Büchel/MASS MoCA - USA

Das Museum gewinnt – und gibt nach

Es sollte die erste große Ausstellung des Schweizers Christoph Büchel in den USA werden – doch es endete mit einem Desaster für alle Beteiligten. Das Gericht hat nun für das Museum entschieden, die Schau findet dennoch nicht statt

Im Rechtstreit des Schweizer Künstlers Christoph Büchel gegen das Massachusetts Museum of Contemporary Art (MassMoCa) in North Adams wurde nun zugunsten des Museums entschieden. Der Richter Michael Ponsor in Springfield, Massachusetts, sprach dem MassMoCA am das Recht zu, Büchels unfertige Installation unter Hinweis auf den unvollendeten Zustand der Öffentlichkeit zeigen zu dürfen. Gegen den „Visual Artists Rights Act”, der Künstler davor schützt, dass ihre Arbeiten gegen ihren Willen verändert werden dürfen, würde nicht verstoßen. Ganz einfach, weil die Installation unvollendet sei und somit auch nicht verfälscht werden könne. Museum und Künstler hätten außerdem in diesem Fall gemeinsam an der Installation gearbeitet, so die Argumente des Richters. Wenige Tage nach der Urteilsverkündung entschied sich das MassMoCA dennoch dagegen, „Training Ground for Democracy” zu zeigen und stattdessen dafür, das unerfreuliche Kapitel endlich abzuschließen. Das Museum begann mit den sofortigen Abbau-Arbeiten. „Wir sind darum bemüht, zu unserer eigentlichen Mission zurückzukehren und als experimentelle Plattform für das Schaffen von Kunst zu dienen”, erklärte MassMOCA-Direktor Joseph Thompson. Mitte November soll bereits die Installation „Projections” von Jenny Holzer in den Ausstellungsräumen zu sehen sein. Büchel, der sich kaum zu dem Fall geäußert hat, schickte der Zeitung Boston Globe (im Anschluß an die Entscheidung des MassMoCAs) eine Email, in der er anbot, dem Museum eine permanente und obendrein kostenlose Installation zu schenken. Er schickte ein Bild mit, dass das Namenschild auf dem Dach in modifizierter Form zeigt. Es lautet: „Mass CoMA”. Ein weiteres Werk Büchels kommentiert die Ereignisse mit Sarkasmus: Unter der Überschrift „Made by MassMoCa“ hat Büchel zwei Briefe des Museumsdirektors an Büchels Galerie Hauser & Wirth signiert und auf der diesjährigen ART BASEL für 45 000 Euro angeboten.
Die Geschichte des Streits: Im Sommer vergangenen Jahres fertigte Büchel ein Modell für die geplante Installation „Training Ground for Democracy“, die eine Halle in der Größe eines Fußballfeldes füllen sollte. Das auf einem ehemaligen Fabrikgelände in North Adams, Massachusetts, ansässige MASS MoCA, das seit seiner Gründung 1996 mit mehr als 500 Künstlern arbeitete und gewaltige Installationen mit Künstlern wie Robert Wilson, Cai Guo-Qiang und Tim Hawkinson stemmte, wollte die Ausstellung ursprünglich Ende 2006 eröffnen. Zeitweilig arbeiteten bis zu 50 Leute an dem Projekt, das in seiner Größe und Komplexität alles vorherige überschritt, so MASS-MoCA-Direktor Joseph Thompson. Sein Team schaffte Schiffscontainer, ein altes Kettenkarussell, ein zweistöckiges Wohnhaus, diverse Fahrzeuge und ein Wohnmobil heran. Sie bauten ein komplettes Kino ab und im Museum wieder auf.

Büchel selbst arbeitete mehrere Wochen vor Ort. Als der Künstler zum Weihnachtsfest abreiste, hinterließ er eine Liste mit weiteren Dingen, die zu beschaffen und erledigen waren, so Thompson. „Ich hatte das Gefühl, es würde kein Ende nehmen. Daher musste ich einen Strich ziehen. Wir hatten uns schon so weit gestreckt wie nie zuvor und konnten diesen Forderungen nicht mehr nachkommen.“ Das Museum hatte zu diesem Zeitpunkt das geplante Budget von 160 000 Dollar (116 000 Euro) nahezu um das Doppelte überschritten. Bei 800 000 Dollar liegt das komplette Jahresbudget des MASS MoCA.
Anstatt alles abzubauen und Platz für neue Projekte in der Haupthalle zu schaffen, zog das MASS MoCA vor Gericht. Weil das Museum sich als Arbeitsstätte für Künstler versteht und das Material für Büchels Projekt als Eigentum ansieht, wollten Thompson und seine Mannschaft die ihrer Meinung zu 90 Prozent fertig gestellte Installation der Öffentlichkeit zugänglich machen. Die Museumsleitung entschied sich bis zur Entscheidung zu einem provokanten Schritt: Sie schirmte Büchels Arbeit weitgehend mit gelben Plastikplanen ab. Durch die Geisterstadt wurde ein Gang gebaut, der die Besucher zur Ausstellung „Made at MASS MoCA“ führte. Dort hingen Bilder der vielen Projekte, die der fruchtbaren Zusammenarbeit mit anderen Künstlern entsprangen. Zu Büchels Arbeit hingegen fanden sich lokale Presseberichte sowie ein Transparent mit der Auflistung all der Gegenstände, die er für „Training Ground for Democracy“ benötigte. Nun wird alles abgebaut.