Philipp Kaiser - Interview

Verlässlichere Bedingungen

Kurator des Museums of Contemporary Art (MOCA) in Los Angeles ist für die meisten Museumsleute ein Traumjob. Doch der 39-jährige Schweizer Philipp Kaiser gibt den begehrten Posten auf, um ab November 2012 die Nachfolge von Kasper König anzutreten, der den Chefsessel des Museums Ludwig räumt und in Ruhestand geht. Mit art sprach der designierte Direktor über seine Pläne für Köln und die Unterschiede zwischen europäischer und amerikanischer Museumsarbeit:
Unterschiede:2012 übernimmt Kaiser die Leitung des Museums Ludwig

Philipp Kaiser

Herr Kaiser, andere träumen von einer Karriere in LA, Sie verlassen die Traumstadt in Richtung Köln. Warum wollen Sie weg aus den USA?

Ich bin nie ins Exil nach Amerika gegangen, genauso wenig, wie ich geplant habe, wieder zurück nach Deutschland zu gehen. Das Angebot aus Köln war einfach zu gut, um es auszuschlagen. Ich habe vorher als Kurator am Museum für Gegenwartskunst in Basel gearbeitet. Gerade wenn man die Museumsarbeit in Europa kennt, merkt man, wie gut die Situation dort ist. In guten Zeiten hat man in Amerika mehr Geld zu Verfügung, aber in Europa sind die Bedingungen verlässlicher.

Sie spielen auf die Finanzkrise an, die den Museen in Amerika schwer zugesetzt hat. Wie haben Sie das am MOCA erlebt?

Die ökonomische Krise hat Kalifornien vollkommen überwältigt, und das MOCA war eines der ersten Museen, die in Schwierigkeiten geraten sind. Da merkt man erst, welchen Einfluss die Finanzmärkte auf die Museumsarbeit haben. Es ist ein grundsätzlich anderes System in den USA. Museen sind gemeinnützige Organisationen, die zu 100 Prozent privat finanziert werden, und in schlechten Zeiten gehen die Zuwendungen runter.

Waren Sie mit dem Museum Ludwig schon vertraut, bevor Sie das Jobangebot bekamen?

Natürlich kenne und schätze ich die Arbeit von Kasper König seit langem und habe auch vor einigen Jahren mit ihm im Rahmen einer Ausstellung über die achtziger Jahre zu tun gehabt. Außerdem habe ich in Köln immer wieder gute Ausstellungen gesehen und kenne die Sammlungsschwerpunkte, aber eine besonders enge Beziehung gab es nicht. Zwischen LA und Köln gibt es allerdings interessante Verbindungen, nicht zuletzt zum Beispiel durch Daniel Hug, den Direktor der Art Cologne, der vorher eine Galerie in LA hatte.

Im Moment wird LA häufiger mit Berlin verglichen als mit Köln. Zwischen den Kunstszenen des Rheinlands und der Hauptstadt herrscht ein erbitterter Wettstreit. Stört Sie das?

Viele junge Künstler leben zweifellos in Berlin. Aber wenn man die ausdifferenzierte Museumslandschaft des Rheinlands anschaut, ist die Qualität dort immer noch viel größer, auch wenn mir Herr Kittelmann da wahrscheinlich widersprechen würde. Auch die Sammler sind nach wie vor im Rheinland, wie auch die bedeutendste deutsche Kunstakademie, und nicht in Berlin. Im übrigen ist Deutschland groß genug, um zwei oder mehrere Zentren zu haben.

Nehmen Sie aus LA ein paar Ausstellungsideen nach Köln mit?

Ich habe natürlich gewisse Ideen bezüglich des Programms. Es liegt auf der Hand, dass man mit den Dingen arbeitet, die man kennt. Also werde ich sicher auch Projekte mit Künstlern aus LA realisieren. Es ist jedoch erstaunlich, wie präsent die West Coast-Künstler mittlerweile gerade auch in Deutschland sind.

Was ist Ihr Spezialgebiet?

