Jenny Holzer - Whitney Museum

Ein Schlag in die Magengrube

Heute eröffnet im New Yorker Whitney Museum die große Retrospektive der US-amerikanischen Konzeptkünstlerin Jenny Holzer – es geht um Tod, Folter, Krieg und menschliche Grausamkeiten.

Jenny Holzer ist keine Frau für den sanften Einstieg. Wer den Fahrstuhl verlässt, um die vierte Etage des New Yorker Whitney Museums zu betreten, wird von ihrer Kunst förmlich von den Füßen gehauen. "Am Anfang wird einem schwindelig, aber man gewöhnt sich daran", beruhigt der Museumswächter. Goldgelbe Buchstaben jagen auf Laufbändern durch den Vorraum, die Botschaften sind zunächst unleserlich.

Wortfetzen wie "selbstzufrieden" oder "zerbrochen" rasen vorbei. Es handelt sich um Auszüge aus Holzers gesammelten Texten. Beginnend mit den siebziger Jahren, als die Künstlerin mit ihren Truisms Manhattans Straßen pflasterte. Bis zu den neunziger Jahren, als sie ihre Gedanken zu "Mother and Child" oder "Lustmord" niederschrieb. Wie Wellen durchspülen Holzers Aphorismen den Raum, bevor sie in die Wand zu fließen scheinen. "Mir gefällt es, wie Unendlichkeit aussieht und wenn Worte einfach vorüberziehen", sagt Holzer.

Das Whitney Museum widmet der 1950 in Ohio geborenen Künstlerin die Ausstellung "Protect Protect", die bereits in größerer Form im Museum of Contemporary Art in Chicago gelaufen ist und weiter in die Schweiz zur Fondation Beyeler in Basel reisen wird. Es ist das zweite New Yorker Gastspiel in nur wenigen Monaten. Ende vergangenen Jahres hatte Holzer ihre Textbotschaften über die Fassade des Guggenheim Museum wandern lassen. Auch die Ausstellung im Whitney Museum ist ein Heimspiel: Holzer war in jungen Jahren Teilnehmerin des Independent Study Program und nahm 1985 an der Whitney-Biennale teil.

In den sich überkreuzenden Leuchtdioden-Bändern in der Ecke eines Raums scheint sich eine ganze Beziehung abzuspielen. "Ich sehe Dich, ich scanne Dich, ich beiße, ich kann Dich auf meiner Haut riechen." Die ringförmige Arbeit "Monument" (2008) wurde so platziert, dass Passanten auf der Madison Avenue sie am Abend von der Straße aus durch das Fenster strahlen sehen können. Jenny Holzer spielt mit ihren Besuchern ein übles Spiel. Sie verführt sie mit ihren erleuchteten Räumen, mit Poesie und Buchstabenrausch. Um ihnen gleich darauf einen Schlag in die Magengrube zu verpassen. "Kontrolle übernehmen", "ausbeuten", "unterdrücken" heißt es auf einer Landkarte von Bagdad und Umgebung, die dazu diente, bei einer Powerpoint-Präsentation im Weißen Haus die Irak-Strategie zu erklären. Holzer ließ die Karte ("Protect Protect deep purple", 2007) auf eine gewaltige Leinwand spannen und lässt die Militärsprache ihre Wirkung tun. Auch bei den meisten Leuchtdioden-Texten handelt es sich um Auszüge aus ehemals geheimen Militär- und Regierungsdokumenten. Es geht um Tod, es geht um Folter, um Krieg und um menschliche Grausamkeiten.

"Es ist ein Moment der Erleichterung"

Den Mittelteil der Ausstellung bildet ein Raum mit Siebdrucken und zwei Bänken, die die Künstlerin aus ihrer Garage herbeischaffte, um nach dem Lichtspektakel einen Ort der Einkehr zu schaffen. "Es ist ein Moment der Erleichterung. Jedenfalls, bis man sich dem Inhalt meiner Bilder widmet", meint Holzer mit scherzhaftem Unterton. In den Regierungsschriftstücken, die sie auf weiße Leinwände zog und die dank des "Freedom of Information Act" der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, gesteht ein Soldat, dass er ein Kind getötet hat. FBI-Unterlagen schildern ein Verhör in Guantanamo Bay bis auf das unheimlichste Detail, ein Autopsiebericht aus Abu Ghraib erörtert die Todesursache eines Gefängnisinsassen. Und inmitten dieser Dokumente mit ihren von höherer Stelle geschwärzten Passagen befindet sich ein Tisch mit menschlichen Knochen aus Holzers "Lustmord"-Serie (1993/95). Die Arbeit war eine Reaktion auf den Krieg im früheren Jugoslawien, besonders auf die sexuelle Gewalt, die den Frauen angetan wurde. Holzer hat Texte zum Krieg auf silberne Ringe gravieren lassen und einige der Knochen damit versehen.

Eine komplette Wand füllte die Künstlerin mit Handabrücken von amerikanischen Soldaten, die im Irak unterschiedlicher Verbrechen beschuldigt wurden. Charakteristische Handlinien wurden von der Militärbehörde unkenntlich gemacht. Kaum ein Bild macht den Irrsinn des Kriegs, bei dem die Grenzen von Unrecht und Recht verschwimmen und eine unmenschliche Maschinerie in Gang gesetzt wird, so deutlich. Wie beruhigend wirkt es da, dass Holzers Leuchtdioden wie im Kasino aufblitzen und den Raum in lilafarbenes Licht tauchen. Doch dann wird einem klar, dass es sich bei den vorbeirasenden Textpassagen ("Purple" von 2008) um die Anklageschriften der Soldaten handelt.

"Jenny Holzer: Protect Protect"

Termin: bis 31. Mai, Whitney Museum of American Art, 945 Madison Avenue at 75th Street, New York
http://whitney.org/www/holzer/index.jsp