Victoria and Albert Museum - London

Glanzvoller Auftritt der Meisterwerke

Über sieben Jahre dauerte die Restaurierung – jetzt kann das Londoner Museum seine einmaligen Schätze aus dem Mittelalter und der Renaissance in zehn neu gestalteten Räumen präsentieren.
Neue Räume:Gelungene Neupräsentation einzigartiger Schätze

Blick in einen der neuen Ausstellungssäle des Londoner Victoria und Albert Museum

31 Millionen Pfund (34 Millionen Euro) kostete die Renovierung der zehn Galerieräume des Londoner Victoria and Albert Museum, beinahe zwei Drittel des Geldes kamen durch private Spenden zusammen. Mehr als sieben Jahre brauchten die Experten unter der Leitung von Chefkustodin Peta Motture für ihre enorme Aufgabe: die Geschichte von Kunst und Kunsthandwerk Europas vom Ende des Römischen Reiches bis zum Ende der Renaissance zu erzählen, von 300 nach Christus bis zum Jahr 1600. Mehr als 1800 Exponate aus 1300 Jahren Architektur, Malerei, Skulptur und Kunsthandwerk. Christliche Kultgegenstände ebenso wie Schmuckstücke, Luxusgegenstände ebenso wie Möbel und Wandbehänge. Das Mittelalter ist hier nicht nur dunkel und düster, die Renaissance nicht nur hell und aufgeklärt. Kontinuität wird hervorgehoben, Bezüge werden hergestellt.

Die neuen Räume auf drei Stockwerken sind weitgehend chronologisch geordnet, und die ersten 700 Jahre werden im Untergeschoss mit Riesenschritten durchmessen – die allmähliche Entfaltung der christlichen Kunst innerhalb der Grenzen des Römischen Reichs. Doch mit Erreichen der Romanik verlangsamt sich der Schritt, denn nun gibt es ein Meisterwerk nach dem anderen zu bewundern. Da ist die um 1180 in Limoges hergestellte Reliquienschatulle des Heiligen Thomas Becket aus Gold und blauem Emaille. Da ist der sogenannte Kerzenhalter von Gloucester, eines der besten Beispiele früher englischer Goldschmiedekunst, der Himmel und Hölle zeigt: ein Turm von aufsteigenden und fallenden Körpern. Französische Kirchenfenster des 13. Jahrhunderts aus der Pariser Sainte Chappelle strahlen neben einer winzigen Figur des leidenden Christus, von Giovanni Pisano um 1300 aus Elfenbein geschnitzt.

Im ersten Obergeschoss, mit einem neuen gläsernen Fahrstuhl zu erreichen, tut sich dann das 15. Jahrhundert und mit ihm die Welt der Renaissance auf – das Victoria and Albert Museum, von den Londonern kurz V+A genannt, besitzt die wohl eine der besten Renaissance-Sammlungen außerhalb Italiens, vor allem, was die Plastik angeht. Zwei Künstler stehen hier im Mittelpunkt: Donatello und Giambologna, von beiden besitzt das Institut bedeutende Werke. Etwa Donatellos Marmorrelief von 1428, auf dem der Florentiner Bildhauer zwei biblische Szenen darstellt, Christi Himmelfahrt und die Schlüsselübergabe an Petrus. Und sein von seinem Arzt Giovanni Chellini in Auftrag gegebener Tondo mit der zarten Darstellung der Madonna. Das runde Relief ist hinten offen, um die Herstellung von Glasabgüssen zu ermöglichen.

Ein filigranes Glasdach schützt die Exponate aus Mittelalter und Renaissance

Von Giambologna besitzt das Museum eine außergewöhnliche Kollektion von Terracottamodellen für Plastiken, die einst von den Medici in Auftrag gegeben worden waren. Ganz besonders schön ein um 1580 entstandener Flussgott, wahrscheinlich ein Modell für eine Großplastik im Garten der Medici-Villa bei Pratolino.

Im Erdgeschoss dann der größte Ausstellungsraum, der vordere Teil lichtdurchflutet. Hier wird die Stadt der Renaissance präsentiert – große Arbeiten, die einst Teile von Gebäuden waren, wie ein steinerner Balkon aus Venedig oder ein Wappen von Luca della Robbia, das den Palast eines Günstlings des Königs von Neapel zierte. Hier steht auch, in einem simulierten Park mit Springbrunnen, Giambolognas gewaltige Marmorgruppe "Samson erschlägt einen Philister" (um 1560), seine erste Auftragsarbeit für Francesco de’ Medici. Weiter geht es dann in einen Kirchenraum mit mehreren Altären und einem Relief von Bartolomeo Buon von 1445, das die Madonna zeigt, die Mitglieder einer venezianischen Scuola unter ihrem Mantel schützend aufnimmt. Ganz hinten dann der Hochaltar der Kapelle von Santa Chiara von 1500.
Sogar ein ehemaliger ungenutzter Innenhof wurde in die neue Präsentation mit einbezogen. Ein filigranes Glasdach schützt nun die Exponate vor Wind und Wetter, unter ihnen ein prächtige holzgeschnitzte Treppe aus Spanien und die hölzerne Fassade des Hauses von Sir Paul Pindar, des einzigen Hauses in der City of London, das den Brand von 1666 überstand, und erst im 19. Jahrhundert dem Bahnhof Liverpool Street weichen musste.

Das V+A wurde im 19. Jahrhundert durch Queen Victorias Prinzgemahl Albert als Lehranstalt ins Leben gerufen, wo künftige Kunsthandwerker und Designer von ihren großen Vorgängern lernen sollten. Ein solcher pädagogischer Anspruch durchzieht auch die neuen Räume, ohne die Besucher zu überfordern. Die Wandtexte sind sparsam gehalten, Informationen findet man hauptsächlich auf Bildschirmen. Ein solcher steht etwa neben Leonardo da Vincis winzigem, zum Kodex Forster gehörendem Skizzenbuch, das nicht größer als eine Spielkarte ist. Der Computer blättert von Seite zu Seite durch, verkehrt Leonardos Spiegelschrift ins Lesbare und übersetzt den Text ins Englische.

Victoria and Albert Museum

Cromwell Road, London
http://www.vam.ac.uk/