Ostdeutsche Kunst - in Leipzig

Die DDR-Formel

Zwischen Sozialistischem Realismus, Subkultur und Neue Leipziger Schule: Das Leipziger Museum der bildenden Künste vereint erstmals bedeutende Werke der DDR-Kunst. "60/40/20. Kunst in Leipzig seit 1949" heißt die Ausstellung entlang der Maße ostdeutscher Geschichte – angefangen mit dem Gründungsdatum der beiden deutschen Staaten, über die vier Jahrzehnte der Teilung bis zum 20. Jahrestag des Mauerfalls
Die DDR-Formel:Sozialistischer Realismus bis Neue Leipziger Schule

Museum der bildenden Künste Leipzig

Verabschieden wir uns von einem Jahr der Zahlenspiele. Die neue deutsche Numerologie in der Kunst begann im Frühsommer diesen Jahres mit der Ausstellung "60 Jahre 60 Werke" im Berliner Martin-Gropius-Bau und
präsentierte unter großem Protest von ostdeutschen Künstlern und gesamtdeutschem Fachpublikum eine Leistungsschau von fast ausschließlich westdeutschem Kunstschaffen. Nur dieses sei, gaben die Macher aus dem Rheinland deutlich zu verstehen, für die künftige Kunstgeschichtsschreibung relevant, weil unter freiheitlich-demokratischen Bedingungen entstanden. 0 : 1 Niederlage für alle kreativen Ossis, die sich ihre Spielart der Kunstfreiheit in einem Nischendasein hatten erkämpfen müssen oder für die andere Bedingungen als die des Grundgesetzes zählten.

Doch mitten im 20. Jubiläumsjahr des Mauerfalls warteten bereits weitere Zahlenspiele auf ihre Aufführung: So findet in Kürze in Dresden eine Konferenz mit dem Titel "8060/7050/9040. Nonkonforme Kunst und alternative Kultur in Sachsen vor 1989" statt, die die Postleitzahlen jener Stadtteile in Dresden, Leipzig und Chemnitz aufgreift, wo sich zu
DDR-Zeiten subkulturelle Biotope gebildet hatten. Die prominenteste Rechnung wird jedoch derzeit in Leipzig aufgemacht, wo das Museum der bildenden Künste (MdbK) noch bis zum 10. Januar 2010 die Schau "60/40/20. Kunst in Leipzig seit 1949" zeigt. Rechnet man jetzt noch das in Los Angeles initiierte und nach Berlin exportierte Projekt "Kunst und Kalter Krieg" im Deutschen Historischen Museum (davor in Nürnberg), die Ausstellung "Ohne uns! Zu Kunst und alternativer Kultur in Dresden" sowie zahlreiche andere hochreflektive Manifestationen zum Wendejubiläum
hinzu, so dürfte sich zum Glück ein anderer Spielstand ergeben. Doch es geht wohl weder um Spiel noch um Ausspielen und der "60 Jahre 60 Werke"-Fauxpas ist beinahe vergessen. Vielmehr geht es um das Dilemma einer deutschdeutschen Kunstgeschichtsschreibung, die auf ihrem östlichen Bein lange hinkte.

Nicht in jedem Fall systemhörig

Mit allem gebotenem Selbstbewusstsein feiert sich Leipzig mit "60/40/20" als Wiege ostdeutscher Kunst, insbesondere gegenständlicher Malerei und orientiert sich im Titel mit "60" am Gründungsdatum beider deutschen Staaten, mit "40" an den vier Dekaden deutscher Teilung und mit "20" am Jahrestag des Mauerfalls. Als Systematik für Stilrichtungen, Motive und kulturpolitische Kategorien taugt das griffige Motto nur bedingt – zu komplex sind gerade die Leipziger Verflechtungen zwischen offizieller und nonkonformer Kunst, zwischen dem Nachhall der Moderne und sozialistischen Realismen.

Fest steht allerdings, dass sich der Erfolg der jüngeren Malergeneration auf einer (bislang gerne marginal behandelten) DDR-Kunsttradition basiert, die nicht in jedem Falle systemhörig war. Eine Aufarbeitung dieser Zusammenhänge steht seit gut zehn Jahren aus. Insofern tut es einfach gut, zu verfolgen, wie sich bemerkenswerte Maler um das Epizentrum der lokalen Hochschule für Grafik und Buchkunst entwickelten. Aller kommunistischen Isolation und persönlicher Verstrickungen in die Doktrin des Staatssozialismus zum Trotz wirken viele davon bis heute prägend. Von den offiziell gefeierten Helden des Sozialistischen Realismus über die experimentellen Subversiven bis zu den heutigen Leistungsträgern der "Neuen Leipziger Schule" – im Bildermuseum versammelt sich eine anregende Melange. Das hat es so noch nie gegeben, so viel steht fest.

