentiert die aus 13 Rollstuhlfahrern bestehende, lebendige Installation "Old Persons Home" von nun an in der Saatchi Gallery in London.

Ein Esel mit einem Holzpfahl als erigiertem Penis kopuliert mit dem Modell des höchsten Wolkenkratzers in Schanghai; ein Mann mit Zopf liegt bäuchlings auf dem Boden und leckt die Dielen.

9826
Strecken Teaser

Von den Dachbalken baumeln, Kopf nach unten, nackte Körper; eine überdimensionale, nackte Frau sitzt mit gespreizten Beinen auf einem Hocker; Chairman Mao sonnt sich auf der Terrasse von Peggy Guggenheims venezianischem Palazzo und fährt mit der englischen Königinmutter in einer Kutsche – eine imaginäre Stadt aus zusammengenähten Hundekuchen, mit St. Paul's Cathedral, Colosseum und Guggenheim Museum zerfällt unaufhaltsam.

"The Revolution Continues"

Das alles schreit unüberhörbar "Charles Saatchi". Der Supersammler und ehemalige Werbeguru liebt den Schockwert von Kunst, und so eröffnet er sein neues, mit Spannung erwartetes Museum in der Kings Road mit "The Revolution Continues". Statt der Young British Artists, die er international hoffähig machte, also neue Kunst aus China. Statt Damien Hirsts eingelegtem Hai präsentiert er Zhang Huans sexbesessenen Esel, statt Ron Muecks hyperrealistischen Menschen solche von Xiang Jing und Cang Xin, statt Tracey Emins ungemachtem Bett einen gigantischen Kothaufen von Liu Wei.

Sein erstes Museum eröffnete der Sammler 1985 in einer ehemaligen Farbenfabrik in Nordlondon. Von der ersten, dem amerikanischen Minimalismus gewidmeten Schau an waren die lichtdurchfluteten Räume in blendendem Weiß und mit einer Ausstellungsfläche von fast 3000 Quadratmetern eine Sensation. So etwas hatte die damals noch recht provinzielle Londoner Kunstszene noch nicht gesehen. 17 Jahre lang war 98a Boundary Road die Adresse für Kunstliebhaber aus aller Welt und Heimstadt der immer internationaler werdenden Young British Artists (YBA). Heute stehen auf dem Areal mit dem Namen "The Collection" 15 luxuriöse Reihenhäuser, jedes ist nach einem YBA benannt.

Ein gelungenes architektonisches Experiment

Mit seinem nächsten Unternehmen hatte Saatchi keine so glückliche Hand. Sein "Experiment", wie er es nannte, Kunst in den holzgetäfelten Räumen mit Stuckdecken des früheren Sitzes des Londoner Stadtparlaments am Themseufer zu zeigen, ging daneben. "Der Sarg", wie das Monster schon bald abschätzig genannt wurde, überlebte nur zwei Jahre. Er überwarf sich mit seinem Vermieter und zog aus. Nun also ein weiteres Monster, diesmal ein klassizistisches von 1803, mit gewaltigen dorischen Säulen am Eingang. Doch die Fassade ist eigentlich alles, was von dem Hauptquartier des Duke of York Regiments übrig geblieben ist. Das Londoner Architekturbüro Alford Hall Monaghan Morris hat auf vier Stockwerken mehr als 5000 Quadratmeter Ausstellungsfläche geschaffen, 15 Galerieräume im Hauptgebäude und in einem über eine Glasbrücke zu erreichenden Neubau, weiße Boxen mit Holzfußböden, wie sich das für heutige Kunst gehört. Die Räume haben in die Decke eingelassene milchige Fenster, doch der Schein trügt: Es sind keine cleveren Oberlichter, die Beleuchtung ist durchweg künstlich.

Achtung: Rollstuhlfahrer!

Und doch: Wie hell und luftig die Räume sind, ähnlich wie die in der Boundary Road! Und Saatchi, der seine Ausstellungen immer persönlich hängt, trägt dem Rechnung. Er hängt spärlich, lässt die Kunst der Chinesen atmen. Außerdem entscheidet er sich zurecht gegen reine Künstlerräume, mixt die Werke bunt durcheinander, so dass jeder Raum mit Überraschungen aufzuwarten hat. Und der Besucher sich nicht langweilt, denn gerade die berühmtesten und am höchsten dotierten Maler wie Zhang Xiaogang mit seinen unheimlich steifen Familienporträts und Yue Minjun mit seinen höllisch lachenden Gesichtern neigen zur Wiederholung.

Obwohl das meiste der Blick auf die westliche Kunst der letzten 15 Jahre mit chinesischen Augen ist, wird einiges im Gedächtnis haften bleiben. Die mit Asche gemalten zarten Bilder von Zhang Huan, sein Raum riecht nach Kaminfeuer; Zeng Fanshis filigrane Landschaften; und vor allem die beiden Arbeiten des Paares Sun Yuan und Peng Yu: Der "Gefallene Engel" ist eine traurige Figur, eine alte weißhaarige Frau mit Flügeln, die jenen eines gerupften Huhns gleichen; und in Galerie 13 fahren 13 alte Männer auf elektrischen Rollstühlen lautlos durch den Raum, rammen sich gegenseitig. Der Besucher kann sich frei zwischen ihnen bewegen, ihnen in die tränenden Augen schauen, eine zitternde Hand beobachten. Sie ähneln bekannten Politikern, Castro, Arafat, Makarios - ein grotesker Totentanz auf dem Grab der Vereinten Nationen.

Freier Eintritt für alle!

Einen weiteren Coup hat Saatchi durch die Ehe mit dem Auktionshaus Phillips de Pury gelandet: freien Eintritt für alle, sogar für kuratierte Sonderausstellungen. Beide Parteien hüllen sich in Schweigen, was die Kosten angeht, doch man munkelt, dass sich der Versteigerer den Spaß zwei Millionen Pfund hat kosten lassen. Als Gegenleistung hat Saatchi einen Raum im Obergeschoss zur Verfügung gestellt, den Phillips de Pury bespielen darf. Der Auftakt: eine Auswahl aus Julian Schnabels "Chinesischen Gemälden", großformatige semi-abstrakte Leinwände, die der Amerikaner in diesem Sommer auf seinem Landsitz in Long Island malte.
Viele beschimpfen Charles Saatchi als egozentrischen Amateur, verachten seine Machenschaften, die den Markt verzerren und seinen Künstlern alles andere als gut tun, doch eines ist sicher: Ohne seinen Enthusiasmus, seine Energie und seinen schier unerschöpflichen Geldbeutel gäbe es weder die YBA noch die Tate Modern. Und London wäre als Kunststadt noch immer recht hinterwäldlerisch. Und schon wieder hat ihn Begeisterung für Neues gepackt: Er hat die Kunst des Mittleren Ostens entdeckt, aus Irak und Iran, die er in zwei Jahren in seinem neuen Museum auspacken will.

Mehr zum Thema im Internet