Rosefeldt - The International

Rosefeldts wunderbare Welt des Scheiterns

Für den Künstler Julian Rosefeldt ist der Mensch in seinem eifrigen Bemühen, alles in den Griff zu bekommen, eine große Lachnummer. In seinen Filminstallationen umkreist er mit Slapstickhumor und lakonischem Blick die Problemzonen des Lebens. Jetzt unterwandert er sogar die Berliner Filmfestspiele – und spielt eine nicht unwichtige Nebenrolle im neuen Film von Tom Tykwer.
Clowneske Kunst:Julian Rosefeldts wunderbare Welt des Scheiterns

Julian Rosefeldt (rechts) mit dem Charles-Bronson-Doppelgänger Bronzito in der spanischen Westernstadt Fort Bravo – dort entsteht sein neuestes Filmprojekt "American Night"

Dreimal Dschungel satt – immergrüne Laubbäume, bemooste Steine, ein sprudelnder Bach. Auf Großbildprojektionen wuchert tropischer Regenwald, aus Lautsprechern tönt ein ner­viges Konzert exotischer Fauna: Gril­len, Affen, Papageien, Kröten. Plötzlich taucht ein waschechter Clown auf, ein dummer August mitten im Zirkus des Regenwalds.

Mit Melone, Ringelhemd und Latzhose stolpert er durchs Wasser, vom rechten auf das mittlere, dann auf das linke Bild. Er springt von Projektion zu Projektion, schlägt sich durchs Gebüsch und verschwindet als menschliche Fata Morgana wieder im Grün. Aber wen kann ein Clown heute noch zum Lachen bringen? Nur Kindsköpfe bekennen sich noch zu Schaden­freude und Lust am tumben Unvermö­gen. Wir politisch korrekt Verbildeten dürfen uns hingegen nicht mehr am Ungeschick von Menschen ergötzen, die unter professioneller Missbildung leiden. Etwa dem Handicap, andere auf ihre Kosten vergnügen zu müssen. Weshalb der Clown heute nicht mehr komische, sondern tragische Figur ist. Dafür liebt ihn die bildende Kunst, die ihn gern als besinnlichen Bajazzo porträtiert, wie bei Antoine Watteau, als melancholisches Alter Ego bei Pablo Picasso oder Ugo Rondinone. Manchmal wird er sogar genüsslich gefoltert, etwa von Bruce Nauman.

Auch der Filmkünstler Julian Rosefeldt quält seinen Clown im Regenwald, er raubt ihm das Publikum, die Bühne, den Zirkus der Wirklichkeit. In Rosefeldts Dschungelfilm ist der Clown die falsche Person am falschen Platz, wie Charlie Chaplin am Fließband oder Louis de Funès in Saint Tropez. Viele von Rosefeldts Protagonisten sind Verirrte im feindseligen Gelände des Alltags: ein Fallschirmspringer im Trockenversuch auf Bodenhöhe, ein Rucksacktourist im fernen Indien, ein Softie im Wilden Westen. Allesamt edle Ritter, aber von trauriger Gestalt.

Kopftuchverhüllte Putzfeen staubsaugen in einer Kakteenwüste

Rosefeldt dreht mit großem technischen Aufwand und auf Film, nicht mit Video, weil "Filmmaterial wie Male­rei ist". Die Produktionsform ist auch eine Verbeugung vor der Kinogeschich­te, die Rosefeldt ausgesprochen ernst nimmt. Buster Keaton und der lakonische Humor des Slapstick sind ebenso präsent wie die Vereinsamung des Individuums bei Michelangelo Antonioni, die Verlangsamung der Existenz bei Theo Angelopoulos, aber auch die choreografische Massenhysterie Bollywoods oder die gefälschte Westernromantik Sergio Leones. Die beschwört Rosefeldt in seiner neuen Fünf-Kanal-Arbeit "American Night", die er gerade in einer Kulissenstadt für Westernfilme in Spanien dreht und die im Herbst im Kunstmuseum Bonn Premiere feiern wird.