Eigentlich habe ich keine Spezialgebiete, doch ich habe mich immer sehr stark für die Kunst und Theorie der späten siebziger und achtziger Jahre interessiert, in Basel habe ich mit Louise Lawler die erste umfassende Ausstellung gemacht, und seit einiger Zeit bereite ich die erste amerikanische Retrospektive mit Jack Goldstein vor. Selbstverständlich interessiert mich auch die Zeit davor. Mit der Kunsthistorikerin Miwon Kwon, Professorin an der UCLA, konzipiere ich eine Ausstellung zur historischen Land Art, mit der wir die Kunstgeschichte der sechziger Jahre umschreiben wollen. "Ends of the Earth: Art of the Land to 1974" wird nach der Eröffnung im kommenden Frühjahr in Los Angeles am Haus der Kunst in München zu sehen sein.

Inwiefern wollen Sie die Kunstgeschichte umschreiben?

Viele denken bei Land Art heute noch ausschließlich an Monumentalskulpturen in der Wüste, aber das ist der geringste Teil der künstlerischen Produktion. Zahlreiche Künstler haben sich in performativen oder konzeptuellen Arbeiten mit dem Land als geopolitischer Größe, dessen vielfältigen Repräsentationen, aber auch mit dem "Material" des Landes, der Erde selber, auseinandergesetzt. Außerdem spielen die Medien bei der Verbreitung der Land Art eine bislang unterschätzte Rolle. Bereits Anfang der sechziger Jahre hatten Künstler außerhalb von Amerika ähnliche Ideen wie Michael Heizer und Walter De Maria, etwa in Japan oder denken Sie an Yves Klein, der 1960 den Vorschlag machte, die Erde mit Beton zu übergießen.

In der Sammlung des Museums Ludwig befinden sich kapitale Werke der amerikanischen Pop Art und Konzeptkunst. Wollen Sie daran anknüpfen?

Auf jeden Fall! Das Rheinland war extrem wichtig für die Etablierung dieser Kunst. Viele amerikanische Künstler haben dort das erste Mal überhaupt ausgestellt und Projekte für Deutschland entwickelt, die man heute kaum mehr kennt.

"Unterstützung durch die öffentliche Hand ist ein Privileg"

Haben Sie innerhalb der deutschen Museumslandschaft schon ein starkes Network aufgebaut?

Ich kenne viele meiner Kollegen noch aus meiner Zeit aus Basel und habe deren Programme stets mit großem Interesse weiterverfolgt.

Das Museum Ludwig ist mit einem Ausstellungsetat von 250 000 Euro und einer halben Million Euro für Ankäufe vergleichsweise gut ausgestattet. Sind Sie damit zufrieden?

Wie Sie sich vorstellen können, ist man am Museum mit dem Ausstellungsetat kaum je zufrieden, da die Ausstellungskosten sich in den letzten zehn Jahren aufgrund steigender Versicherungssummen und damit einhergehend Transporten, Kurieren und so weiter vervielfacht haben. Doch im Vergleich zur amerikanischen Verhältnissen, ist eine jegliche Unterstützung durch die öffentliche Hand ein Privileg.

Ein anderer Unterschied zwischen Deutschland und den USA ist die Macht der Mäzene. In LA werden alle Museen von den selben drei, vier Millionären gefördert.

Das ist ein echtes Problem. Der Großraum LA hat 17 Millionen Einwohner, aber die Kunst bleibt letzten Endes eine Subkultur. Es gibt wenige Leute, die sich wirklich selbstlos für die Museen einsetzen.

Welche Unterschiede gibt es bei der Kuratorentätigkeit?

Eine Ausstellung in den USA zu realisieren, heißt: rausgehen, Bündnisse schmieden, Gelder an Land ziehen, Interesse wecken. Deshalb dauert alles viel länger. Man muss unglaublich viele Händchen halten. Als Kurator agiert man in einem popkulturellen Kontext: ob Sie Drehbuchautor für eine Reality Show sind oder Kurator, ist hier was Ähnliches.

Das klingt, als könnten Sie es kaum erwarten, wieder in Deutschland zu arbeiten.

Nun, es gibt auch Vorteile der amerikanischen Museumslandschaft, die ich in Europa vermissen werde. Gerade durch die Entschleunigung entstehen oftmals relevantere und besser aufgearbeitete Ausstellungsprojekte, denen in der Folge auch mehr Bedeutung und öffentliche Aufmerksamkeit zukommt. Nicht alles ist hier selbstverständlich.
Natürlich werde ich Kalifornien sehr vermissen, doch ich freue mich auch, dass Museen in Deutschland sowohl soziale Orte sind, als auch einen gewissen Bildungsauftrag jenseits von Quoten verfolgen.