Neues Rheinland - Leverkusen

Totes Heim, Glück allein

Das Museum Morsbroich stellt rheinische Künstler der siebziger Jahrgänge vor und schweißt sie zu einer "postironischen Generation" zusammen. Man kann in der Ausstellung aber auch ein erstaunlich zeitgemäßes Biedermeier entdecken.
Totes Heim, Glück allein:Die postironische Generation

Martin Pfeifle: "ROTEMARTHA", 2010, Lackfolie, Länge 35 m, Installationsansicht

Innerhalb des letzten halben Jahres hat das Rheinland seiner regionalen Kunstszene gleich drei große Ausstellungen gewidmet. Zunächst ließ Bonn den Westen leuchten, dann sammelte Düsseldorf die Flugdaten der achtziger Jahre ein und nun präsentiert das Leverkusener Museum Morsbroich aktuelle Arbeiten von 33 Künstlern, die in den siebziger Jahren (oder zumindest den späten Sechzigern) geboren wurden und dem Lockruf Berlins widerstanden. Nicht ohne Stolz berichtete Markus Heinzelmann, Direktor des Museums, dass es lediglich eine Überschneidung (nämlich Michail Pirgelis) mit der Schau im Kunstmuseum Bonn gibt. Offenbar ist im Rheinland immer noch genug gute Kunst für alle da.

Am Titel der Ausstellung lässt sich der ehrgeizige, ja geradezu offen unbescheidene Anspruch der Schau ablesen: Gemeinsam mit seiner Ko-Kuratorin Stefanie Kreuzer ruft Heinzelmann nicht nur ein "Neues Rheinland", sondern gleich eine neue, weil postironische Generation aus. Sie setzt sich bewusst vom spielerisch-distanzierten Gestus ihrer Vorgänger ab, die sich mittels der Ironie von den oftmals hochtrabenden Erlösungsfantasien der klassischen Moderne befreite – man denke nur an Sigmar Polkes Bildtitel "Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!". Die "postironische Generation" versucht nun, hinter beide Positionen zurückzugehen, indem sie zu "vergessenen" oder bestenfalls belächelten Medien wie Keramik, Holzdruck und Scherenschnitt greift und sich auf "häusliche" Themen wie die Kindheit konzentriert. Alexandra Bircken zeigt einen Quilt, Jan Albers verlegt Rohre und bastelt an Collagen, die ihre Baumarkt-Herkunft gar nicht erst verleugnen, Ulrike Möschel hängt eine weiße Schaukel als Symbol der behüteten Kindheit am "seidenen" Faden auf. Während die Welt gerade Kapriolen schlägt, dominieren Heim und Handwerk die Kunst: Das klingt beinahe nach der guten alten Biedermeierzeit.

Die Inszenierung des Privaten und die Sehnsucht nach Sicherheit und Harmonie sind zwei Grundmotive des "Neuen Rheinlands". Doch so wie das originale Biedermeier weit mehr war als die Flucht in die Innerlichkeit, zeichnet auch die "postironische Generation" ein gebrochenes Verhältnis zum Rückzug in die eigenen vier Wände aus. Ein mittlerweile klassisches Beispiel ist Gregor Schneiders "Totes Haus u r", in dem die Heimeligkeit des Elternhauses etwas unauslöschlich Unheimliches bekommt.

Schneider ist im Museum Morsbroich mit einem auf menschliche Dimensionen aufgeblasenen Kratzbaum vertreten, der leider nicht zu seinen stärksten Arbeiten gehört. Sehr viel bedrohlicher wirkt da schon Felix Schramms Installation einer von rohen Naturkräften zerrissenen und ins Innere des Museums gerammten Hauswand. Das eigene Heim erscheint in Leverkusen weder sicher noch vertraut. Tobias Hantmann verwandelt Kochtöpfe und Pfannen in Trompe l’oeils, auf den kindlich wirkenden Scherenschnitten von Matthias Lahme zeigen sich alptraumhafte Fratzen. Geradezu ein Resümee der Ausstellung ist Eli Cortiñas‘ Videoarbeit "No Place like Home", in der Judy Garlands Satz aus dem Filmklassiker "Der Zauberer von Oz" zur endlos wiederholten Beschwörungsformel wird.

Die Ausstellung spricht so sehr für sich, dass die Frage "Wie repräsentativ ist die Auswahl?" bei der Pressekonferenz hinter einer anderen zurückstand: Ist die "postironische Generation" ein globales oder ein rheinisches Phänomen? Markus Heinzelmann antwortete darauf, indem er das Rheinland als "Ausbildungsort" vom "Transitort" Berlin unterschied. Übersetzt heißt das wohl: Berlin ist ein anregendes Schaufenster für das Spiel der Moden, im Rheinland kann man dagegen in aller Ruhe zum wahren Künstler reifen. Natürlich zeigt sich in dieser Definition auch das Ressentiment der Provinz gegen das Zentrum. Aber vielleicht ist die provinzielle "Rückständigkeit" ja tatsächlich der beste Nährboden für ein zeitgemäßes Biedermeier, in dem sich die private Verunsicherung im globalen Maßstab zeigt. Die Brüder Gert und Uwe Tobias wären dann so etwas wie dessen Prototypen. Sie haben in Braunschweig studiert, lassen die transsilvanischen Wurzeln ihrer Familie in grandiosen Holzschnitten wieder aufleben, verkaufen ihre Arbeiten in alle Welt – und leben und arbeiten mitten in Köln.

Neues Rheinland: Die postironische Generation

Termin: bis 13. Februar 2011

http://www.museum-morsbroich.de/