Es ist seine bislang umfassendste Museumsschau in Deutschland, denn Rosefeldt hantiert vorsichtig, dem kommerziellen Kunstbetrieb entzieht er sich, soweit es eben geht. Immer noch produziert er seine komplexen Arbeiten selbst, finanziert sie über Verkäufe und Filmförderung. Erst seit 2004 arbeitet er fest mit Galerien in London und Berlin, stellt in New York, São Paulo oder Peking aus und er­schrickt, wenn er seine Preise in Dollar hört. In seiner Installation "Asylum" (2001/02) trieb Rosefeldt das Clownes­ke auf die Spitze. Er erfand für neun gleichzeitige Projektionen ins Absurde übertriebene Klischees für in Deutschland lebende Gastarbeiter: Kopftuchverhüllte Putzfeen staubsaugen in einer Kakteenwüste; pakistanische Blumenverkäufer wässern ihre Rosen in einer Badeanstalt aus dem 19. Jahrhundert; chinesische Köche üben Schat­tenboxen im Affenhaus eines Zoos; verfrorene Af­rikaner in schwarzen Anoraks verlaufen sich inmitten weißer Gipsskulp­turen. Das alles inszeniert mit 120 Lai­endarstellern, darunter zahlreichen Asylsuchenden, und ohne ein einziges Wort. Für die Musik sorgt ein Chor von Straßenarbeitern, die nur einen einzigen Ton singen.

Hanswürste der Arbeitswelt

"Asylum" ist ein in langsame, hypnotische Kamerafahrten übersetzter Protestsong der Underdogs, der Hanswürste der Arbeitswelt, die sich in absurden Tätigkeiten erschöpfen müssen, weil das fremdenfeindliche Vor­urteil es so will. Kaum ein anderer Künstler seiner Generation spricht ähnlich abgeklärt über Kunstmarkt, Karriere und Konkurrenz wie der 43-Jährige. Man merkt dem gebürtigen Münchner immer noch den Quereinsteiger an, der nach dem Architekturstudium erst ein­mal zusammen mit Piero Steinle ge­fundenes Videomaterial aus der Fernsehwelt zu medienarchäologischen Installationen zusammenstellte. Etwa "News" oder "Detonation Deutschland", eine Ansammlung von Sprengungen, die demonstrieren sollte, wie Deutschland seine Vergangenheit behandelt: mit Dynamit.

Erst Ende der neunziger Jahre, sagt Rosefeldt, habe er gespürt, "dass es in mir selber Bilder gab, die noch keiner vorher gemacht hatte und die irgendwie rauswollten. Und so habe ich dann an­gefangen zu inszenieren". 1999 kam er als "Artist in Residence" der Sammlung Hoffmann nach Berlin und blieb. Und empfindet bis heute das Fehlen jedes Konkurrenzdrucks unter Berliner Künstlern wegen des "mangelnden In­teresses der Berliner Institutionen an Gegenwartskunst" als ausgesprochen wohltuend.

Legendäre Guggenheim-Rotunde wurde nachgebaut

In kürzester Zeit hat er sich in die Spitzengruppe künstlerischer Storyteller katapultiert. Seine Filme sind wie Historienmalerei der Gegenwart, insze­nierte Situationen eines theatralischen Alltags. Sie spielen mit klassischen Methoden des Erzählens, verzichten aber auf jede Dramaturgie. Es gibt weder An­fang noch Ende noch Höhepunkt, weil die Installationen als Loops immer wieder neu beginnen. Sogar Filmkritikern und hauptberuflichen Kinomachern fallen Rosefeldts Filme inzwischen auf: Spitzbübisch freut er sich über eine Retrospektive im New Yorker Guggenheim Museum, die niemals stattgefunden hat. Denn die legendäre Rotunde wurde in den Filmstudios von Babelsberg nachgebaut, wo Deutschlands populärster Kinoregisseur Tom Tykwer, Regisseur von "Lola rennt" und "Das Parfum", im Winter 2007 seine erste große Hollywoodproduktion abdrehte. Der Thriller "The In­ternational" eröffnet am 5. Februar das Berliner Filmfestival. Der finale Showdown des Films findet im Guggenheim Museum statt – inmitten der Filminstallationen Julian Rosefeldts.

