Joseph Beuys - Parallelprozesse

Beuys: Die Heimkehr

Er ist der berühmteste deutsche Künstler des 20. Jahrhunderts, doch das Werk von Joseph Beuys (1921 bis 1986) drohte zuletzt zu verblassen. Nun wird er von einer neuen Generation entdeckt, und seine Heimatstadt Düsseldorf ehrt ihn mit einer großen Schau. Wer war Beuys? Und was macht sein Werk heute wieder brisant? Eine Spurensuche.

Es war, als hätte man die Überreste ei­ner vergangenen Kultur entdeckt. Rätselhafte Gegenstände lagen in der Halle: Steinformationen, gestapelte Filzmatten, Hirtenstäbe, Kupferstangen und Fettgebilde. Besonders auffällig war ein Stück grobes Metall, das von der Decke hing: "Blitz­schlag mit Lichtschein auf Hirsch", ein Titel wie aus einem mittelhochdeutschen Epos.

Eine fremde Kultur war hier im Hamburger Bahnhof zwar nicht ausgegraben worden, aber ein Künstler, der vielen unbekannt vorkam. Mit der Berliner Retrospektive begann im Herbst vor zwei Jahren die Wiederentdeckung des Joseph Beuys. Die Führun­gen waren voll, vor allem Jüngere ließen sich neugierig durch den Wald der symbolisch aufgeladenen Gegenstände und Ideen geleiten: Eurasienstab und Energieplan, Wärme­speicher und Parallelprozess – wer sich mit Beuys beschäftigt, lernt eine Sprache.

Der "Mann mit dem Hut" ist 24 Jahre nach seinem Tod noch immer der berühmteste deutsche Künstler, doch lange Zeit schien sein Werk zu verblassen – ein Fall für Restauratoren und Anwälte, die über den künstlerischen Wert von Wandbespannun­gen diskutierten. Es fehlte ja auch etwas: die Person Joseph Beuys selbst, die mit ihrer kommunikativen Energie das Werk belebte, zusammenhielt und erklärte. Doch nun ist das Interesse am Künstler neu erwacht – Berlin war erst der Anfang. Die Pace Gallery brachte sein Werk im Früh­jahr mit einer kleinen Retrosepktive zurück nach New York, das Museum of Modern Art (MoMA) widmet ihm seit kurzem eine Dau­erpräsentation. Und dann ist da noch die Stadt Düsseldorf, die nun die Heimkehr ihres berühmtesten Künstlers zelebriert. "Parallelprozesse" heißt die Schau, mit der Direktorin Marion Ackermann den Beuys-Boom auf die Spitze treiben will: Im K20 soll "der ganze Beuys" gezeigt werden.

Kein leichtes Unterfangen. Joseph Beuys war eine Mehrfachbegabung mit Hang zum Gesamtkunstwerk. Sein ganzes Leben und Arbeiten bildet ein eigenes Universum, in dem alles mit allem zusammenhängt. Professor und Parteigründer, Prediger und Medienprofi, Schamane und Aktivist – mühelos spielte Beuys verschiedenste Rollen. Verbunden war alles durch den "erweiter­ten Kunstbegriff" und eine Utopie des Kreativen: Beuys wollte die Kunst auf das Leben ausweiten und den Menschen bessern und steigern. Heute sind Künstler Wahrnehmungsspezialisten, die höchstens kleine Utopien wagen – für den großen Zusammenhang gibt es Kuratoren. Vielleicht ist das Interesse an Beuys auch deswegen so groß: Sein Werk könn­te ein Gegengift sein in kleinmütiger Zeit. Er wollte eine Revolution und setzte sie beherzt in Gang; dass er der Kunst mit um­fassender Weltverbesserung zu viel aufbürdete, war ebenso offensichtlich.

Absurde Vorwürfe wie "ewiger Hitlerjunge"

Als Beuys begann, in den Jahren nach dem Krieg, war sein Kunstbegriff ganz klassisch: Er war Bildhauer, und er zeichnete. Aber Grundzüge seiner Kunst waren schon zu er­kennen: Die Zeichnungen hatten etwas Flüchtiges; er benutzte dafür Alltagspapier wie Kalenderblätter oder Briefumschläge. Man sieht Hirsche und Wölfe, Frauen und Kinder, oft nur in Umrissen. Beuys interessierte sich für Urformen des Lebendigen, aber man hat nie das Gefühl, er habe deren Wesen fixieren wollen. Stattdessen zeigt er Zustände, Übergangsstadien, Verwandlungen; die zarten Bleistiftstriche oder Aquarellfarben schienen jede Festlegung unmöglich zu machen. Die Vorstellung fließender Energie, die sich in einer festen Form kristallisieren kann, fasste er später im Begriff der Plastik zusammen. Sie wurde zum Zentrum seines Denkens.

