Joel Meyerowitz - Düsseldorf

Ein Bad in der Menge

Auch in Düsseldorf, bei der Eröffnung seiner ersten großen Retrospektive in Europa, hatte der Straßenfotograf Joel Meyerowitz die Kamera stets griffbereit. Schließlich weiß man nie, was einen erwartet. Wenige haben so viele Ikonen des alltäglichen Lebens aufgenommen wie er.

Ein Mann trägt einen großen Pudel über die Straße. Das Tier hat seine Hinterbeine angewinkelt und seine Vorderbeine um den Hals des Manns geschlungen. Oder ist es ein Kind im täuschend echten Hundekostüm? Man kann es nicht sagen, weil uns der Pudel (oder das Kind) den Hinterkopf zuwendet.

In jedem Fall ist es ein verblüffendes Bild, eine schräge Momentaufnahme, die wohl jeder Fotograf gerne gemacht hätte.

Joel Meyerowitz schoss das Pudelbild 1965 in New York. Drei Jahre zuvor hatte er die Sicherheit eines Jobs als Art Director aufgegeben, um auf den Straßen auf Motivsafari zu gehen. Der Grund war Robert Frank, damals schon ein bekannter Fotograf, den Meyerowitz engagiert hatte, ohne sein Werk wirklich zu kennen. Dann sah er, wie Frank im Fotostudio mit den Modellen "tanzte", wie er versuchte, sich im selben Rhythmus zu bewegen – und war für seinen alten Beruf verloren. Seit diesem Tag lässt sich Meyerowitz mit der Menge auf den Straßen treiben, um in ihr aufzugehen und im richtigen Augenblick unsichtbar zu sein.

Jetzt steht Meyerowitz im Foyer des NRW-Forums in Düsseldorf und eröffnet seine erste große Retrospektive in Europa. Eine Kamera hängt griffbereit über seiner Schulter, wenn er von seinen "Reisen durch die Schönheit des Gewöhnlichen" erzählt und von den immer wiederkehrenden "kurzen Momente der Erkenntnis" schwärmt. Für ihn ist die Kamera seine Lizenz zum Sehen und sein Medium der Selbsterkenntnis. Im Zeitalter des Smartphones, in dem jeder im Prinzip ein Straßenfotograf ist, mag das ziemlich pathetisch klingen. Aber dafür hat auch kaum jemand auf den Straßen so viele besondere Momente eingefangen wie Meyerowitz.

In vielem ist Meyerowitz ein Nachfolger von Henri Cartier-Bresson, aber einer, der seinen eigenen Weg suchte. Auf seiner ersten, 1966 angetretenen Europareise entschloss er sich, aus dem fahrenden Auto heraus zu fotografieren, und begeisterte mit seinen vorbeiziehenden Motiven den damals wichtigsten Fotografie-Kurator, John Szarkowski vom New Yorker Museum of Modern Art. Sehr früh, im Grunde von Anfang an, fotografierte Meyerowitz auch in Farbe – und schuf zahlreiche Bilder, die heute zugleich Ikonen der Straßen- und der "neuen" Farbfotografie der Sechziger und Siebziger Jahre sind. Auf einer Aufnahme von 1967 kann man sehen, wie der Sturz eines Passanten eine Menschenmenge in Bewegung versetzt, 1975 ließ er ein Pärchen im aus der New Yorker Kanalisation aufsteigenden weißen Dampf verschwinden, und schon 1962 fand Meyerowitz die mexikanische Schießbude, in der ein schreiendes Baby wie aufgebahrt in einer Holzkiste liegt. Selten genug ist der Weg vom Leben zum Tod so gespenstisch kurz wie auf diesem Bild.

Mit den Jahren erweiterte Meyerowitz sein Spektrum und wechselte zu großformatigen Kameras. Er nahm jetzt leere Straßenzüge und halbleere Sportstadien auf, widmete sich der Architektur von Hotelpools in Florida und sammelte an den Rändern der Städte das letzte, schon mit dem expressionistischen Farbenspiel der Straßenlaternen gemischte Licht des Tages ein. Nach den Anschlägen von 9/11 durfte er die Aufräumarbeiten an Ground Zero dokumentieren; die jüngsten Arbeiten der 260 Werk umfassenden Düsseldorfer Ausstellung sind Stillleben von Alltagsgegenständen und stammen aus dem letzten Jahr.

Der gemeinsame Nenner dieses in einem halben Jahrhundert entstandenen Werks ist das Gespür für Farbe – was besonders auffällt, weil Meyerowitz' Schwarzweiß-Aufnahmen erstaunlich kontrastarm sind – und die tänzerische Einstellung zum Leben in der Stadt. Mit seinen 76 Jahren ist Meyerowitz immer noch beweglich, immer noch bereit für die Schönheit des vorbeihuschenden Moments.

Joel Meyerowitz Retrospektive

NRW Forum, Düsseldorf
bis 11. Januar 2015
http://www.nrw-forum.de/joel_meyerowitz_retrospektive