Berlinale 2010 - Forum Expanded

Die blaue Blume Zelluloid

Kaum fünf Jahre alt und schon widmet sich das Forum Expanded der Berlinale dem Thema "Erinnerung". art verrät Ihnen, was aus dem diesjährigen Programm lange im Gedächtnis bleibt.
Die blaue Blume Zelluloid:Forum Expanded widmet sich dem Thema Erinnerung

"Auto-Kino!" – präsentiert von Phil Collins, 2010, Installationsansicht: Temporäre Kunsthalle Berlin 2010, Videostill aus: The Raspberry Reich, Bruce LaBruce, 2004

Ein Mann schrammelt in einem leeren Café auf der Gitarre, und eine Frau singt dazu ganz schön schräg den immergleichen Refrain: "Denn sie wissen, was sie tun." Wer seinen Ohren traut, hat bei den beiden da so seine Zweifel, doch wir schreiben das Jahr 1980 und dies ist West-Berlin, die deutsche Hauptstadt von New Wave und Punk. Einige Einstellungen später posiert das Pärchen als Bonnie und Clyde und raubt einem harmlosen Pförtner dessen Koffer, dann lungert es in einem Straßencafé herum, und schließlich sagt es im Bett liegend melancholische bis sinnlose Sentenzen auf.

In erster Linie ist Ilona Baltruschs "Flug durch die Nacht" (Temporäre Kunsthalle, täglich 16 Uhr) ein oftmals hinreißendes Dokument der frühen achtziger Jahre. Alles ist hier Selbstinszenierung einer flüchtigen Subkultur: die gesuchte Theatralik, die vom Kino abgeschauten und nie ganz ernst gemeinten Posen und natürlich die später einsetzenden Nonsense-Reflexionen aus dem Off. "Kein Kopf-Film" steht als Mahnung an der Wand, und tatsächlich versteht man Baltruschs Experimente sofort. Einmal läuft ein Pop-Song in voller Länge auf der schwarzen Leinwand; das einzige, was man sieht, ist die lautmalerisch ausschlagende Tonspur auf dem Zelluloid.

Es sind nostalgische Tage in Berlin: Das Filmfestival feiert sein 60-jähriges Bestehen mit der "Uraufführung" des rekonstruierten Stummfilm-Klassikers "Metropolis", und auch das gerade mal fünf Jahre alte Forum Expanded stellt die Erinnerung ins Zentrum seines Programms. In die Temporäre Kunsthalle zieht ein von Phil Collins (dem Filmkünstler) kuratiertes "Auto-Kino!" (täglich 16 Uhr) ein, im Hamburger Bahnhof blickt der legendäre deutsche Experimentalfilmer Heinz Emigholz auf seine Arbeiten der siebziger Jahre zurück (täglich außer Montags), und James Benning wird im Rahmen einer Live-Performance seinen eigenen Film "North on Evers" und damit auch ein bisschen die Filmgeschichte umschreiben (Arsenal, 15.2., 17 Uhr).

Verblichene Farben, Schmutz, Schlieren und andere "Fehler"

In Zeiten der digitalen Kamera ist das gute alte Zelluloid unter Kennern so begehrt wie unter Musikliebhabern das Vinyl. Davon profitieren die alten Hasen, die wieder hoch im Kurs stehen, während einige der jungen Hüpfer alles daran setzen, ihre digitalen HD-Filme aussehen zu lassen wie aus den Gründungsjahren des Lichtspiels. Michael Buschs "Das elektrische Paradies" (Arsenal, 18.2., 20 Uhr und 21.2., 21.30 Uhr) schwelgt mit verblichenen Farben, Schmutz, Schlieren und anderen "Fehlern" geradezu in der Patina des Materials; seine scheinbar ziellos mäandernde Folge von Szenen, Bildern und Reflexionen betont noch zusätzlich, dass er nach der Blauen Blume des Avantgardefilms sucht. Heike Baranowsky stellt in ihrer Arbeit "pêche" (Galerie Barbara Weiss, ab 13.2., täglich 11–18 Uhr) sogar einen frühen Stummfilm der Lumière-Brüder nach, ansonsten sind ihre mehrkanaligen Videoinstallationen aber eindeutig dem Kunstbereich verpflichtet.

Ein wunderschöner Breitwand-Effekt ergibt sich in "Racetrack", einer Installation auf drei Bildschirmen, in der ähnliche oder identische Einstellungen aus dem Death Valley eine erhabene "neue" Landschaft erzeugen. Ganz ohne Rückgriff auf die Tradition kommt hingegen Phil Collins aus: In "soy mi madre" (daadgalerie, ab 13.2., täglich 11–18 Uhr) überbietet er absichtlich den Kitschfaktor einer mexikanischen Telenovela. Die Geschichte beginnt mit Unterdrückung und Verzweiflung, steigert sich langsam zu Liebe, Eifersucht und Hass und wartet am Ende mit einer Enthüllung auf, die das etablierte Verhältnis von Herrn und Knecht tränennass in Frage stellt. Damit niemand in Versuchung kommt, die grandiose Erfindung mit dem Vorbild zu verwechseln, tauscht Collins mit jedem Szenenwechsel mindestens einen Darsteller aus, und einmal macht die Kamera einen Achsensprung, und das ganze Filmteam ist im Hintergrund zu sehen. Eine Moral, wie wäre es in diesem Genre anders möglich, hat das Ganze natürlich auch: Die sozialen Stände sind nicht gottgegeben, aus dem Herrn kann ein Diener werden oder umgekehrt.

"Berlinale – Forum Expanded"

Termin: 11. bis 22. Februar 2010, Berlin
http://www.berlinale.de

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