Richard Long - Haunch of Venison

Zen und die Kunst mit Schlamm zu malen

Richard Long im Gespräch mit art über sich selbst als nicht-politisches Wesen, über andere Künstler, die ihre Arbeit "von Assistenten" verrichten lassen und über die "chaotische Welt" in der wir leben.
Die Arbeit als Dialog mit der Welt:Ein Gespräch mit Land-Artist Richard Long

Während eines 15-tägigen Trips in Südafrika im Jahr 2004 entstanden: "Flash Flood" von Richard Long

Wie sind Sie heute zur Galerie gekommen?


Zur Hälfte mit dem Taxi, zur Hälfte zu Fuß. Weniger aus konzeptuellen und mehr aus ganz praktischen Gründen: Ich war spät dran. Aber auch ansonsten wäre ich nicht gegangen, da ich vor lauter Arbeit an der Ausstellung noch keine Zeit hatte, mich zu orientieren. Aber mal im Ernst: Das Gehen, das sich durch meine Arbeit zieht, hat natürlich nichts mit dem Umhergehen zu tun, das täglich in Städten zu erleben ist. Wobei ich natürlich schon gerne umherwandere, wenn ich in New York, das sehr leicht zu durchqueren ist, ausstelle: Hoch, runter und rechts und links. Und daheim in Bristol nehme ich täglich das Fahrrad – das hält einen übrigens auch fit. In Berlin sollte man sich ein Fahrrad mieten – vom Hotel hierher wäre es sicher nett gewesen.

Viele jüngere Künstler aus dem post-situationistischen Kontext trennen künstlerische Arbeit und urbanen Alltag nicht mehr so stark, wenn man beispielsweise an Simon Popes Überlebenshandbuch "london walking" denkt, das Stadt als Landschaft erlebbar macht.


Gewiss gibt es inzwischen eine ganz neue Generation, zu der ich auch den Belgier Francis Alÿs zählen würde, die Reisen im urbanen Raum als Teil ihrer Arbeit unternimmt. Aber mich interessiert eben das Gehen in ländlicher Landschaft. Natürlich verwischen in Ländern wie Japan oder auch Holland die Grenzen zwischen Land und Stadt, aber glücklicherweise wird das von der Größe des Planeten doch relativiert. Noch immer finden sich genug weite, leere Orte. Sogar in England oder den schottischen Highlands kann man einen ganzen Tag lang wandern, ohne jemandem zu begegnen. Um jetzt mal gar nicht die großen Orte zu erwähnen: Sahara, Mongolei, Patagonien. Nach meiner Erfahrung ist die Erde noch immer leer. Anders als die junge Generation, die dank Easyjet grundlos überall sein kann, habe ich bei meinen Reisen aber sehr spezifische Vorstellungen und Gründe.

In den letzten Jahren ist unter dem Stichwort "LOHAS" der "Lifestyle of Health and Sustainability" zum Massenphänonomen geworden, der auch eine bewusste Wahrnehmung der Umwelt einschließt. Die aktuell gezeigten Arbeiten sind zum Teil aus Treibholz und Fundstücken entstanden – sind sie ein Pionier dieser alten und neuen Öko-Bewegungen?


Von Natur aus verstehe ich mich eigentlich nicht als politisches Wesen, aber diese Interpretation ist natürlich legitim. Wobei ich damit angefangen habe, bevor es überhaupt das Bewusstsein für Ökologie und "grüne" Politik gab und der Ursprung meiner Beziehung zur Natur auch bestimmte Vorstellungen davon sind, wie ich künstlerisch arbeiten wollte. Zehn Meilen geradeaus und zurück – das geht natürlich am besten in freier Natur, nicht in der Stadt. Und obwohl ich selbst kein Zen-Buddhist bin, sehe ich meine Arbeit als Anregung zu Meditation und Kontemplation und fühle durchaus eine gewisse Nähe zu dieser Philosophie. Dazu leben wir in einer komplexen, um nicht zu sagen chaotischen und von Bildern überfluteten Welt – auf die ich mit einer Kunst reagiere, die einfach und geradeaus ist. Keine Tricks, kein Schnickschnack – sozusagen archaisch. So schlicht wie ein einfacher Fuß- oder Fingerabdruck. Aber dennoch sind auch die einfachsten Formen, jeder Kreis und jede Linie, unterschiedlich, da sich alle Orte auf dem Planeten voneinander unterscheiden. Gerade die einfachen Dinge zeichnen sich durch eine kosmische Vielfalt aus. Weswegen für mich meine Arbeit auch eine ganz persönliche ist, die eben nicht wie bei vielen anderen Künstlern von Assistenten verrichtet wird: Sie misst genau die Zeit, die ich für eine bestimmte Strecke brauche – und niemand anders. Es hat immer mit mir zu tun.

