Radar

Alain Bieber

Alain Bieber über Brody & Paetau
Brody & Paetau, "DogCarpets – A series of taxidermised dogs (and a cat)", 2007 (Courtesy: Brody & Paetau)

ALAIN BIEBER ÜBER BRODY & PAETAU

Für unsere neue Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: art-Redakteur Alain Bieber über das tschechisch-finnische Künstlerduo Ondrej Brody und Kristofer Paetau.
// ALAIN BIEBER

Ondrej Brody & Kristofer Paetau sind Konzeptprovokateure mit Sinn für Humor. Ihre Arbeiten knallen im Kopf wie Sektkorken. Sie dekonstruieren überkommene Moralvorstellungen, machen auf soziale Missstände aufmerksam und treiben den Kunstzirkus ad absurdum. "Jede gute Kunst hat etwas Unberechenbares", hat Paetau in einem Interview gesagt. Und genau das liebe ich an ihren Arbeiten. Sie überraschen mich, fordern und überfordern mich. Und niemand ist dabei so radikal und komisch zugleich.

Überrascht war wahrscheinlich auch der Kurator Jan Van Woensel, der das Duo zu einer spontanen Intervention einlud. Als Dank banden sie Woensel während der Vernissage an einen Pfosten, zogen ihm die Hose herunter und leckten seinen Po ("Licking Curator's Ass", 2005). Und während der Berliner Kunstmesse "Art Forum" bekam Paetau sogar einen Übelkeitsanfall – und musste sich minutenlang an einem Messestand erbrechen ("Art Forum Accident", 2005).

Eher fein und subtil ist die kurze Videoarbeit von Brody: "A visit to a mosque", 2004. Sie zeigt seinen Besuch bei einer Berliner Moschee. Man sieht den Vorraum mit den Regalen, in denen die muslimischen Gläubigen ihre Schuhe aufbewahren. Langsam, Paar für Paar, werden die Schuhreihen abgefilmt, innen hört man leise den Imam beten – und dann endet die Kamerafahrt schließlich auf einem Paar amerikanischer Cowboystiefel, die vor dem Regal stehen, weil sie aufgrund ihrer Größe gar nicht hineingepasst hätten. Ein schönes Spiel mit falschen Fährten, Stereotypen und eigenen Klischees.

"Art Forum Accident", 2005

Oder: "Re-Institutionalize#01: Salon Picasso", 2004. Für sein Projekt zeigte Paetau zehn Zeichnungen, die Grundschulkinder von Picassozeichnungen gemacht hatten. Er kopierte diese Zeichnungen und stellte sie dann in einem türkischen Friseursalon aus, der "Salon Picasso" hieß. Der Clou dabei: Die Kunstszene wurde darüber gar nicht informiert. Paetau parodierte damit nicht nur typische Kunstorte ("Jede Snackbar hat das Potenzial eine Kunstinstitution zu sein", sagte er), sondern attackierte in einem Abwasch auch noch gleich die Klassikern der Kunstgeschichte ("Die Originale wurden so völlig unwichtig").

Und für ihre Hommage an Edouard Monets Bild "Le Déjeuner sur l'Herbe", 2006, luden sie vier tschechische Pornodarsteller ein, die die Frühstücksszenerie nachspielten, Camembert und Mousse au Chocolat aßen und während des Akts immer wieder französische Sätze wie "Diese Künstler, sie haben einfach keine Fantasie" vor sich hinstotterten. Eine der radikalsten Arbeiten war aber sicherlich "DogCarpets", 2007. Um die Widersprüche und falschen Moralvorstellungen in Bezug auf Haustiere und Jagdfetische aufzudecken und zu illustrieren, ließen sie kurzerhand drei Hunde und eine Katze ausstopfen – und zu Bettvorlegern verarbeiten.

Als Zuschauer fühlt man sich wie bei einem Nahkampf mit Nelson Muntz, dem Schulschläger der Comicserie "Simpons": Ständig bekommt man ein Bein gestellt – und wird mit einem hämischen "Haha!" verlacht. Wieder verführt und reingefallen, wieder ertappt und provoziert. Man muss nur wieder aufstehen und mitlachen können – dann kann man an den absurden und grotesken Kunstinszenierungen verdammt viel Spaß haben.

Ondrej Brody, 1980 in Prag geboren, verbrachte seine Jugend in Ecuador. Sein Kunststudium begann er in Kuba, ging dann aber wieder zurück nach Prag und besuchte dort die Academy of Fine Arts in Prag. Weitere Stationen waren die Universität der Künste in Berlin, das Higher Institute for Fine Arts in Antwerpen, das PROGR_Zentrum in Bern, die KulturKontakt Residency in Wien sowie das De Ateliers in Amsterdam. Kristofer Paetau, 1972 im finnischen Borgå geboren, zog mit 13 Jahren mit seiner Familie nach Paris und studierte Kunst an der französischen Universität Ecole Nationale Supérieure d'Arts in Cergy, danach war er Meisterschüler von John M. Armleder an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Es folgten weitere Stationen in Nantes und Antwerpen.

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