David Lynch - Interview

Ich verliebe mich in Ideen

Der US-Regisseur David Lynch wurde mit verstörenden Filmen wie "Blue Velvet" und "Eraserhead" berühmt. Seit einigen Jahren wird auch sein umfassendes malerisches und fotografisches Werk entdeckt. Anlässlich einer Ausstellung neuer Fotografien im Düsseldorfer Epson-Kunstbetrieb sprach art mit David Lynch über schlechte Aura, weibliche Schönheit und das Fischen nach Inspiration.

Herr Lynch, mir ist aufgefallen, dass Sie für ihre Zeichnungen ganz verschiedene und meistens eher gewöhnliche Papiersorten verwenden. Ist das Zeichnen für Sie eine ständige Begleitung, eine Art "peinture automatique", mit der Sie sich die Zeit vertreiben?

David Lynch: Ja, meistens läuft es in diese Richtung. Es ist wirklich gut, immer Papier und Stift zur Hand zu haben, man ist auf Überraschungen vorbereitet. An manchen Orten gibt es ein bestimmtes Papier, das nutze ich dann, und manchmal führt das zu einer ganzen Serie.

Wenn einem gefällt, was auf dem Papier geschieht, macht man damit weiter. Es gab eine Zeit, da habe ich besonders gerne im kleinen Format gezeichnet, mit einem sehr spitzen Bleistift. Jetzt arbeite ich vor allem mit diesen kleinen Aquarellheften.

Sind solche Ideen aus heiterem Himmel nicht schön und unheimlich zugleich? Man weiß nicht, woher sie kommen, wir gehören ihnen in demselben Maße wie sie uns gehören.

Oh ja, Ideen sind eine wirklich interessante Sache. Ich glaube, Ideen sind wie Gedanken, und ich versuche, sie zu fangen. Man fängt sie, wie man einen Fisch fängt. Häufig reden die Leute von unserer Einbildungskraft, als würden wir etwas erfinden. Doch in Wahrheit erfinden wir überhaupt nichts: Der Fisch ist schon da und wir fangen ihn. Ich liebe es, nach Ideen zu fischen, aber man weiß nie, in welchen Gewässern man sich befindet.

Ich frage, weil Maler wie Wassily Kandinsky versuchten, die geistige Aura von Menschen und Dingen abzubilden. Bei ihnen sehe ich etwas Ahnliches, nur das bei ihnen das Unheimliche über allem schwebt.

(Lacht) Ich weiß nicht. Alles ist irgendwie spirituell.

Auch ihre Filme entstehen aus einzelnen Bildern und kleinen Erzählfragmenten. Wie bringen sie diese zusammen?

Erst kommen die Ideen, und dann kommen andere Ideen, die alles zusammen bringen. Man versucht das eine oder andere, probiert etwas aus, nur um es wieder zu verwerfen, und dann ergibt plötzlich alles einen Sinn. Die Einfälle wollen in eine Abfolge gebracht werden, und diese Abfolge offenbart sich durch einen neuen Einfall.

Aber die Abfolge muss bei Ihnen nicht unbedingt verständlich sein.

Sie muss auch verständlich sein. Das ist nicht alles bloß Zufall. Am Anfang bin ich einfach nur verliebt in einige Ideen, dann entdecke ich eine Bedeutung in ihnen, und so setzt sich das Ganze allmählich zusammen. Die Einfälle sprechen zu mir, je mehr kommen, desto klarer wird das Bild. Ohne Inspiration würde man in einem leeren Teich fischen. Also rudert man woanders hin, einer beißt an, und schon hat man einen ganzen Schwarm.

Manchmal ist es schwierig, den Geschichten in Ihren Filmen zu folgen.

So schwierig ist es gar nicht. Manche Leute halten sich gerne an konkreten Dingen fest und haben deswegen Schwierigkeiten mit den abstrakten Momenten meiner Filme (lacht). Andere Leute lieben es hingegen, sich in den Geschichten zu verlieren. Verständnis ist mehr eine intuitive Sache, wer zu angestrengt nachdenkt, kommt zu den falschen Schlüssen.

In Ihren Filmen gibt es viele Falltüren in eine albtraumhafte Unterwelt ...

Sie führen nicht immer in einen Albtraum, sondern einfach nur an andere Orte.

… und die Verbindungen zwischen den Orten erscheinen nicht unbedingt logisch.

Sie sind immer logisch, überaus logisch sogar. Nur liegt die Logik nicht immer an der Oberfläche. Manchmal werden logische Dinge abstrakt, und dann muss man um die Ecke denken. Im Nachhinein ergeben meine Filme immer einen Sinn. Jedenfalls für mich.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie die Kamera benutzen, um die Welt weniger realistisch aussehen zu lassen.

Nein, die Kamera stellt die Dinge von sich aus anders dar. Ich versuche einfach, Ideen zu übersetzen, in die ich mich verliebt habe. Das trifft es genau.

In Hollywood waren Sie ein Außenseiter, mit der Kunstszene gibt es hingegen viele Anknüpfungspunkte, etwa bei den Surrealisten.

Sicher, ich liebe die Surrealisten. Doch ich nehme mir nicht vor, etwas Surrealistisches zu machen. Manche Leute haben ein großes Thema, das sie mit ihren Werken erkunden wollen. Bei mir ist es umgekehrt. Ich habe einen Einfall und sage später zu mir: "Oh, da steckt ein Thema drin." Ich weiß nie, was da gerade auf mich zukommt. Viele Ideen blühen niemals auf, aber ich bringe trotzdem alles zu Papier. Später kann immer noch etwas aus ihnen werden. Und wenn man sich verliebt, ist es das Schönste auf der Welt.

