Manifesta in St. Petersburg - Kritik

In umstrittenen Territorien

In Sankt Petersburg findet seit dem Wochenende die Manifesta 10 statt. Schon im Vorfeld wurde sie von Boykottaufrufen begleitet. Doch auch der Austragungsort in der weltberühmten Eremitage rief Kritiker auf den Plan ebenso wie die Berufung des etablierten deutschen Kurators Kasper König. All das mochte nicht so recht zu der politisch-kritischen Ausrichtung der Wanderbiennale passen. Wie diese Spagatsituation vor Ort funktioniert, berichtet Susanne Altmann aus Sankt Petersburg
Der Manifesta-Spirit:Kasper König liefert Kritik auf höchstem Niveau

Kasper König spricht zur Eröffnung der Manifesta vor der Presse

Der Raum 260 in der Eremitage ist kaum zu betreten: Hier drängt sich eine Menschenmenge, die andächtig einem Männerchor lauscht.

Die Kunstwerke finden an diesem Nachmittag kaum Beachtung bei so viel weihevoller russischer Polyphonie, als folkloristische Zugabe zum Museumsbesuch. Dabei hängt im Raum 260, in einer klassizistischen Nische, doch eine wahre Ikone: Gerhard Richters "Ema. Akt auf einer Treppe" von 1966, geradewegs aus dem Kölner Ludwig Museum nach Sankt Petersburg überführt. Was kaum jemand in dem Raum weiß: Das Gemälde gehört zum Programm von Manifesta10, der "europäischen Biennale für Gegenwartskunst", die am Samstag in der Stadt an der Newa eröffnete.

An sich ist das eine schöne, mittlerweile gebräuchliche Idee, ehrwürdige Kunstgeschichte ein wenig mit klassischer Gegenwartskunst zu flankieren; eine naheliegende Idee zumal, wenn der einstige Kölner Museumschef Kasper König als Gastkurator an und in der Eremitage operiert. Weitere Stationen in diesem Palast der Weltkunst koppeln daher gekonnt Louise Bourgeoise-Skulpturen mit Piranesi-Blättern, Joseph Beuys' "Wirtschaftwerte" mit europäischer Historienmalerei oder eine kokette Figurine von Katharina Fritsch mit zaristischen Boudoirmöbeln.

Hochkultur versus Subversion

Was aber derlei freundliche Interventionen in einem Tempel der Hochkultur nun genau mit dem Ausstellungsformat der Manifesta zu tun haben, bleibt rätselhaft. Vor 20 Jahren gegründet, nomadisiert die Manifesta aller zwei Jahre durch Europa, dockt mal in Rotterdam an, mal in Ljubljana, mal in Frankfurt, dann wieder in Donostia/San Sebastian. Die Wanderbiennale ist dafür bekannt, ungewöhnliche, periphere Räume zu bespielen; kritischen, vor allem jungen Künstlern und couragierten Kuratoren einen Auftritt zu verschaffen. Die so genannte "art crowd" reiste bislang gerne in solche gefühlte Randlagen, um Entdeckungen zu machen, die auf etablierten Großausstellungen so nicht gelingen und um sich bewusst auf sperrige Diskurskunst einzulassen.

Nun feiert die Manifesta mit ihrer zehnten Ausgabe ihr 20. Jubiläum – in Sankt Petersburg, ausgerechnet in der Eremitage und mit Kasper König als Chefkurator. Passt denn das? Doch auch die Eremitage feiert: Von Zarin Katharina der Großen gegründet, wird sie gerade 250 Jahre alt. Also feiert man gemeinsam, im Winterpalais der Zaren und im gerade für museale Zwecke nobel hergerichteten ehemaligen Generalstabsgebäude gegenüber. Allein diese Räumlichkeiten widersprechen der bisherigen, eher subversiven Manifesta-Mission gehörig. Die Personalie König irritierte im Vorfeld nicht minder, denn als der Kurator Ende März seine Künstlerliste verkündete, fanden sich darauf zum Großteil Namen von so bekannten Kunststars wie Marlene Dumas, Thomas Hirschhorn, Francis Alys, Bruce Nauman, Maria Lassnig, Wael Shawky oder Wolfgang Tillmans. Eine Manifesta der Überraschungen war schon von daher im Jubiläumsjahr nicht zu erwarten gewesen. Dazu kam die heikle politische Standortdebatte, ausgelöst von der Krimkrise und von Russlands Haltung im Ukrainekonflikt. Schon zuvor hatte es Boykottaufrufe gegeben, die sich auf die gesetzlich zementierte Diskriminierung von Homosexuellen im Großreich bezogen.

