Guttenberg Grafik - Schnelldeutung

Der Lügendetektor

Die Grafik zeigt einen Index der Seiten der Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg. Sie wurde auf der Internetplattform "Guttenplag" erstellt und ist wohl das mit Abstand meistdiskutierte technische Bild des Jahres. Margarete Pratschke erklärt, wie ein Bild zum politischen Stolperstein wurde
Keine Kunst:Guttenbergs "Plagiatgrafik"

Weiß sind Seiten ohne Plagiat. Schwarze Seiten enthalten ein Plagiat, Rote mehr als zwei. Die blau gekennzeichneten Inhaltsverzeichnisse und Anhänge fließen nicht in die Prozentberechnung ein

Margarete Pratschke ist Spezialistin für digitale Bilder. Sie hat über "Windows als Tableau" promoviert - also über die Benutzeroberfläche als das meistgesehene und gleichzeitig übersehene Bild. In art erklärt sie, wie eine Infografik den deutschen Verteidigungsminister zum Rücktritt brachte:

"Der 'Guttenberg-Index' ist eine quantitative Darstellung: Auf welchen Seiten finden sich Plagiate? Als technische und digitale Bildform, die aussieht wie ein maschinell erstellter Barcode, suggeriert er eine hohe Objektivität und Neutralität, sozusagen eine eindeutige Lesbarkeit, die auf der Auswertung von statistischen Daten beruht. Er steht damit in einer langen Reihe von technischen Bildern seit dem 19. Jahrhundert, die mechanisch hergestellt wurden und damit vermeintlich objektive Erkenntnis konstruierten – man denke nur an die Rolle der Fotografie in den Naturwissenschaften.

Die Grafik erzeugt Evidenz, weil sie zuspitzt. Sie macht die große Zahl an gefunden Plagiaten übersichtlich. Damit konnte es als Beweismittel für eine breite Öffentlichkeit funktionieren, das dem Argument den Boden entzog, es ginge „nur um ein paar Fußnoten“. Durch diese Vermittlungsfunktion konnte der Guttenberg-Index eine große Macht entwickeln. Er hat die Diskussion um die Doktorarbeit am Leben gehalten, als das Thema in der öffentlichen Debatte einzuschlafen drohte.

Allerdings ist der Index eben nicht allein maschinell oder automatisch erstellt. Es flossen eine große Zahl von Entscheidungen, auch ästhetische, ein, die auf der Website transparent diskutiert wurden. Die Visualisierung wurde vom Denkkollektiv des Wikis gemeinsam produziert und immer wieder verändert. So tauchte eine Zeitlang Gelb als weitere Farbe auf, für die Seiten, die der wissenschaftliche Dienst des Bundestages erstellt hat.

Bei der Diskussion der Grafik ist es ein Irrglaube von "dem Internet" und "der Wissenschaft" zu sprechen. Diese zwei Sphären sind nicht getrennt. Es war gerade der Zorn junger Wissenschaftler, die – zumal in den Geisteswissenschaften – vor prekären Karrieren stehen, der die detektivische Arbeit antrieb. Auch dafür war die Grafik ein „Leitbild“, das motivierte. Eben ein kleines Bild, das sehr mächtig wurde."