Ilya Kabakov - Hannover

Flucht aus einer realen Welt

Das Sprengel-Museum zeigt Gemälde des Russen aus drei Werkgruppen sowie drei Modelle für nichtrealisierte Installationen und Denkmäler unter dem Titel "A Return to Painting"

Wer 1992 die documenta 9 besucht hat, wird sich garantiert an die Arbeit von Ilya Kabakov (Jahrgang 1933) erinnern: Im Hof des Fridericianums stand ein schäbiges Toilettenhäuschen, für Damen und für Herren, in dessen Innerem der irritierte Betrachter in unmittelbarer Nachbarschaft zu sechs offenen Klosettlöchern eine mit überladenen schrottigen Möbeln ausgestattete Wohnung vorfand.

Zwar wohnte niemand in diesen "Notdurfthütten", so Kabakov, doch die Realität in den meisten Wohnungen vor allem in der russischen Provinz sah nicht viel besser aus. Trotz solch regimekritischer Installationen durfte Kabakov ein Jahr später Russland auf der Venedig-Biennale vertreten – sein dort installierter "roter Pavillon" war ein armseliges Häuschen mit den kümmerlich geschrumpften Insignien Hammer und Sichel.

Fliegende auf der Flucht

Dass der Erfinder dieser Installationen ursprünglich – in den vierziger Jahren – eine klassische Ausbildung an der Kunstschule der Leningrader Akademie der Bildenden Künste erhalten hatte, ist wenig bekannt. Das Hannoveraner Sprengel-Museum stellt jetzt die Malerei Kabakovs ins Zentrum der Ausstellung "A Return to Painting. Eine Rückkehr zur Malerei". Wobei das Wort "Rückkehr" wörtlich zu nehmen ist: Seit 2009 malt Ilya Kabakov wieder. 2009 entstanden zum einen facettenartig aufgesplitterte Szenen, Bilder, in denen Fliegende der realen Welt zu entschwinden scheinen. Zum anderen die "Gemälde mit dunklem Punkt", in denen Kabakov düstere Bildräume entwickelt, in dem persönliche Erlebnisse, etwa ein Japanaufenthalt anlässlich der Verleihung des Premium Imperiale, im Mittelpunkt stehen.

Erinnerungen an die Familie

Von 2010 stammt die Serie "Sie schauen", zu der Kabakov auf einige wenige Familienfotos zurückgreifen konnte. Er versammelt darin reale und imaginierte Figuren seiner persönlichen Vergangenheit. Die Tanten, Onkel, die Mutter und der kindliche Ilya Kabakov blicken meist ernst, manchmal auch mit zurückhaltender Freundlichkeit auf den Betrachter. Es sind Zeugen eines verflossenen Lebens in einem jüdischen Familienverbund in der Sowjetunion der Stalinzeit. Kabakov hat in einem Kommentar zu dieser Bildfolge von den "Verlusten" gesprochen, die jede dieser Personen für ihn darstellt.
Die Malerei-Ausstellung wird ergänzt durch drei Modelle für nicht realisierte Installationen und Denkmäler.

Ilya Kabakov: A Return to Painting. Eine Rückkehr zur Malerei

bis 29. April, Sprengel-Museum, Hannover

Katalog: Kerber Verlag, 29 Euro
http://www.sprengel-museum.de/

Mehr zum Thema auf art-magazin.de