Beides konnte die Manifesta-Macher nicht von ihren Plänen abhalten. Viele russische, ukrainische und internationale Künstler bleiben daher dem Event fern. Doch vielleicht ist die angespannte Lage in der Region sogar ein Glücksfall für die Manifesta selbst: "Wir operieren in umstrittenen Territorien," verkündete Gründungsdirektorin Hedwig Fijen letzte Woche in Sankt Petersburg und meinte die bisherige Philosophie ihres Formats. Dabei hat sich die Manifesta 2014 soweit wie nur irgend möglich davon entfernt – mit dem Gastspiel in einem Großmuseum und einem Großkurator. Allein die aktuelle politische Lage gibt dem Ganzen wieder eine gewisse Legitimation und Würze. Auch dass Eremitage-Direktor Michail Piotrowski auf der Pressekonferenz ungefragt verkündete, man habe alle vorab Werke juristisch prüfen lassen, ob sie gesetzeskonform seien, alles sei in Ordnung – das erinnerte daran, auf was für dünnem Eis sich Gegenwartskunst in Russland generell bewegt.

Hirschhorns Zerstörungsbühne als Einstieg

Doch dieses Wissen ändert nichts daran, dass die herrschaftliche Architektur besonders des Generalstabsgebäudes kritische Kunst ohnehin domestiziert. Mit seiner monumentalen Zerstörungsorgie "Abschlag" hat sich Thomas Hirschhorn nach Kräften bemüht, diesem Dilemma zu entkommen. In einem der frisch sanierten Innenhöfe inszenierte der Schweizer eine falsche Hausfassade, die offenbar soeben zerstört wurde. Das sei die Umkehrung eines Potemkinschen Dorfes, bemerkt Hirschhorn, während er angegurtete Bergsportler dirigiert, die in luftiger Höhe gerade Originalgemälde der Suprematisten Kasimir Malewitsch, Pawel Filonow und Olga Rosanowa anbringen. Die kostbaren Leihgaben aus dem Russischen Museum von St. Petersburg werden in die wie von einer unbekannten Katastrophe aufgerissenen Wohnräume platziert, so dass sie von unten zu sehen sind. Hirschhorn dazu: "Hier gab es offenbar ein Desaster, aber es hat etwas überlebt und zwar die Kunst." In der nächsten Arbeit des Parcours geht es um Überlebensstrategien der anderen Art: Durch einen Papptunnel treten die Besucher in die Parallelwelt der Katzen ein, nämlich jener legendären Population von Mäusekillern, die traditionell in den Kellern des Winterpalais haust. Mit Witz und Anarchie widmete sich Erik van Lieshout diesem Phänomen, in seinen wilden Kritzeleien hin- und wieder freche Anspielungen auf russischen Politalltag platzierend.

Museale Eleganz im Oberstock

Nach diesen erfrischend nichtmusealen Vorstößen geht es dann in den Raumfluchten der oberen Stockwerken eher reguliert zu. Elegante Installationen von Marc Camille Chaimowicz, Rineke Dijkstra, Vadim Fishkin, Wolfgang Tillmans oder Olivier Mosset erlauben unaufgeregten Kunstgenuss. Das ist sicherlich ganz im Sinne der Gastgeber-Institution, die mit der Manifesta übrigens den Probelauf ihrer neuen Räume für klassische Moderne und etwas Gegenwartskunst veranstaltet. Auch hier überwiegt erneut der Eindruck, dass nicht die Manifesta (wie sonst üblich) ungewohnte Orte in Besitz nimmt, sondern im Gegenteil, dass hier eine mächtige Institution zwar das kritische Label "Manifesta" duldet, aber ansonsten unbeeindruckt und höchst professionell nach ihren eigenen Regeln spielt. Dazu gehört auch, dass die berühmte Matisse-Sammlung der Eremitage zum ersten Mal seit ihrem Umzug aus dem Winterpalais öffentlich zu sehen ist und den Zeitgenossen, bis auf Maria Lassnig vielleicht, ganz nebenbei den Rang abläuft. Die intensivsten Kollisionen dieses Ausstellungsteils ereignen sich in der Begegnung der Arbeiten von Boris Michailow, Wael Shawky, Otto Zitko und Pawel Pepperstein.

Während sich der Russe Pepperstein fast schmerzhaft plakativ an nationalen Identitätsstörungen abarbeitet, mit Matrjoschka-Silhouetten und landestypischen Lackartefakten hantiert, so zeigt der Ukrainer Michailow Fotografien und Montagen von den Maidan-Demonstrationen in seiner Heimat, aufgenommen im Dezember 2013 in Kiew. Mit dieser Serie läuft der Fotokünstler wieder zu Hochform auf, auch weil er dokumentarisches Material im Stile der Historienmalerei des 19. Jahrhunderts angstfrei verfremdet und damit gleichermaßen Distanz und Pathos erzeugt. Diesen gleichsam universellen Zugriff auf Gewaltszenarien verbindet Kurator König hier meisterhaft mit den kabarettistischen Kreuzfahrerepen des Ägypters Wael Shawky. Als räumliche Gelenkstelle zwischen diesen beiden Positionen spannen sich aggressive Wandgemälde von Otto Zitko auf, die abstrakte Variationen zu dem Kollwitz-Zitat: "Nie wieder Krieg!" bilden. In dieser kaum verschlüsselten Zusammenschau von kritischen Momenten blitzt kurz so etwas wie ein originales "Manifesta feeling" auf höchsten Niveau auf.

