Chris Burden - New York

Alle Mann in Sicherheit

Chris Burdens Werke, die sich aus Performances und aus Skulpturen zusammensetzen, sind bekannt dafür, sich in den äußersten Grenzbereichen zu bewegen. Erstmals in New York wird das Gesamtkunstwerk des LA-Künstlers nun durch eine Ausstellung im New Museum gewürdigt.
Legendärer Performancekünstler:Chris Burdens Gesamtkunstwerk

Chris Burden: "Urban Light", Installation im LACMA, Los Angeles

Die Ausstellung eröffnete an dem Morgen, als die Republikaner die amerikanische Regierung lahmgelegt hatten und mit dem Staatsbankrott drohten.

”Ich habe mich gefragt, ob Chris Burden etwas damit zu tun haben könnte”, scherzte die Direktorin des New Museums Lisa Phillips bei der Eröffnung.

In der ersten Etage der Ausstellung werden die Besucher von der Polizei empfangen. Steif und unbeweglich hängen zehn dunkelblaue Uniformen des Police Departments aus Los Angeles an der Wand. In ihrer Übergröße, den Schlagstock und die Waffe am Gürtel, die Ärmel ausgestreckt, wirken die Ordnungshüter ebenso einschüchternd wie erstarrt und symbolisieren eine ohnmächtige Staatsgewalt. Kaum ein Bild fängt die zerrüttete Situation, in der sich das Land befindet, besser ein. Dabei stammt die Arbeit von 1993 und war ursprünglich als Reaktion auf die Rassen-Unruhen in LA entstanden, nachdem weiße Polizisten den Farbigen Rodney King misshandelt hatten.

Es ist nur eines von vielen Beispielen für Chris Burdens Gesamtwerk, das mit dieser Ausstellung neu beleuchtet wird. Wie sein Kollege Vito Acconci (mit seiner Performance “Seedbed” von 1971) grub sich auch der junge Burden Anfang der Siebziger Jahre mit Performances in das Kunstgedächtnis ein und sollte es schwer haben, sich davon zu befreien. Wie andere Künstler seiner Zeit wollte Burden das Kunstwerk vom Objektcharakter befreien, die Reaktion seines Publikum begriff er als künstlerisches Material. Er verbrachte fünf Tage lang zusammengerollt im Spind seiner Kunstschule, lag drei schweigsame Wochen im Bett in einer Galerie, kroch halbnackt über einen mit Glasscherben bedeckten Boden, ließ seinen Körper mit Heftzwecken durchbohren oder von Flammen umgeben und sich 1974 auf einem VW-Käfer kreuzigen. Das Bild des jungen Künstlers, dessen Hände auf das Dach des Autos genagelt wurden, wird ebenso mit Burden verbunden wie ”Shoot” von 1971, als er sich von einem Assistenten in den Arm schießen ließ.

Die Schuß-Performance sei klar in ihrer Ausführung gewesen. Ein großes Kunstwerk, das in extrem kurzer Zeit ausgeführt wurde, hat Burden über seine berühmte Performance 2012 in einem Interview mit der BBC gesagt. Seit den Achtziger Jahren, als sie noch am Whitney Museum arbeitete, hätte sie versucht, dem LA-Künstler Burden eine Ausstellung in New York auszurichten, erzählte Lisa Phillips. Doch die über lange Zeit vorherrschenden Vorurteile gegenüber Künstlern aus LA und die schwierige Natur seiner Arbeiten hätten dazu geführt, dass es bis heute gedauert hat. Während LA-Kollegen und Freunden wie Paul McCarthy, dem Burden damals einen Job am UCLA vermittelte, längst der große internationale Auftritt bereitet wurde, arbeitete Burden zurückgezogen in den Bergen von Topanga weiter. Die Arbeiten, die er produzierte, nachdem er seine Performances aufgegeben hatte, führen Burdens ursprüngliche Themen weiter. Sie berühren fundamentale menschliche Ängste und sie bewegen sich an den äußersten Grenzbereichen – ohne jemals zu kollabieren. Seine Performances hat der 1946 in Boston geborene Burden immer als Skulpturen empfunden. So machte es Sinn, dass er mit Skulpturen weiterarbeitete, die er als Performances begriff.

Burdens wuchtigen Installationen und Ready-Mades wie der Ford-Truck, der ein Gewicht von einer Tonne hinter sich herzieht; der gelbe Porsche von 1974, der mit einem Meteoriten austariert wurde, so dass Auto und Gesteinsbrocken an den Enden einer Strahl-Konstruktion über dem Boden schweben, und ”The Big Wheel” von 1979, bei dem ein rostiges, tonnenschweres Schwungrad von einem Motorrad angetrieben wird und einen Lärm produziert, der den Ausstellungsraum erzittern lässt, stehen zarte, detailverrückte Arbeiten gegenüber. Dazu zählen ”Alle U-Boote der United States of Amerika” von 1981, die als Ausdruck der kriegerischen Staatsmacht von der Decke baumeln. Und ”A Tale of Two Cities”, für die 5000 Spielzeug-Soldaten, -Häuser, -Roboter und -Fahrzeuge in einer Sandlandschaft aufgebaut wurden. Das kriegerische Treiben zwischen den beiden Städten lässt sich mit Ferngläsern beobachten. Burden hat eine Faszination für Kinderspielzeug und für Brücken. Als Vorlage für seine eleganten Brückenbauten dienen Spielzeug-Bausets aus den Siebziger Jahren, mit denen Jungs zeigen konnten, dass etwas Kolossales in ihnen steckt und was für Männer später einmal aus ihnen werden könnten.

Die Welt dieser Männer ist ein unsicherer, von fremden Mächten, wilden Hunden oder domestizierten Kötern und vermeintlich zivilisierten Männern bewohnter Ort, predigt Burden in einem Video. In einer seiner stärksten Arbeiten (“Beam Drop”), eine Performance, die in Skulpturen im brasilianischen Inhotim, in Lewiston, New York, und in Belgien endete und die in der Ausstellung als Video zu sehen ist, ließ Burden Stahlstangen mit Hilfe eines Baukrans vom Himmel fallen. Sie landen gewaltvoll wie bei einem göttlichen Mikado-Spiel in dem mit weichem Beton gefüllten Boden, wo sie stecken bleiben und in ihrer Masse an eine Ruine und an die Überbleibsel der World Trade Center erinnern. Gold in Form von aufgetürmten Barren wird bestehen bleiben, während die Menschheit, die Burden als kleine, schwache Streichholzmännchen darstellt, eingeht. Schutz bildet ein Bunker aus Betonsäcken (”Beehive Bunker” von 2006). Und wer sich einfach nur noch in Sicherheit bringen will, springt in das Geisterschiff, das Burden an der Außenfassade des Museums installieren ließ.

Chris Burden: Extreme Measures

10. Februar 2013 bis 1. Dezember 2014 New Museum, New York
http://www.newmuseum.org/exhibitions/view/chris-burden-extreme-measures