Chuck Close - Interview

Inspiration ist für Anfänger

Der New Yorker Maler Chuck Close zählt zu den wichtigsten US-Künstlern der Gegenwart –  und er ist ihr politisches Gewissen. Im art-Interview spricht er über figurative Malerei, Kunstrummel und Selbstporträts.
"Inspiration ist für Anfänger":Close über figurative Malerei und Fotorealismus

Über-Ich: Chuck Close vor einem seiner fotografischen Selbstporträts, 2008

Chuck Close widmet sich seit Jahrzehnten einzig und allein der Porträtmalerei. Mit den Bildnissen seiner ebenso berühmten Freunde schuf der heute 68-Jährige eine Ahnengalerie amerikanischer Künstler und wurde selbst zu einer Ikone der US-Kunst. Aufgrund eines geplatzten Blutgefässes in der Wir­belsäule ist er seit 1988 an den Rollstuhl gefesselt und kann nur mit einer speziellen Schiene an der Hand malen. art-Korrespondentin Claudia Bodin und Fotograf Jürgen Frank trafen den Künstler zum Interview in seinem Ate­lier in SoHo, wo er gerade an neuen Porträts des chinesischen Kunststars Zhang Huan und einer Tapisserie mit aktuellen Selbstporträts arbeitete, die er im Mai in seiner Galerie Pace Wildenstein zeigen will.

Herr Close, Sie leben und arbeiten seit mehr als 40 Jahren in New York. Von manchen werden Sie scherzhaft als Bürgermeister von SoHo bezeichnet.

Chuck Close: Dabei habe ich mich nicht mal für die Wahl aufstellen lassen. Angefangen habe ich 1967 auf der Greene Street. Als ich vor 20 Jahren in die Bond Street zog, war es die größte Crack-Dealer-Straße von Manhattan.

Inzwischen sind die meisten Galerien von SoHo nach Chelsea gezogen. Wie wird sich die New Yorker Kunstszene weiterentwickeln?

Aufgrund der wirtschaftlichen Lage werden viele Galerien in Chelsea schlie­ßen. Aber die Stadt verändert sich sowieso permanent, im Moment tut sich viel auf der Bowery. Chelsea war das erste Viertel, das nicht von Künstlern gegründet wurde. Ganz einfach, weil es nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist. Es ist gut für Limousinen, die vor den Galerien parken.

Der Kunstrummel hat rezessionsbedingt abgenommen. Empfinden Sie das als positive Entwicklung?

Es ist wie eine Entschlackung nach dem Rausch des Exzesses. Als ob je­­mand zu fett und zu viel gegessen hat und sich übergeben muss. Diesen Monat nehme ich an einer Diskussionsrunde zum Thema "Ist die Kunstwelt korrupter als Wall Street?" teil. Ich denke, diese Diskussion gewinnen wir. Denn der Unterschied ist, dass es sich bei der Kunstwelt um eine Leistungsgesellschaft handelt. Die Künstler sind letztlich die Schiedsrichter. Sie entschei­den, ob eine Arbeit stark ist und ob sie Bestand haben wird. Sicher, Rummel kann helfen, Künstlern Aufmerk­sam­keit zu verschaffen. Aber ultimativ korrigiert sich das System selbst.

Inwiefern haben Sammler Einfluss auf dieses System?

Die sind wie eine Horde Schafe. Jedenfalls die Leute, die heutzutage sammeln. Mein Galerist spricht immer von den alten Zeiten, als Sammler in den Galerien vorbeischauten, um sich neue, interessante Arbeiten zeigen zu lassen. Sie definierten sich durch ihren eigenen Geschmack und stellten ihre Sammlungen ohne die üblichen Verdächtigen zusammen. Die heutigen Sammler gehen nach einer Hitliste vor. Mit dem Ergebnis, dass eine Sammlung so langweilig wie die andere aussieht. Es gibt keine Überraschungen. Das passiert auch bei den Kuratoren, wo jeder aus demselben Trog frisst. Damien Hirst hat 1000 Punkt-Bilder gemacht, die sich für jeweils eine Million Dollar verkaufen. Gibt es wirklich so viel Bedarf dafür?

Hirst beschäftigte zu Spitzenzeiten mehr als 100 Assistenten, von denen er aufgrund der Wirtschafts­flaute viele wieder entlassen hat.

Gegen Künstler, die mit Assistenten arbeiten, habe ich nichts. Doch meine Kunstwelt ist eine andere: Ich werde nicht überall auf der Welt von Galeristen vertreten und bin froh, dass ich drei Bilder pro Jahr mache. Alle drei, vier Jahre folgt eine neue Ausstellung. Langsamer zu sein hat den Vorteil, dass ich von den Wechselströmungen der Zeit verschont bleibe: Stars kommen und gehen, Entwicklungen eben­so. Doch ich mache einfach weiter.

Sie scheinen seit Beginn Ihrer Karrie­re gegen den Strom zu schwimmen.

Die Kunstwelt da draußen beeinflusst mich schon. Bis auf Alex Katz gibt es keinen Künstler meiner Generation, der sich so viel ansieht wie ich. Meine Arbeit ist die Zusammenballung alles Gesehenen und Erfahrenen. In den siebziger Jahren wurden Sie den Fotorealisten zugerechnet, setzten sich jedoch bewusst von dieser Kunstbewegung ab. Meine Generation war besessen von der Idee, die Kunst von den Waffen zu befreien, die andere vor uns eingesetzt hatten. Wir wollten nicht die Vergangenheit zitieren. Philip Glass machte minimalistische Musik. Choreografen setzten alltägliche Bewegungen ein, die nicht aus dem Ballett stammten. Bildhauer suchten sich neue Materialien. Es war eine gute Zeit, mit Kunst anzufangen. Wir konn­ten unbehelligt unsere Ideen entwickeln. Wer Arbeiten von Richard Serra oder Brice Marden begegnet, wird niemals denken, dass sie von jemand anders stammen könnten.

