Hella Jongerius - Rotterdam

Der Frosch sitzt mit am Tisch

Das Museum Boijmans van Beuningen zeigt die unkonventionellen Designobjekte der Niederländerin Hella Jongerius
Höchste Zeit:Unkonventionelle Designobjekte der Niederländerin

Hella Jongerius: "Frog Table (Natura Design Magistra)", 2009, aus Walnussholz, 120 x 210 x 105 cm

Auf den ersten Blick sieht es aus wie ganz normales Porzellan, fein und weiß. Doch wer genauer hinguckt, erkennt sofort, dass jeder Teller, jede Tasse anders geformt ist: Aufgrund unterschiedlicher Brenntemperaturen sind sie unverwechselbar geworden. Mit diesem sogenannten "B-Service" ist es der niederländischen Designerin Hella Jongerius 1997 gelungen, einem normalerweise seelenlosen industriell gefertigten Massenprodukt Individualität zu verleihen.

Noch heute gehört es zu ihren größten Erfolgen, wird längst von bedeu­tenden Firmen wie Rosen­thal imitiert – und darf auf ihrer ers­ten Einzelausstellung in den Niederlanden denn auch nicht fehlen: Nachdem renommierte Institutionen wie das Museum of Modern Art in New York die 47-jährige Rotterda­merin bereits mit einer ganzen Rei­he Werkschauen gewürdigt haben, wartet nun auch das Boijmans van Beuningen in Rotter­dam mit einer Retrospektive auf.

"Höchste Zeit!", schimpft Designkritikerin und Lektorin Louise Schouwenberg, die seit Jahren mit Jongerius zusammenarbeitet und als Gastkuratorin für das Boijmans rund 100 Objek­te zusammengestellt hat. Titel der Schau: "Misfit", was so viel wie „Abweichung“ oder „fehlerhaft“ bedeutet. Denn alle Objekte ha­ben Dellen und leichte Verformun­gen; auch Fingerabdrücke und Gussnähte bleiben sichtbar.

"Auf diese Weise hat Jongerius das Handwerkliche aus der Vergangenheit geholt und an das Industriedesign gekoppelt", erklärt Schouwenburg. "Dadurch kann sie sich die Vortei­le beider Bereiche zunutze machen: Individualität trotz großer Auflage und günstigem Preis." Das gilt als größte Errungenschaft der viel beschäftigten Designerin, die seit 2008 in Berlin lebt: "Die Leute haben die Nase voll von seelenlosen Massenprodukten, die bloß schön sind", sagt sie selbst.

Deshalb bringt Jongerius modernes Porzellan in traditioneller Delfter-Blau-Technik auf den Markt, durchlöchert Vasen, um sie mit echten Garnen in uralten Motiven zu besticken, oder sie setzt wie bei ihrem berüchtigten Nymphenburger Porzellan klassische Dekorationsmotive wie Rehe oder Häschen dreidimensional in die Teller anstatt diese damit zu bemalen. Auf die Spitze treibt sie diese Gratwanderung zwischen Design, Handwerk und Kunst mit dem „Frog Table“: Hier hat sie das dreidimensionale Dekorations­ele­ment zu einem menschengroßen Wesen aufgeblasen, das mit am Tisch zu sitzen scheint.

Wie groß ihre Experimentierfreudigkeit ist, beweist ihr jüngstes Projekt "Coloured Vases": 300 Vasen, die im Boijmans kreisförmig auf dem Boden aufgestellt werden. Jongerius hat sie mit einem Mix aus modernem Indus­trielack und uralten traditionellen Farbmischungen bemalt. Ihr Ziel: neue Farben entwickeln, die nicht nur glatt und schön sind und immer gleich aussehen wie die "Fastfood-Farben der Industrie". So wie ihre Objekte sollen sie kleine, individuelle Uneben­heiten aufweisen und wie die Farbschichten auf den Gemälden Alter Meister je nach Licht auch anders leuchten.

Hella Jongerius: "Misfit"

Termin: bis zum 13. Februar 2011 im Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam.
Zur Ausstellung erscheint bei Phaidon Press die Mono­grafie „Hella Jongerius – Misfit“ zum Preis von 39,95 Eu­ro. 300 dieser Bücher gibt es als Sonderausgabe zusammen mit einer „Coloured Vase“ für zirka 1500 Euro
http://www.boijmans.nl/en/7/calendar-exhibitions/calendaritem/326/hella-jongerius

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