Vivian Maier - Hamburg

Vivian Maier – Fotografien aus der Kiste

Ein Immobilienmakler kauft eine Kiste voller Bilder und entdeckt so eine bis dato völlig unbekannte Fotografin.

Das Faszinierendste an den Fotografien von Vivian Maier (1926 bis 2009) ist die Art, wie sie ein Schlaglicht mitten in eine Geschichte setzt. Die Spannung ist förmlich zu greifen. Worauf wartet die Frau im Café? Was geht in der alten Dame mit dem Pelz vor, die so rätselhaft schaut? Und vor allem: Wer ist diese etwas herbe Frau mit der Rolleiflex, die sich selbstbewusst im Spiegel fotografiert?

Es bleibt fraglich, ob man jemals viel mehr als einige Informationsfetzen über diese Fotografin erfahren wird. Denn es ist einem bloßen Zufall zu verdanken, dass ihre Bilder überhaupt vor die staunenden Augen der Öffentlichkeit kommen. Die Geschichte ihrer Entdeckung ist fast so spannend, wie die Bilder selbst. Der junge Immobilienmakler John Maloof ersteigerte 2009 eher zufällig auf einer Auktion von Gegenständen aus einem aufgelösten Lagerhaus einen Karton voller Bilder. Er enthielt, ungeordnet, einige Abzüge und zahlreiche Negative, Diapositive und sogar unentwickelte Filmrollen. Alle stammten von derselben Fotografin, deren Namen er nicht kannte und von der er nichts wusste. Ursprünglich war Maloof auf der Suche nach günstigem Illustrationsmaterial für ein Buch über einen Stadtteil von Chicago. Dazu gab es zwar keine passenden Fotografien in der Kiste, dennoch wuchs mit jedem Bild, das in dem langwierigen Sichtungsprozess zutage kam, die Begeisterung des unverhofften Sammlers. Maloof erwarb weitere Kisten aus der Auktion und besitzt nun über 100 000 Schwarzweißnegative, rund 20 000 Farbdiapositive und tausende Filmrollen, die er in einem langwierigen Prozess sichtet und scannt. Bis heute ist nur ein Bruchteil der Arbeiten aufbereitet.

Maloof begann über das Internet Nachforschungen anzustellen. Ahnungslos, womit er es zu tun hatte, stellte er einige Bilder im Photoportal Flickr ein – und erhielt eine überwältigende Zahl von Rückmeldungen und Ausstellungsangeboten. Als er endlich ihren Namen, Vivian Maier, auf einem Umschlag fand, suchte er sie im Internet – und fand eine Todesanzeige, die einen Tag zuvor eingestellt worden war. Maier war nur wenige Tage vor seiner Suche im April 2009 gestorben. Immerhin wusste Maloof nun, wo er weitersuchen konnte. Nach und nach machte er die wenigen Personen ausfindig, die Vivian Maier gekannt hatten.

Er fand heraus, dass sie im Februar 1926 in New York geboren wurde und die meiste Zeit ihres Lebens in New York und Chicago verbracht hat. Die Tochter von Einwanderern verdiente ihren Lebensunterhalt als Kindermädchen, hatte keinerlei Privatleben. Sie war eine Einzelgängerin, die an ihren freien Tagen mit einer Rolleiflex durch die Straßen zog und fotografierte. Ihre Motive sind Straßenszenen, viele Kinder, denen sie auf Augenhöhe begegnet, Passanten und alte Menschen, denen ihre Lebensgeschichte ins Gesicht geschrieben zu sein scheint. Wie weit sie sich mit den fotografischen Entwicklungen ihrer Zeit auseinandergesetzt hat, ist nicht bekannt. Von den fünfziger bis in die neunziger Jahre schuf Maier ein riesiges fotografisches Oeuvre, das sie zu Lebzeiten nie gezeigt hat. Viele der Aufnahmen hat sie nicht einmal selbst gesehen. Es ist schwer begreiflich, wieso sie, die ihre Aufnahmen so sorgsam komponierte, ein riesiges Konvolut an Filmen hinterher nicht entwickeln ließ. Den Grund dafür wird man wohl nie erfahren – fehlte ihr das Geld oder war ihr der Akt des Fotografierens wichtiger als alles andere?

Wie der kleine Junge, der sich die Nase plattdrückt, schauen wir neugierig auf Maiers Fotografien. Ganz egal, welche Informationen noch ans Tageslicht kommen, was man über diese geheimnisvolle Frau noch erfahren wird, ihre Bilder sind gut genug, um für sich selbst zu sprechen.

"Twinkle, twinkle, little star..."

In Hamburg zeigt die Galerie Hilaneh von Kories bis zum 28. April über 80 Werke der in Deutschland noch nie gezeigten Fotografin aus den fünfziger bis sechziger Jahren. Ende des Jahres wird ein Buch über Vivian Maier bei Power House erscheinen, und John Maloof arbeitet an einem Dokumentarfilm.
http://www.galeriehilanehvonkories.de/de/maier/twinkle/

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