Joseph Beuys wurde 1921 in Krefeld geboren und wuchs in Kleve am Niederrhein auf. Wer heute durch diese weiträumige Landschaft fährt, findet noch die bäuerliche Kargheit, die seine Kindheit geprägt hat. Die alten Höfe liegen zwischen den Feldern wie große vertäute Schiffe, man fährt durch end­lose Pappelalleen – die Gegend ist auf spröde Art schön, aber auch leer. Abenteuer erlebt man woanders. Beuys meldete sich im Alter von 20 Jahren freiwillig zur Luftwaffe. Aus dieser Zeit stammen die Mythen, die zur Künstlerfigur Beuys gehören und die bis heute absurde Vorwürfe wie "ewiger Hitlerjunge" provozieren. Es scheint erwiesen, dass die berühm­te Geschichte vom Absturz des Kampffliegers Beuys, den Tataren auf der Krim mit Fett und Filz gesundpflegten, so nicht stimmt. Fest steht, dass er als Bordschütze aktiv am Krieg beteiligt war; auch der Absturz ist belegt. Obwohl Beuys das Thema nicht mied, scheint kaum jemand wirklich nachgefragt zu haben, was genau er im Krieg erlebt und getan hat; Interviewer wichen an dieser Stelle meist zurück, und Weggefährten berichten übereinstimmend, das sei "so konkret nie Thema gewesen".

Die erstaunlichste Periode in Beuys' Karrie­re sind die letzten zehn Jahre vor seinem unerwarteten Herzversagen 1986. Er stand ganz oben auf den Ranglisten des Kunstmarkts und hatte als erster deutscher Nachkriegskünstler 1979 eine große Ausstellung im New Yorker Guggenheim Museum. Er diskutierte auf der Documenta und bei Alfred Biolek auf der TV-Couch mit den Deut­schen, die ihn für den Inbegriff des Künstler-Scharlatans hielten. Er bespielte den deutschen Pavillon bei der Venedig-Biennale 1976 und war Gründer der "Free International University". Er nahm an Friedensdemonstrationen teil und produzierte mit dem politisch engagierten Grafiker Klaus Staeck etliche Editionen, die heute ein wichtiges Stück des Gesamtwerks bilden. Das System Beuys dehnte sich scheinbar unendlich aus.
"Ich habe mir im Nachhinein mal angesehen, was er in der Zeit alles parallel gemacht hat", sagt Lukas Beckmann. "Es ist unbegreiflich, wie das zu schaffen war." Beckmann ist heute Fraktionsgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, zusammen mit Beuys hatte er 1979 die "Free International University" zu einer der Gründungsorganisationen der Grünen gemacht. "Beuys war wahnsinnig engagiert, fuhr oft mit mir zu Veranstaltungen." Er glaubte, eine Partei anderen Typs könnte Träger seiner Idee von der Sozialen Plastik werden. Und er musste erkennen, dass die of­fenen Prozesse da enden, wo das Machtstreben anfängt. Als er 1983 als Abgeordneter in den Bundestag einziehen wollte, stellten sich Teile der jungen Partei quer. Ihnen war Beuys suspekt, zu unorthodox. "Das hat ihn sehr verletzt und wochenlang beschäftigt", sagt Beckmann. Für viele in der Partei war er als Künstler quasi fürs Kulturprogramm zuständig: Stadtteilfeste statt erweitertem Kunstbegriff. Die Kunst war bereit, aber das Leben lief anders. Heute sind die Grünen eine sehr professionelle Partei.

Gekürzte Fassung. Lesen Sie den gesamten Artikel über Joseph Beuys in der aktuellen art-Ausgabe 9/2010.

"Joseph Beuys. Parallelprozesse"

Termin: bis 16. Januar 2011. Außerdem: Beuys: "Energieplan. Zeichnungen aus dem Museum Schloss Moyland", Bedburg-Hau,bis 20. März 2011; "Joseph Beuys. Schamane. Werke aus der Sammlung Konzett", Städtische Galerie Ravensburg, 1. Oktober 2010 bis 16. Januar 2011; "Beuys für alle! Joseph Beuys – Auflagenobjekte und Multiples", Kunsthalle Vogelmann, Heilbronn, 2. Oktober 2010 bis 23. Januar 2011
http://www.kunstsammlung.de/entdecken.html

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