Die Anerkennung durch einen Ki­noprofi schmeichelt ihm. Und die Idee, ein Museum maßstabsgetreu nachzubauen, könnte glatt von ihm selbst stammen. Denn Kino als "pseudowissenschaftliches Modell des Lebens", wie er es nennt, ist ihm ebenso Leitmotiv wie die Angst vorm Scheitern. Auch wenn von Zweifel und Zukunftsangst zur Zeit keine Rede sein kann – die Tragik des Clowns, der Lachnummer mit Verfalldatum, lässt ihn nicht los: "Es geht immer wieder um die Angst des Scheiterns als Motor des menschlichen Seins, also gar nicht so sehr um das Scheitern selbst, vielmehr die Angst davor, die uns antreibt."Rosefeldt ist ein mitmenschlicher Mahner, ein Humanist, der den Ernst seines Anliegens in leichte, lakonische Form zu packen weiß. Behende und meist ohne drohenden Zeigefinger wechselt er zwischen invidiuellen und politischen Ängsten.

Eine Zeitschleife ohne Anfang und Ende

Ausdrücklich politisch wird es etwa in "The Ship of Fools" (2007), der Caspar David Friedrich zitierenden Auseinandersetzung mit der Ästhetik deutscher Geschichte, von der Romantik über die DDR bis zu heutigen Neonazis, produziert für eine Ausstellung in Schloss Sacrow bei Potsdam. Auch hier geht es um Scheitern, aber kollektives, nationales, politisches Scheitern. Leichtfüßiger wird das Thema in der "Trilogy of Failure" oder "Trilogie des Scheiterns" (2004/05) behandelt. In Kinokulissen werden Menschen gezeigt, die patzen – und in der immer wiederkehrenden Neuauflage ihrer fruchtlosen Bemühungen kleben bleiben, wie der von den Göttern bestrafte Grieche Sisyphos, der auf ewig einen schweren Stein den Berg hinaufrollen musste.

Im einem Teil der Trilogie, "Stunned Man", ein Titel, der so viel bedeutet wie der geschockte oder gebannte Mann, aber auch mit dem Stuntman des Action-Kinos spielt, sieht man in zwei nebeneinander projizierten Bildern in symmetrischer Kamerafahrt eine schizophrene Welt: eine propere Wohnung, mit offener Küche und Zimmerpalme, in der ein und derselbe sauber gekleidete und adrett frisierte Mann gleichzeitig auf dem linken Bild nach der Arbeit nach Hause kommt, kocht und am Computer arbeitet, während sein Alter Ego auf der rechten Leinwand beim Kochen etwas fallen lässt, ausrastet, seine Wohnung vollständig zerlegt – und sauber wieder aufbaut. Der Protagonist, gespielt von einem hauptberuflichen Stuntman, ist eine zweigeteilte Persönlichkeit, zugleich cholerischer Zerstörer und braver Hausmann.

In "The Perfectionist" spielt Thea­terschauspieler Bruno Cathomas einen verhinderten Fallschirmspringer, der inmitten von Wind- und Nebelmaschinen den Ernstfall probt und über diese Probe nie hinauskommen wird. In "The Soundmaker" sieht man einen Mann, der durch Möbelrücken oder Umherstampfen einerseits Geräusche verursacht und sie gleichzeitig in einer anderen Projektion nachvertont, und erst mit der Zeit, wenn die Kamera hochfährt und die Kulissen des Filmemachens sichtbar werden, erkennt man den Protagonisten als Geräuschemacher. Alle scheitern schon in der Laborphase, zum Ernstfall Wirk­lichkeit kommt es erst gar nicht. "Der Blick hinter die Kulissen ist wie das Modell der russischen Püppchen, die ineinander verschachtelt sind", sagt Rosefeldt. "Es verschneiden sich die Wel­ten hinter den Kulissen mit der Handlung vor den Kulissen. Das Ganze ist ein Modell fürs Leben und das Zyklische an diesem Leben." Ein Loop eben, eine Zeitschleife ohne Anfang und Ende.

"The International"

Termin: Kinofilm von Tom Tykwer mit Clive Owen, Naomi Watts und den Filminstallationen Julian Rosefeldts. Literatur: Julian Rosefeldt: "Film Works", in Englisch, Hatje Cantz Verlag, 2008
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