Traumfrauen - Deichtorhallen Hamburg

Körper, Kult, Konsum

50 Starfotografen der Fashionszene zeigen ihre Version von Schönheit. Im Fokus steht die Frau, der weibliche Körper. Die Ausstellung will ihre Stärke und ihren Charakter zeigen – "wahre Schönheit" im 21. Jahrhundert. Da stellt sich die Frage, was attraktiver ist: Geist oder Körper?

Betritt man dieser Tage das Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen sieht man zuerst zwei Fotografien des in New York lebenden Dänen Marc Hom. Die Grande Dame der Bildhauerei, Louise Bourgeois, hält sich eine Nofretete-Büste vor ihr Gesicht. Man sieht nur ihre Hände, ihre Turmfrisur und ihr linkes Auge. Auf dem anderen Bild präsentiert sich Amy Winehouse mit sehr ähnlichem extravaganten Hairstyling.

Die zur Popikone gehypte Engländerin könnte gut ihre Enkelin sein. Beide blicken ins Nichts, irgendwie apathisch. Folgt man jetzt den Farben in den großen Saal oder dem vorgegeben Parcours? Man hat gar keine Wahl: Im grauen Korridor thront Angelina Jolie! Sie nimmt mit gerade noch eleganter Spannung eine geradezu majestätische Haltung ein. Die eigentliche Hauptrolle spielen aber ihre Beine. Direkt daneben sitzt Sofia Coppola im Rollkragenpulli am Tisch. Die Regisseurin von "Lost in Translation" wirkt verloren, ohne dass Marc Hom mit seiner Schwarzweißfotografie eine besonders dramatische Stimmung heraufbeschwört.

Argentiniens Star der Modefotografie Diego Uchitel zeigt eine rauchende Schönheit auf einem mit wenig Licht und viel Schatten spielenden Pigmentdruck. Die leuchtende Glut der Zigarette zerschneidet das Bild in zwei plastische Ebenen. Die Zigarette ist als Motiv so überzeichnet, dass Erinnerungen an "Wild at Heart" wach werden. Aber hatte sie in David Lynchs Film aus den neunziger Jahren nicht schon ihre letzte große Rolle? Man wundert sich, weil die Ausstellung eigentlich den "Wandel des Schönheitsbegriffs seit der Jahrtausendwende" verspricht. Verlässt man die Grauzone findet man in einem Bild und auf einem Körper vereint bunte Tattoos, Netzstrumpfhose und Tigerenten-Ringeltop. Gegenüber posieren ultradünne Models, deren Umrisse so präzise sind wie die Nähte ihrer Designer-Jeans.

Küchenarbeiten vor der Apokalypse

Der Londoner Miles Aldridge zeigt in vier Einstellungen ein schlecht gelauntes, blond gefärbtes Model bei ihren "Homeworks" in einer bunt eingefärbten Küche. Sie findet aber schon die Zeit, sich über die türkis farbene Arbeitfläche zu legen, um sich am Gasherd ihre Zigarette anzuzünden, die sie zwischen ihren knallroten Lippen hält. Hinter den knalligen Farbkompositionen scheint sich aber nichts zu verstecken, was den Blick des Betrachters länger fesseln wollte. So bleibt es ein Mysterium, wie diese Art Modefotografie die Initiatorin des Projekts "an den griechischen Begriff von Schönheit, das Kalon, erinnert, der die schöne äußere Form mit dem seelischen Guten zu einer Einheit verbindet".

Die größten Formate und stärksten Bilder der Ausstellung stellt Peter Lindbergh. Wenn man eine Entwicklung in der jüngeren Modefotografie sehen will, dann in Lindhbergs unterkühlten Science-Fiction-Arbeiten für die italienische "Vogue". In den neunziger Jahren war Lindbergh noch weit entfernt von dieser apokalyptischen Stimmung, dieser fluchtartigen Bewegung seiner Models mit Baby auf dem Arm und Schweißhelm auf dem Kopf – halb Roboter halb (Traum)Frau.

Die 50 Fotografen wollen hier nicht ihre persönliche Traumfrau vorstellen, und bestimmt nicht den Modebegriff für das 21. Jahrhundert definieren. Die Ausstellung bietet ihnen die Möglichkeit, Menschen zu erreichen, die keine Abonnenten von Modemagazinen sind. Schönheit ist ihre Profession. Nicht nur Peter Lindhberg, Albert Watson, Sheila Metzner und Bettina Rheims – alle hier gezeigten Fotografen arbeiten für die Beauty- und Fashionindustrie. "Traumfrauen" geht von einem allgegenwärtigen, allgemein überlieferten Frauenbild aus. Und so fallen wenige Bilder aus diesem allgemeinen Rahmen. Fast alle Models sind weiß. Das muss nicht unbedingt überraschen. In den Modemagazinen besetzt weiße Haut ja auch das Monopol des Schönheitsideals. Nichts polarisiert. Gegenentwürfe zum allgemein akzeptierten, preferierten Modell von weiblicher Schönheit haben keinen Platz in der Ausstellung.

Familiensegen im Schönheitswettbewerb

Und doch hält "Traumfrauen" noch eine kleine Überraschung bereit. Nicht im Hauptsaal, sondern im Separee auf dem rechten Flügel in Kleinformat: Eine schwarze Familie. Eine voluminöse Dame hat sich in ein silbernes Kostüm geworfen und steht vor ihren beiden kleinen Kindern – eine echte Diva! Tochter und Sohn sind entzückend, nicht nur süß, sie verkörpern wahre, unschuldige, naive Schönheit. Das wirkt so authentisch, als hätte Bruce Weber die afroamerikanische Familie zufällig auf dem Flughafen in Detroit getroffen und einfach nicht widerstehen können, zu fragen, ob sie für ihn posieren.

"Traumfrauen" ist ein ziemlich bunter Mix, vielleicht sogar bunter als die aktuelle Ausgabe von "Vogue". Leuchtende Farben stehen im Kontrast zu Schwarzweiß. Es wird eine Auswahl porträtierter Stars versammelt, die man so nicht in Verbindung bringt – neben Angelina Jolie, die auch Stolz zeigt, aber vor allem ihren Körper, wirkt Louise Bourgeois wie ein Statement für die Kraft individuellen Charakters. „Traumfrauen“ geht aber niemals auf die Suche nach Schönheit jenseits der Norm, sondern wirft meistens nur einen oberflächlichen Blick auf perfekte Rundungen und aufregend lange Beine.

"Traumfrauen"

Termin: bis zum 9. November, täglich 11–18 Uhr, Montag geschlossen
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