Linder - Hannover

Heldin des britischen Punk

Frau. Objekt. Die Frau als Objekt. Das Objekt Frau. Kaum einer anderen Feministin gelingt es so leicht wie Linder Sterling, die Kunst zum Spielball des Feminismus zu machen und anstelle von Verbitterung mit Witz und Ironie an das Thema heranzugehen. Das Musée d´Art Moderne de la Ville zeigte die nackten Tatsachen der britischen Künstlerin in einer ersten Retrospektive, die jetzt in der Kestnergesellschaft in Hannover zu sehen ist. art-Paris-Korrespondent Heinz Peter Schwerfel hat die Ausstellung für uns vorgestellt.

Sie würde gern verschwinden. "Mir gefällt es, nicht zu wissen, was die Leute über mich denken", das hatte die Feministin, Musikerin, Modeexzentrikerin, vor allem aber bildende Künstlerin Linder Sterling, kurz Linder, in einem Gespräch mit dem Pop-Sänger Morrissey erklärt.

Künftig dürfte das Verschwinden für die 1954 in Liverpool geborene Heldin des britischen Punk und Post-Punk allerdings schwierig werden: 2012 wurde sie mit dem Latitude-Kunstpreis ausgezeichnet, und jetzt feiert sie das städtische Pariser Museum für moderne Kunst mit ihrer ersten großen Retrospektive.

Über 200 Collagen, Fotos, Leuchtkästen und Zeichnungen werden gezeigt, dazu Filme sowie Videos von Performances und Konzerten. Darunter auch ein Mitschnitt ihres berühmten Auftritts von 1982, bei dem sie ein Kleid aus Geflügelfleischresten trug – ein Vierteljahrhundert vor Lady Gaga. Als Kunststudentin in Manchester wuchs Linder mit der legendären Punkszene und der Kultband Joy Division auf und versuchte sich ab 1976 in Dada-ähnlichen, aber ungleich härteren, feministisch-ätzenden Collagen.

Ihren ersten großen Erfolg landete sie 1977 mit dem Cover für den legendären Hit "Orgasm Addict" von den Buzzcocks – ein muskulöser nackter Frauentorso mit zwei Mündern auf dem Busen und einem Bügeleisen anstelle des Kopfes. Ihre Frauen tragen auch schon mal ein Korsett; aber immer geht es um die Frau als Sexualobjekt und um den zynischen Blick der Männer auf den weiblichen Körper. 1978 war sie Mitgründern der Gruppe Ludus, deren Sängerin sie bis zur Auflösung 1983 war. Aus dieser Zeit stammt ihre Liebe zur Performance, in der sie bis heute gern mystische Frauengestalten verkörpert.