Originales Manifesta-Feeling auf den Außenposten

Wer mehr davon will, muss sich in Sankt Petersburg eher auf die Parallelevents konzentrieren und auf das so genannte öffentliche Programm der Manifesta, verantwortet von der engagierten Polin Joanna Warsza. Während Kasper König vergleichsweise wenig lokale Künstler mit einbezog (und zudem mit Vladyslaw Mamyshew-Monroe und Timur Nowikow noch dazu zwei gestorbene), gelingen in den extern verantworteten Ausstellungen der "Parallel Events" echte Entdeckungen. Dafür wurde – auch dort weht eher unfreiwillig der alte Manifesta-Geist – eine bröckelige ehemalige Kadettenanstalt aktiviert. Hier findet man nicht nur klug zusammengestellt Werke von bekannten russischen Größen wie Irina Korina, Vadim Zakharov, Olga Chernysheva oder Dimitri Gutov, sondern auch die äußerst kluge Newcomer-Ausstellung "Generation Start". Junge Künstler wagen sich mutig und recht formsicher an heikle Themen, die ihre etablierten Kollegen bestenfalls codiert bearbeiten: die koloniale Vergangenheit des Vielvölkerstaats Russland, die Sehnsucht nach sowjetischer Identität, der Verlust von Sprache und Kultur und das Misstrauen gegenüber großen Machtgesten.

Im Kellergewölbe die Renegaden

Dass solche Fragen bei der jüngeren, kritischen Künstlergeneration gerade immer populärer werden, bestätigt auch Dimitri Vilensky von der St. Petersburger Künstlergruppe "Chto Delat?" (Was tun?). Vor einem Jahr hat er eine unabhängige "Schule für engagierte Kunst" gegründet. Unterstützt von der deutschen Rosa-Luxemburg-Stiftung werden dort etwa 20 bis 30 Kreative in Kunstgeschichte, Ästhetik, Körper- und Textarbeit sowie Englisch ausgebildet. Das Hauptquartier von Vilenskys Schule ist eine modrige Kellerbar weit außerhalb des Zentrums. Zeitgleich zur Eröffnungsfeier der Manifesta im Zarenschloss werden hier im sprichwörtlichen Untergrund die Abschlussarbeiten der Studenten gezeigt. Vilensky und sein Kollektiv "Chto delat?" gehören zu den Künstlern, die die Manifesta trotz Einladung boykottiert haben, aus Protest gegen die Annexion der Krim. Er ist ist stolz darauf, dass am Nachmittag Ex-Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev und der Manifesta-Künstler Francis Alys bei ihm zu Gast waren, ganz überraschend, und debattierend drei Stunden geblieben sind.

In diesem Sinne sind die Fronten zwischen offiziellem Manifesta-Treiben und den örtlichen Boykottanhängern keineswegs gespalten – auch den Zugang zu der klandestinen Schau fand man im normalen Rahmenprogramm. Dort wurde dem geneigten Besucher ein Passwort und ein Treffpunkt genannt, von wo aus der Einstieg in Vilenskys Kelleruniversum glückte. Andere, echte Außenposten waren weit müheloser zu erreichen – so das nobel gealterte Institut für orientalische Manuskripte am Palastufer, wo die Künstlergruppe "Slavs & Tatars" eine rasante Sprachperformance zum Orientalismus der Sowjetunion ablieferte. Eine gehörige Prise Nostalgie oder letztlich Ostalgie verklärt auch den Manifesta-Beitrag von Deimantas Narkevicius: In einem abgelegenen Dokfilm-Kino aus Sowjetzeiten lässt gebürtige Litauer zwei Kosakenchöre "Traurige Lieder vom Krieg" singen. Ein gewagter Vorstoß, stehen doch traditionalistische Kosakenverbände heute immer wieder für tätliche Angriffe gegen kritische Gegenwartskultur. Narkevicius bringt mit dem Auftritt der Pelzmützensänger zwei Welten zusammen, für Momente sehr anrührend: Der russsische Männerchor funktioniert als Kunstvermittler hier weit erfolgreicher als bei Gerhard Richter im Winterpalast.

Manifesta 10

St Petersburg. Bis 31. Oktober
http://manifesta10.org/en/home/

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