Radar - Petra Reichensperger

Petra Reichensperger über Kalin Lindena

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Petra Reichensperger, künstlerische Leiterin der Arthur Boskamp-Stiftung M.1 und Kunstkritikerin, über die deutsche Künstlerin Kalin Lindena.
Rader: Kalin Lindena:Petra Reichensperger über Ihre Lieblingskünstlerin

Installationsansicht, Oldenburger Kunstverein 2008

Offen? Gerne. Smart? Immer doch. Suchend? Voraussetzung. Könnerschaft gilt mir im Vergleich zu den eben genannten Eigenschaften wenig, ist mir aber auch nicht völlig unwichtig. Zumindest habe ich ein Faible für formale Stringenz und konsequente Umsetzung. All das habe ich bei Kalin Lindena gefunden – natürlich nicht nur bei ihr, sondern auch bei vielen anderen Künstlern wie beispielsweise Nina Canell, Nairy Baghramian oder Ho Tzu Nyen.

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Strecken Teaser

Doch Lindena überzeugt ganz besonders darin, wie frei sie mit den Möglichkeiten der Kunst umgeht, wie versiert sie ihren Ansatz umsetzt und vor allem darin, wie sehr sie ihre Handschrift quer durch alle Medien beibehält. Sie besticht in keinem Medium mehr als in einem anderen. Einmal kombiniert sie Pastellkreide, Acryl oder Bleiche mit unterschiedlichen Bildträgern; ein andermal schmilzt sie farbiges Papier; und schließlich stellt sie alleine oder im Austausch mit anderen Künstlern Objekte, Videos und bühnenartige Situationen her.

Während unserer Zusammenarbeit an meiner ersten Gruppenausstellung im M.1, mit dem Titel "Untitled, 6 X 2, 2008", ist mir aufgefallen, wie sehr Lindena es versteht unterschiedlichste Einflüsse in ihrer Kunst zu bündeln und zu brechen. In dieser Ausstellung sollten die sechs eingeladenen Künstler selbst eine weitere Einladung aussprechen. Lindena war dabei die Einzige, deren Wahl auf eine historische Position fiel. Es war kein Geringerer als Wenzel Hablik, der mit seinen Darstellungen von kristallinen Welten eine wahre Schatztruhe hinterlassen hat, und dessen Name immer dann fällt, sobald es um Begriffe wie Utopie und Gesamtkunstwerk geht. Die Referenz Hablik passt hervorragend zu Lindenas eigenem Ansatz: Suchend, experimentierfreudig und alle Möglichkeiten auslotend. Bei ihr trifft Emotion auf Abstraktion, überlegt gesetztes Zitat auf spontane Intuition, seltsame Romantik auf verschiedene Gegenwarten.

Lindena interpretiert das Schöpfungsthema immer wieder neu

Diese mühelose Überlagerung verschiedener Zeitebenen ist es auch, die für mich das eigenwilligste und damit interessanteste Element in Kalin Lindenas Arbeit darstellt: Sie scheinen aus der Vergangenheit zu kommen und künden doch von einer Zukunft. Manche ihrer Werke, wie "Und zurückkehren wie die lebendige Zeit" scheinen gar zu atmen: Sie sind geprägt durch die Offenheit der Künstlerin und die Prozesshaftigkeit ihrer künstlerischen Ansatzes. Ihre Arbeiten erzählen von sich, ähnlich wie Symbole es tun. Symbole trösten den Geist, schreibt Paul Klee in seinem kunsttheoretischen Aufsatz "Schöpferische Konfession". Sie scheint seine Auffassung zu teilen. Denn auch ihre Arbeiten sind voller Symbole, die Licht- und Schattenseiten zeigen. Sie erkennt damit an, dass die Welt mehr als nur das faktisch Vorhandene ist.

Wie sehr sie sich insbesondere durch Klees Gemälde "Der Schöpfer" inspirieren ließ, zeigt ihre großformatige Collage "Um ein Tanz". Seitdem interpretiert sie das Schöpfungsthema immer wieder neu. Mittlerweile existiert so auch eine Version vom "Schöpfer als junge Frau". Lindena ist dabei eine der interessantesten jungen Künstlerinnen, die gerade in den letzten Jahren damit begannen, Kunst parallel zum Mainstream der neuen, meist männlichen Realisten zu erzeugen. Ganz leichtfüßig gelingt ihr eine hintersinnige und sensuelle Widerständigkeit, die wenig mit den aktuellen neokonservativen Hitparaden am Hut hat.