Leipziger Subkultur, Handwerkskunst und Fotografiegeschichte

Besonders stolz sind die Ausstellungsmacher darauf, dass es gelang, den 1977 so umstrittenen DDR-Beitrag zur Documenta 6 fast lückenlos nachzustellen: Die legendäre "Viererbande" aus Willi Sitte, Werner Tübke, Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer trifft wie einst prominent zusammen. Diese wuchtige Rekonstruktion überstrahlt fast alles andere, zumal weniger staatstragende und aufmüpfige Positionen nur hin und und wieder mit einem Einzelbild aufscheinen dürfen. Im hintersten Winkel gibt ein dämmeriger Raum nur verkürzten Aufschluss über die Leipziger
Subkultur. Das ist schade, zumal sich Künstler wie Hartwig Ebersbach, Hans Hendrik Grimmling oder Lutz Dammbeck eigentlich lange genug verstecken mussten. Dabeisein ist eben nicht alles, und die Macht der Malerfürsten von ehedem wirkt so fast unheimlich nach. Erfreulich klar und qualitätvoll präsentiert sich ein Saal mit Druckgrafikzyklen, wo
sich die Wurzeln Leipziger Handwerkskunst offenbaren und damit auch der Einfluss der kleinen Formate auf die großen Gesten. Ein wunderbar gehängter Exkurs in die Fotografiegeschichte der Stadt bietet Arbeiten von "action fotografie", einem ganz und gar nicht stromlinienförmigen Fotografenkollektiv aus den fünfziger Jahren. Großen Spaß macht auch die barock arrangierte Ahnengalerie aus Gruppenbildern und Selbstporträts im zentralen Raum. Hier wird gleichsam die Familiengeschichte der Leipziger Malerei nacherzählt: ein Ort für intime Entdeckungen.

Nachwende-Stars: weidlich goutiert und redundant

Schwieriger wird dann wieder die Integration der erfolgreichen Nachwende-Generation, die drei Stockwerke höher, in dem ohnehin stets dem Zeitgenössischen vorbehaltenen Saal gezeigt wird. Natürlich geht es bei "60/40/20" auch darum, die Genealogie von Neo Rauch, Matthias Weischer, Tim Eitel, Christoph Ruckhäberle, Tilo Baumgärtel, Martin Kobe & Co. darzustellen und noch einmal die Kontinuität der Leipziger Malkunst zu demonstrieren. Doch da die Bilder dieser Stars in den vergangenen Jahren weidlich goutiert (und selten profund kritisiert) wurden, wirkt dieser Ausstellungsteil fast redundant – man hätte ihn im Grunde virtuell mitdenken können und die Bühne gänzlich den Gründervätern und -müttern der diversen Leipziger Schulen überlassen können. Wie schön wäre es gewesen, eher unbekannten, nichtsdestoweniger einflussreichen Größen, die im Stillen wirk(t)en wie Wolfgang Peuker, Doris Ziegler, Günther Thiele, Dietrich Burger, Kurt Dornis und anderen mehr Raum zu gönnen. Doch das scheint die allgegenwärtige Crux der derzeitigen Jubiläumsausstellungen: das Problem der unvermeidlichen Auslassungen, die sowohl Raumnöten wie auch bestimmten Konzeptionen geschuldet sind.

Mekka der Gegenkultur

Was die Leipziger Ausstellung im Museum physisch vielleicht versäumen mag, im umfangreichen Katalog wird es nachgeholt. Das imposante Druckerzeugnis, herausgegeben von Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt und dem Dresdner Soziologen Karl-Siegbert Rehberg, bietet eine Reihe von höchst lesbaren Aufsätzen zum Thema Leipzig als Zentrum, ja: gesamtdeutscher Malerei als historischem Schauplatz von (Kunst-)Geschichte und als Mekka der damaligen Gegenkultur. Auf knapp vierhundert Seiten schaffen es diese
Beiträge, Mechanismen der Verweigerung wie auch scheinbar opportunistische Entscheidungen in ein neues Licht zu setzen und zwanzig Jahre nach Ladenschluss realistische Einschätzungen zu ermöglichen. Dass diese Schlüsse vielen noch lebenden Handlungsträgern aus beiden Lagern und vorallem aus der schlüpfrigen Grauzone dazwischen nicht in jedem Falle behagen dürften, sei's drum. Für die Kunstgeschichte ist ein Anfang gemacht, der sich nicht wieder wegdiskutieren oder von weiteren "60 Werken" verwischen ließe. Und außerdem: In zwanzig Jahren wird neu
verhandelt.

"60/40/20. Kunst in Leipzig seit 1949"

Termin: bis 10. Januar 2010 im Museum der Bildenden Künste Leipzig

Katalog: 60/40/20. Kunst in Leipzig, herausgegeben von Hans-Werner Schmidt & Karl-Siegbert Rehberg, 384 Seiten, E. A. Seemann Verlag, 34 Euro
http://www.mdbk.de/start.php4?id=87&sid=200