Vincent van Gogh - Albertina

Eigentlich ein Genie des Stifts?

Die große Herbstausstellung der Wiener Albertina präsentiert Vincent van Gogh aus einer völlig neuen Perspektive – als begnadeten Zeichner.
Eigentlich ein Genie des Stifts?:Albertina zeigt van Gogh als begnadeten Zeichner

Vincent van Gogh: "Weizenfeld mit Korngarben", 1888, Öl auf Leinwand

Gelb leuchtende Sonnenblumen, königsblauer Nachthimmel, flammendroter Mohn: Vor allem sei­ne kraftvollen Farben haben Vincent van Gogh (1853 bis 1890) so unendlich popu­lär gemacht. Und doch war dieser große Kolorist in erster Linie ein Zeichner. So zumindest lautet die zentrale These der Ausstellung in der Wiener Albertina, die Kurator Heinz Widauer durch den Vergleich von rund 100 Arbeiten auf Papier mit etwa 50 Gemälden belegen möchte.

Noch die reifsten Ölbilder van Goghs, so der Museumsmann, seien in ihrem Linienspiel überraschend grafisch angelegt. Unbestreitbar jedenfalls war der Zeichner van Gogh dem Maler lange Zeit überlegen. Kein Wunder: Nicht nur an den Akademien lernten die Schüler erst einmal zeichnen, auch für den notorisch klammen Autodidakten van Gogh lag es nahe, sich zunächst eher an Bleistift, Kohle und Tusche zu üben als an teuren Ölfarben.

Außerdem bekam er in der niederländischen Provinz Gemälde vor allem als Schwarzweiß-Reproduktionen zu sehen; erst 1886 in Paris erkannte er angesichts der klaren Farben von Claude Monet, Emile Bernard oder Paul Gauguin, wie altmodisch seine finsteren Erdtöne wirkten. Als Zeichner hatte er diesen Rück­­stand nicht. So sind einige mehr als einen halben Meter breite winterliche Tuschlandschaften von 1884 frühe Höhepunkte seines Werks, mit ausdrucksvoll verrenk­ten kahlen Bäumen und einem mit wenigen Deckweißstrichen über einen spiegelnden Teich gesetzten Eisvogel. Van Gogh experimentierte mit allerlei Zeichengeräten und Materialien, überpinselte Graphitlinien mit Milch, um sie zu fixieren und ihnen den störenden Glanz zu nehmen. Besonders schätzte er – passend zu den bäuerlichen Motiven seiner Frühzeit – eher rustikale Mittel wie den klobigen Zimmermannsbleistift oder die fettreiche Lithokreide, deren tiefes Schwarz einige seiner besten Figurenstudien prägt.

Mit den Rohrfeder suchte van Gogh den Japanern nachzueifern

In Paris befasste er sich dann neben der Ölmalerei zunehmend mit Aquarellfarben. So entstand vor allem eine Reihe lichterfüllter Stadtansichten, die durch Farbholzschnitte von japanischen Meistern wie Hiroshige beeinflusst sind.
Auch mit der breiten Rohrfeder, die er vom Frühjahr 1888 an in Arles für sich entdeckte, suchte van Gogh den bewunderten Japanern nachzueifern, selbst wenn diese ausschließlich mit dem Pinsel getuscht hatten. Die Landschaftsblätter dieser Zeit zeigen deutlich die Wechselwirkung zwischen Zeichnung und Malerei: Ihre Vielfalt von kräftigen kurzen Strichen hatte van Gogh zunächst in seinen Pariser Ölbildern entwickelt. Später konnten sich diese Striche zu fast abstrakten Schnörkeln verselbständigen, etwa bei der wuchernden Pflanzenwelt im Garten der Heilanstalt von Saint-Rémy oder den Zypressen der Umgebung.

Besonders spannend sind in diesem Zusammenhang drei Serien von Zeichnungen nach eigenen Ölbildern, mit denen van Gogh 1888 drei verschiedenen Empfängern seine Arbeit in Südfrankreich vorführte. Hier wechselte der Künstler nicht nur auf höchstem Niveau zwischen den Medien, er passte auch seine Stilmittel dem Geschmack des jeweiligen Adressaten an. So wollte van Gogh offenbar seinen Bruder und Geldgeber Theo durch besondere Sorgfalt beeindrucken, während er in dem Zyklus für den australischen Maler John Russell den Im­pres­sio­nisten hervorkehrte. Für den Pariser Künst­lerfreund Emile Bernard wiederum konzentrierte er sich auf den jeweiligen Kern der Kompositionen und vermied die unzähligen Pünktchen der Russell-Blätter: Bernard konnte den Pointillismus nicht mehr leiden.

"Van Gogh"

Termin: 5. September bis 8. Dezember, Albertina, Wien. Katalog: DuMont Verlag, 29,90 Euro, im Buchhandel 49,90 Euro
http://www.albertina.at/