Chuck Close über figurative Malerei und Selbstporträts

Warum entschieden Sie sich für die tot geglaubte Porträtmalerei?

Das tödlichste in der Kunst ist es, der gängigen Meinung zu folgen. Als ich anfing, hatte Clement Greenberg, da­­mals der einflussreichste Kritiker, die Malerei für gestorben erklärt. Wer mal­­te, war ein Trottel. Und am allerdümmsten war es, Porträts zu machen. Da dachte ich: na, wunderbar! Ich werde nicht viel Konkurrenz haben.

Was für Reaktionen bekamen Sie?

Künstler, die nach Fotografien arbeiteten, hasste man. Bei Vorträgen bewarf man mich mit Bierdosen oder spuckte mich an. Mitschuld hatte die Ausstellung "New Images of Man" von 1959 im Museum of Modern Art. Es war der unausgereifte Versuch, die figurative Malerei zur Bewegung zu erklären. Die Ausstellung warf die figurative Kunst um 20 Jahre zurück. Die Folge war, dass wir als reaktionär galten. Dabei war Modernismus meine Religion. Doch der Abstrakte Expressionismus galt damals als die einzig wahre Kunstform. Als ich für zehn Dollar einen Druck von Roy Lichtenstein kaufte, hielten mich einige meiner Kollegen für einen Unmenschen.

Und Sie antworteten 1968 mit kolossalen, frontalen Selbstporträts?

Ich hatte zu viele Filme mit James Dean gesehen und dachte, ein Künstler müsse wie ein wütender, junger Mann aussehen. Es war reine Pose. Ich wollte ein riesiges Bild machen, das einen umhaut. Niemand sollte eine Ausstellung, an der ich beteiligt war, verlassen und hinterher fragen: War da ein Chuck Close dabei?

Wie kommt es, dass Sie über all die Jahre bei Porträts geblieben sind?

Es ist bizarr und war wirklich nicht meine Absicht. Ich versuchte es mit Landschaften und schoss Fotos von Kieselsteinen, die ich so stark vergrößerte, dass sie wie Felsen aussahen. Aber dann merkte ich, dass ich
mich nicht für Felsen, Flaschen oder Äpfel interessierte und nicht Monate mit ihnen verbringen wollte. Statt dessen änderte ich meine physischen Aktivitäten im Atelier. Einfach das Thema zu wechseln hätte bedeutet, dass ich im gleichen Stil hätte wei-termalen können. Das ist es doch, was die meisten Fotorealisten machten: Sie nahmen sich erst Autos, dann Lastwagen, dann Diner vor. Alles schön glänzend und bunt.

Ihre Porträts entfernen sich im Laufe der Jahre immer weiter von der Vorlage. Sie haben mit unterschiedli­chen Drucktechniken experimentiert, Papierfetzen auf die Leinwand geklebt, mit Speichel gearbeitet oder statt des Pinsels Ihre Finger eingesetzt. Ist Ihnen der Arbeitsprozess wichtiger als Ihr Thema?

Der beste Weg, die Verbindung zwischen der Fotografie und der Malerei meiner Zeichen zu beschreiben, sind die mehr als 200 Bilder, die ich von dem Foto von Philip Glass fertigte. Ich habe es 1968 gemacht und immer wieder mit demselben Raster als Vorlage benutzt. Das Gitter erlaubt mir, jedes Quadrat für sich zu betrachten. Als ich andere Materialien oder Methoden einsetzte, wollte ich sehen, inwiefern es die Übersetzung beeinflusst. Es ist wie ein Experiment mit einer Konstanten, in dem man den Effekt der Variablen austestet.

Es heißt, Sie träten während der Arbeit nie zurück, um die Wirkung des großen Ganzen zu überprüfen.

Wenn, dann rolle ich zurück. Und das meistens nur, um Mittag zu essen. Es ist ein wenig wie die Komposition einer Melodie. Der Komponist braucht keine Musiker, um seine Noten niederzuschreiben. Er weiß, wie das Stück klingen wird.

Hatten Sie jemals das Gefühl, blockiert zu sein und mit Ihrer Arbeit nicht weiterzukommen?

Ich sitze nicht herum und warte auf Geistesblitze. Inspiration ist etwas für Amateure. Der Rest von uns macht sich jeden Tag aufs Neue an die Arbeit. Aus der Arbeit fließen die Ideen. Du öffnest eine Tür, schaust dich um. Und wenn es dir nicht gefällt, schließt du die Tür und machst die nächste auf.

Gekürzte Fassung. Lesen Sie das gesamte Interview in der aktuellen art-
Ausgabe 3/2009.

"Picturing America"

Termin: 7. März bis 10. Mai, Gruppenausstellung zum amerikanischen Fotorealismus, Deutsche Guggenheim, Berlin. Galerie: Pace Wildenstein, New York, 1. Mai bis 20. Juni. Literatur: Christopher Finch: Chuck Close. Work. Prestel Verlag 2007. Robert Storr: Chuck Close. Museum of Modern Art 2002
http://www.deutsche-guggenheim-berlin.de/d/ausstellungen-picturingamerica01.php

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