Shadows / Schatten - Museum Thyssen-Bornemisza

Vom Ursprung der Malerei

Eine Doppelausstellung im Museum Thyssen-Bornemisza und der Stiftung Caja Madrid widmet sich dem narrativen und kompositorischen Element des Schattens in der Kunst.

Halb himmlisches Wunder, halb Hexenwerk scheint zu sein, was auf dem Gemälde "Der Ursprung der Malerei" von Matías de Arteaga (um 1633 bis 1703) geschieht. Ein Mann zeichnet den Schatten nach, den ein anderer Mann auf die nahegelegene Mauer wirft. Ein paar umstehende Gestalten bestaunen seine Tat mit Blicken und Gesten, als stünde urplötzlich der Heiland unter ihnen. Der "Maler" selbst sieht allerdings eher aus, als wollte er, furchtsam fast vor dem eigenen Tun, der Fixierung eines flüchtigen Schattens, zurückzuweichen. Ganz geheuer scheint ihm seine Schöpfung jedenfalls nicht.

De Arteagas Bild ist eine der bemerkenswertesten Adaptionen jener alten Legende, die vom römischen Gelehrten Plinius dem Älteren überliefert wurde: Ihr zufolge entstand die Malerei, als eine junge korinthische Frau das Profil ihres zur Seefahrt aufbrechenden Geliebten nach dessen Schattenriss an der Wand festhielt. Die Madrider Ausstellung "Schatten", zweigeteilt im Museum Thyssen-Bornemisza und der Stiftung Caja Madrid zu sehen, zeigt das Gemälde gleich im ersten Saal, gemeinsam mit einer Hand voll anderer Werke, die dieselbe Geschichte aufgreifen. Die Schau versammelt diese Bilder zum Gründungsmythos, für den Malerei und Schatten wesenhaft zusammengehören, bevor sie zu dann einem chronologischen Gang durch die Kunstgeschichte ansetzt. So adelt sie ihr Thema von vornherein. Mit einer gewissen Genugtuung womöglich, schließlich genoss der Schatten lange Zeit keinen guten Ruf in der Malerei.

Der Kunsthistoriker Victor I. Stoichita zeichnete den großen Bogen von der Antike bis in die Gegenwart 1997 in seinem Buch "Eine kurze Geschichte des Schattens" nach. Für Guillermo Solana, den künstlerischen Direktor des Thyssen-Bornemisza-Museums, schien Stoichitas Arbeit nach einer thematischen Ausstellung zu verlangen. Für diese verpflichtete man am Ende Stoichita selbst als Kurator. Der präsentiert nun knapp 150 Werke von der Renaissance bis zur jüngsten Jahrtausendwende und zeigt in zehn Kapiteln, die sich etwa dem Barock, dem Romantizismus, dem Surrealismus oder der Fotografie widmen, auf welche Weise der Schatten im Laufe der Zeit zu einem wichtigen narrativen oder kompositorischen Element des Kunstwerks geworden ist.

Schatten teilen Geheimnisse mit

Jede Epoche bringt erstaunliche Schattenbilder hervor. Kurios Giovanni di Paolos "Flucht nach Ägypten" von 1436, auf dem manche Bäume Schatten werfen, andere nicht, die Bauern ja, die Heilige Familie nicht. Faszinierend auch Pier Maria Pennacchis "Der segnende Christus" von 1500, in dem der Schatten von Jesus' Kopf, scheinbar gestützt auf dessen schwarzen Überwurf, wie eine dunkle zweite Figur wirkt, die aus der Lichtgestalt heraustritt und davonhuscht.

An der Wende zum 16. Jahrhundert wurden Schatten noch tendenziell als störend empfunden, meist nur aus Gründen der Plausibilität und Plastizität nicht völlig ignoriert. Im Barock wird dann das Dunkel mitunter geradezu beschworen. Auf Bildern von Matthias Stom oder Georges de La Tour sieht man allerdings auch, dass es dabei weniger auf einzelne Schatten ankommt als auf die Finsternis rundum, gegen die das zentrale Kerzenlicht fast heroisch anstrahlt. Im 19. Jahrhundert übernehmen es die Schatten gelegentlich, die Geheimnisse oder Bedrängnisse ihrer Träger mitzuteilen, so in Heinrich Wilhelm Tischbeins "Der große Schatten" (1805), auf dem eine einsame Figur am Kamin von ihrem über drei Wände wandernden Schatten bald hinterrücks verschlungen wird, oder in Émile Friants "Schlagschatten" (1891), auf dem die fliehenden Flecken an der Wand ihre eigene Geschichte von Zu- und Abneigung des abgebildeten Paares erzählen. Besonders bizarr schließlich Christian Schads "Porträt von Dr. Haustein" (1928), in dem sich hinter dem Arzt der Umriss eines unförmigen, rauchenden Alienkopfes abzeichnet.

Empfindliche Lücke

So schön allerdings manches Fundstück und manches Wiedersehen auch sind – über den gesamten Parcours macht sich zugleich eine gewisse Unzufriedenheit breit. Einiges vermisst man, andere Gewichtungen leuchten nicht ein. Dass kein einziges Werk von Caravaggio vertreten ist, bedeutet eine empfindliche Lücke, die ein paar Arbeiten in dessen Stil nicht zu schließen vermögen. Warum ausgerechnet Félix Vallotton am meisten Bilder beiträgt, wird anhand der Auswahl nicht deutlich. In der Fotografie wiederum fehlt Lee Friedlander. Und der kleine Saal zu "Von der Pop Art bis heute" macht nur Appetit auf mehr.

Man hat schon eine Ahnung von der möglichen Ergiebigkeit einer solchen Ausstellung, bevor man sie betritt. Und Stoichitas Schau bleibt hinter einer solchen Erwartung letztlich zurück. Sie tritt, wenn man so will, nie aus dem Schatten heraus, die bereits ihr Titel wirft.

"Shadows"

Termin: bis 17. Mai, Museum Thyssen-Bornemisza of Art und Fundación Caja, Madrid, Spanien

http://www.museothyssen.org/thyssen_ing/home.html

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