Mit den Surrealisten teilen Sie den Sinn für das Schöne im Sonderbaren.

Es gibt nichts, was nicht schön ist. Jedes Mal, wenn man den Blickwinkel leicht verändert, eröffnet sich eine ganz neue Welt. Alles steckt voller Möglichkeiten.

In ihrer Fotoserie "Distorted Nudes" haben Sie erotische Aufnahmen aus der Frühzeit der Fotografie kunstvoll entstellt. Wollten Sie damit den Bildern die Unschuld austreiben?

(Lacht) Nein, das wollte ich nicht. Ich habe mich einfach in die Qualität dieser Aufnahmen verliebt. Die Manipulationen waren weniger eine intellektuelle Entscheidung als der Versuch, ein Gefühl für die Bilder zu bekommen. Ich wollte etwas Neues daraus machen, und es fühlte sich gut an.

Weibliche Akte sind ohnehin recht prominent in Ihrem Werk vertreten.

Ich mag den weiblichen Körper nun mal sehr. Und da bin ich wohl nicht der Erste (lacht).

Es geht also mehr um Gewebe und Struktur.

Genau. Es geht um Gewebe, Struktur, Form, Lichteinfall, das Organische. Der weibliche Körper ist so gebaut, dass es einem durch Mark und Bein geht. Man kann sich in ihm verlieren, in seinen Posen, es gibt nichts, was man nicht durch ihn fassen könnte, die Beschäftigung mit ihm ist schier unendlich.

Andere fotografische Serien zeigen verlassene Fabriken oder einsame Straßen in düsterem Licht. So als würden die Motive aus dem Schatten geboren.

Im gewissen Sinne sind sie das. Fabriken ziehen mich magisch an, insbesondere alte verfallene Fabriken aus dem 19. Jahrhundert oder der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie sind für gewöhnlich riesig, wie Kathedralen, man fühlt noch ihre Kraft. Wenn sich die Natur dann den Raum zurückerobert, geht etwas völlig Neues in ihnen vor. Was das Licht betrifft: Ich fotografiere mit dem wenigen Tageslicht, das in die Ruinen dringt. Und im Winter beginnt die Dämmerung vielerorts bereits am frühen Nachmittag.

Sie fotografieren kaum in Farbe.

So wie ich immer gesagt habe, dass mein Film "Blue Velvet" farbig sein musste, wäre es absurd gewesen, "Eraserhead" oder "The Elephant Man" nicht in Schwarzweiß zu drehen. Bei jeder Sache sage ich mir: "Das ist etwas für Farbe, und das ist etwas für Schwarzweiß."

Trotzdem ist es erstaunlich, bedenkt man die expressive Farbigkeit vieler Ihrer Filme.

Wie ich schon sagte: Es hängt vom Gefühl ab. Oft fotografiere ich sowohl in Farbe als auch in Schwarzweiß, jetzt, mit der digitalen Fotografie ist alles farbig, und man zieht die Farbe nachträglich heraus. Bei diesem Prozess des Ausfärbens ist so vieles möglich, es ist wirklich wunderbar.

Und was gibt dabei den Ausschlag?

Das Motiv. Manche Dinge wollen einfach farbig sein.

In Ihrem letzten Film "Inland Empire" scheint ganz Hollywood ein großes Spukhaus zu sein.

Eine Sache wie Hollywood lässt sich nicht in einem einzigen Film erzählen. Man bekommt allenfalls ein kleines Stückchen zu fassen. Mein Lieblingsfilm über Hollywood ist Billy Wilders "Sunset Boulevard", auch er zeigt nur einen kleinen Ausschnitt, aber der sagt bereits eine Menge aus. Im Übrigen wusste ich nicht, dass ich einen Hollywoodfilm über Hollywood machen würde, das hat sich ergeben.

Ihre Filme erscheinen bei aller Düsternis immer sehr spielerisch. Ist das ein Weg, den Dämonen zu entkommen?

(Lacht) Nein. Es sind die Ideen, sage ich ihnen. Die haben sehr wenig mit mir zu tun, ich bin nur derjenige, der sich in sie verliebt hat. Andere mögen sich in andere Dinge verlieben. Doch wenn man verliebt ist, weiß man genau, was zu tun ist.

Sie wurden einst als Frank Capra der Traumlogik gefeiert. Heute könnten Sie eher der Pate einer in Hollywood verliebten Kunstszene sein. Was halten Sie von der Entdeckung des populären Kinos durch die Kunst?

Für mich war das Kino schon immer populär. Ich begann als Maler, doch es gibt nun einmal verschiedene Medien, jedes von ihnen ist unendlich, wird ewig leben und hat seinen besonderen Nervenkitzel. Und dann es gibt die Ideen. Manche sind Malerei-Ideen, manche Fotografie-Ideen und manche Kino-Ideen.

Sie haben mehrfach vom Fischen nach Ideen gesprochen. Angeln Sie eigentlich?

Nicht wirklich. Ich habe mal gefischt und weiß, dass die Erregung, einen Fisch zu fangen, derjenigen ähnelt, wenn eine Eingebung angebissen hat.

"David Lynch: New Photographs"

Termin: bis 23. November, Mittwoch–Freitag 14-20 Uhr, Samstag–Sonntag 14–18 Uhr, montags und dienstags geschlossen. Epson-Kunstbetrieb im Düsseldorfer Medienhafen, Kaistraße 7–9.
http://www.epson-kunstbetrieb.de/