Sao Paulo Biennale - Brasilien

Geheimnisvoll und abstrakt

Über 160 Künstler und 3000 Werke, darunter alle 619 Fotografien von August Sanders "Menschen des 20. Jahrhunderts" – die São Paulo Biennale hat epische Ausmaße.

Viele Klischees über Brasilien sind überholt und falsch. São Paulo aber zeigt sich an diesen Tagen genau so, wie man sich die Millionenstadt vorstellt: garstig.

Unzählige Wolkenkratzer, die unter der immerwährenden Dunstglocke eingekesselt sind, die Luft ist heiß, dreckig und staubtrocken. Ein Opus in Grau. Mittendrin dann jedoch das Kontrastprogramm: der weitläufige und grüne Ibirapuera-Park. Der Ort, an dem seit 1957 die zweitälteste Kunst-Biennale der Welt und die erste Biennale überhaupt auf der Südhalbkugel stattfindet.

Die 30. Ausgabe der Biennale von São Paulo gibt sich in diesem Jahr geheimnisvoll und abstrakt. Sie wolle auf die Vielfältigkeit, den Übergang und die permanente Veränderlichkeit der künstlerischen Poetik verweisen. Dafür haben der Chefkurator Luis Peréz-Oramas – seit 2006 Kurator der Lateinamerikanischen Kunst am MoMA New York – seine assoziierten Kuratoren André Severo und Tobi Maier, sowie die Assistenzkuratorin Isabela Villanueva eine Liste aus 111 internationalen Künstlern – darunter zwölf Deutsche – zusammengestellt, in die sich Anna Oppermann und August Sander ebenso einreihen wie Alexandre da Cunha oder Mark Morrisroe. Und obwohl die Künstleranzahl im Vergleich zur letzten Ausgabe bereits reduziert wurde (160 Künstler), erwartet den Besucher eine wuchtige Schau mit mehr als 3000 Werken, die es zu bewältigen gilt.

Der Titel der Ausstellung "A Iminência das Poéticas" – Das nahe Bevorstehen der Poetik – lässt bereits erahnen, dass es auf den drei Stockwerken des Biennale-Pavillons weniger laut und weniger grell zugeht als noch in den letzten Jahren. Vielmehr wird versucht, die Sinne des Betrachters durch überraschende Klang- und Videokunst, Wortspielereien und visuelle Effekte anzusprechen. Der US-Amerikaner David Moreno lässt Plastikspiralen durch Bassvibrationen tanzen, der Kolumbianer Icaro Zorbar verwandelt eine Dunkelkammer in einen surrealen Raum voller filigraner Lichteffekte und fliegender Rochen. Von dem Brasilianer Paulo Vivacqua ist ein Geräuscheorchester aus Alltagsgegenständen, Tieren und trivialen Situationen zu erleben. Der brasilianische Künstler Cadu lässt nicht nur eine Spielzeugeisenbahn durch eine Flaschenlandschaft fahren, die bei jeder Kollision mit den Gläsern einen unterschiedlichen Ton erzeugt, er lässt auch die Walzen von alten Spieluhren über durchlöcherte Lottoscheine rollen. Die Benutzung der Spieluhren wurde den Biennale-Besuchern neuerdings aber untersagt, da sie wie wild daran drehten und die Lochungen der Lottoscheine somit einrissen.

Die diesjährige Biennale hat die Absicht, künstlerische Positionen in einen Dialog zu stellen und sie miteinander zu mischen. Das gelingt ihr mal mehr, mal weniger gut. Auf den letzten Metern des obersten Geschosses treffen sich die Fotografen August Sander und Hans Eijkelboom. Von Sander sind zum ersten Mal alle der 619 Fotografien des monumentalen Werkes "Menschen des 20. Jahrhunderts" zusammen ausgestellt, gleich dahinter liegen die zahlreichen "Photo Notes" von Hans Eijkelboom, jene Werkreihe, die sich mit der Identität und Uniformität des modernen Menschen auseinandersetzt. Die Idee eines historischen Brückenschlages geht hier auf und wahrscheinlich ist es doch auch der gemeinen Schaulust zu verdanken, dass sich gerade in diesem Bereich des Pavillons die meisten Besucher aufhalten.

An anderer Stelle wirkt das kuratorische Konzept der nicht-linearen Erzählstruktur verwirrender: Dem 1989 verstorbenen und während seiner Lebzeiten als wahnsinnig eingestuften Künstler Arthur Bispo do Rosário wird ein großzügiger Bereich im zweiten Geschoss gewidmet. Die gestickten Figuren, Banner und Objekte implizieren eine tiefgründige Ernsthaftigkeit, die von der Alltäglichkeit der anliegenden Hans-Peter Feldmann-Ausstellung aber aktiv gebrochen wird.

Der Ansatz, dass es auf dieser Biennale zu einem Austausch zwischen renommierten, teils auch schon verstorbenen Künstlern und einer neuen Künstlergeneration kommen soll, ist erfreulich. Ebenso birgt die Mischung der hauptsächlich südamerikanischen Künstler mit europäischen und nordamerikanischen Künstlern großes Potenzial. Dass es anhand der vielen künstlerischen Positionen zu Reibungen kommt ist unausweichlich und kann sogar als Herausforderung gesehen werden. Selbst diejenigen Künstler, die einer gemeinsamen Generation entspringen oder dieselbe regionale Verwurzelung teilen (Bas Jan Ader, Ferdinand Kriwet, Hans-Peter Feldmann und andere), lassen sich nicht immer miteinander verknüpfen. Vielleicht muss man bei dieser Schau aber lernen zuzulassen, dass sich die Poetiken der unterschiedlichen Künstler auch abstoßen dürfen um dadurch den individuellen künstlerischen Standpunkt ausreichend würdigen zu können.

30. São Paulo Biennale

bis zum 9. Dezember
http://www.bienal.org.br/FBSP/en/Pages/home.aspx

Mehr zum Thema auf art-magazin.de