Woher kommen die Materialien für Ihre Arbeit?


Das Treibholz habe ich an den Ufern des Severn aufgelesen, und auch der Schlamm stammt aus diesem Fluss. Man kann mit ein wenig Schlamm und viel Wasser, große Bilder schaffen – wieder mein Interesse an den praktischen Dingen. Und an dem Ort, an dem ich noch immer lebe und an dem ich noch immer Wanderungen unternehme. Was aber nicht heißt, dass ich jeden Luxus ablehne: Manchmal nehmen mich auch Leute im Privatjet mit. Für mich macht es die Mischung: An einem Tag schlafe ich unter einem Felsen in den Bergen oder in einer Hecke am Straßenrand, am nächsten Tag im Adlon. Wobei mein biografischer Hintergrund eher in den Jugendherbergen der Nachkriegszeit liegt, die ja auch mit idealistischen bis sozialistischen Lebensentwürfen verbunden waren. Teil meiner Arbeit ist auch die englische Tradition eines öffentlichen Wegerechts, weswegen meine Arbeit so in Amerika nicht entstanden wäre. Es gibt dort viele Orte, an denen man fürs Betreten erschossen werden könnte. Auch was die Auswahl des Schuhwerks angeht, schätze ich Vielfalt: Früher bin ich mit denselben ausgemusterten Armeestiefeln durch Schottland gewandert oder habe den Kilimanjaro bestiegen – inzwischen habe ich drei verschiedene Paare.

Symbolisiert die negative Form, die sich in einem Halbkreis aus Flußkieseln abzeichnet, vielleicht einen Seestern?


Das könnte sein, aber darum geht es nicht: Es geht um zwei Linien, einen exakten Bogen außen und eine natürliche Form innen. Auch bei der Arbeit an der Wand gibt es den perfekten Schlammbogen außen und andererseits das chaotische, natürliche Schlamm-Muster innen. Das hat natürlich schon mit der Spannung zwischen Mensch und Natur zu tun, die ich als Balance betrachte. Linien und Kreise sind platonische Ideale, die dann mit der realen Welt interagieren und verändert aus dieser Begegnung hervorgehen. Meine Arbeit ist daher ein Dialog mit der Welt und ihren Materialien, Orten, mit der Zeit – und manchmal auch mit dem Wetter.

Als junger Kunststudent wurden Sie aus dem West England College of the Arts im letzten Studienjahr heraus geworfen – heute sind sie Mitglied der Royal West England Academy of the Arts – ein denkbar langer Weg vom Außenseiter zum Etablierten. Nehmen Sie diese Strecke als einen sich schließenden Kreis oder als eine gerade Linie wahr?


Eine Linie – eine langsame. Aber andererseits hatte ich auch in jungen Jahren bereits viel Erfolg und Glück – schon vier Jahre nach dem Rauswurf aus Bristol wurde ich im MoMA ausgestellt. Aber ich bin kein Nomade, wenn eine Wanderung abgeschlossen ist, kehre ich heim. Die Geschichte meines Lebens ist: Aufbruch zu verschiedenen Orten und Rückkehr an denselben Ort – allerdings als anderer Mensch. Berlin und sein Umland werde ich übrigens schon wieder nicht erkunden – ich bin eigentlich ein ganz schlechter Tourist.

Richard Long

Termin: 14.Juni bis 6. September, Haunch of Venison, Berlin.
http://www.haunchofvenison.com