Walk the Line / Drawing Now - Wolfsburg / Wien

Geht doch, Leute!

Jedes Jahr ein neues Revival für die Zeichenkunst? Gleich zwei spannende Ausstellungen beschäftigen sich mit den neuen Wegen der Zeichnung in der Gegenwartskunst.

"Was geht, Leute?", kritzelte ein gewisser Paul ins Besucherbuch des Kunstmuseums Wolfsburg. Hätte der gewusst! Christian Jankowski nahm diesen Eintrag und machte ihn zur illuminierten Verkündigung in Neonschrift. Fast trotzig prangt sie jetzt über dem Wolfsburger Vorhaben, die Zeichnung wieder einmal neu zu entdecken.

Jahr für Jahr, so gefällt es auch dem Kunstmarkt, bekommt sie ein neues Revival aufgezwungen, wird gelobt, wie flexibel und wendig und cool dieses einst intime Medium doch heute sei. Installationen, Videos, Objekte werden diesem Genre plötzlich zugeordnet, das Papier wurde längst gegen die ganze Wand getauscht, und die persönliche Handschrift ist sowieso eine Projektion.

Hohe Wege der Strichkunst

Nicht einmal in der Wiener Albertina, dem hehren Tempel der grafischen Kontemplation, sind konservative Geister nunmehr sicher, auch hier widmet man sich fast zeitgleich mit Wolfsburg den neuen Wegen der Strichkunst. In Wolfsburg geht man es erst einmal breit an. Kurator Holger Broeker will anhand der Arbeiten von rund 40 Künstlern vor allem zeigen, was alles möglich ist: Da dürfen die ikonischen Animationen des südafrikanischen Bildpoeten William Kentridge natürlich nicht fehlen. Aber auch nicht junge, weibliche Gegenpole wie Katie Armstrong, die ebenfalls Filme aus Zeichnungen, in ihrem Fall Tuschzeichnungen, macht. Zehn Werke entstanden extra für Wolfsburg, etwa ein Plexiglaskubus von Pia Linz, in den sie sich setzte und auf dessen Innenseite sie alles eingravierte, was sie draußen sah. Ein Show-Off der Möglichkeiten, das so zumindest im norddeutschen Raum noch nie zu sehen war, betont der Kurator.

Aus dem MoMA in die Welt

Die Albertina-Schau "Drawing Now" knüpft hier an. Schon der Titel bezieht sich auf die Ur-Ausstellung der erweiterten Zeichnung, "Drawing Now", 1976 aus dem MoMA in die Welt, auch nach Wien gesandt. Kuratorin Elsy Lahner will sich aber weniger dem Wie als dem Warum widmen. Welche Gründe haben Künstler, sich dem Zeichenvokabular zu bedienen? Es geht um Verlangsamung, ums Innehalten oder um eine Vereinfachung der Bildsprache. Das zeigen 35 Arbeiten aus den letzten 15 Jahren, die von Künstlern wie dem Briten David Shrigley, der Polin Monika Grzymala oder der Schweizerin Silvia Bächli stammen. Ein Schwerpunkt der Schau liegt auf den Österreichern – vertreten sind etwa Fritz Panzer, Muntean/Rosenblum, Constantin Luser, Sonja Gangl – und obwohl es nicht die Idee der Vollständigkeit gibt, fand seit 1976 keine derart internationale, überblicksartige Ausstellung über Zeichnung der Gegenwart im Albertina-Grafik-Tempel statt. Geht doch, Leute!

Walk The Line / Drawing Now

"Walk The Line" ist noch bis zum 16. August im Kunstmuseum Wolfsburg, "Drawing Now" noch bis zum 11. Oktober 2015 im Albertina in Wien zu sehen.
http://www.albertina.at/jart/prj3/albertina/main.jart?rel=de&content-id=1427714405984&reserve-mode=active&j-cc-node=item&j-cc-id=1411462061382&j-cc-item=ausstellungen&ausstellungen_id=1411462061382
http://www.kunstmuseum-wolfsburg.de/exhibition/

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