Ruhe-Störung - Ahlen/Herford

In der Welt der Collage

Die Collage war eine der wichtigsten Kunstformen des 20. Jahrhunderts, jetzt zeigen zwei Ausstellungen, warum das Interesse an ihr auch heute noch groß ist.

Mit Schere und Klebstoff fing es an, und es brauchte nur wenige Jahre, um die Kunstwelt zu revolutionieren: Die Collage wurde das prägende Stilprinzip des frühen 20. Jahrhunderts, weil sie dem zerrissenen Lebensgefühl der Moderne eine Form gab und die Kunst gleichzeitig so gründlich demokratisierte wie vor ihr nur der Fotoapparat.

Niemand musste mehr lernen, wie man Farben mischt, es genügte, Texte und Bilder aus der Zeitung – selbst schon eine Collage des Weltgeschehens – frei miteinander zu kombinieren. Dieses Prinzip verbreitete sich in alle Kunstgattungen als Ready-Made, Assemblage, Combine Painting oder Environment.

Mit dem Marta Herford und dem Kunstmuseum Ahlen haben sich jetzt zwei Häuser verbündet, um Vielseitigkeit und Aktualität des Collageprinzips vorzuführen. Gemeinsam zeigen sie rund 400 Exponate, die zu sechs "Streifzügen durch die Welten der Collage" geordnet sind. Leider sind die "Erneuerung und Recycling", "Unruhe und Aufbrüche" oder "Widerstand und Zerstörung" getauften Themenwelten recht beliebig und zuweilen austauschbar – was die in der Collage selbst angelegte Tendenz zur Beliebigkeit noch mal verstärkt. Passend dazu finden sich etliche Werke in der Ausstellung in anderen Kontexten als im Katalog. Trotz dieses grundsätzlichen Einwands ist die zweiteilige Ausstellung eine Reise wert – wegen der Vielzahl schöner Werke und durchdachter kleiner Arrangements. So zeigt das Marta Herford Kaugummicollagen von François Morellet, auf denen jeweils ein gekautes Gummi die geometrische Ordnung stört; Ferdinand Kriwet feiert das Schrift- und Tonbild von Las Vegas in einer Multimedia-Installation, und eine lockere, von Richard Hamilton, Paul McCarthy und Wolf Vostell gebildete Runde wendet die Sprache der Werbung ins Groteske. Im äußeren Kreis des Herforder Frank-Gehry-Baus – der Marta-Dom gehört der Nachkriegskunst – beweisen dann zeitgenössische Künstler wie Martin Arnold (mit einem in seine Einzelteile zerlegten Filmcartoon) oder Gert & Uwe Tobias (mit traumhaften Papierarbeiten), dass das Prinzip Collage noch lange nicht ausgereizt ist.

Das Kunstmuseum Ahlen ordnet die Dinge noch etwas beliebiger, aber auch hier gibt es herrliche Fundstücke aus allen Bereichen der Collage: surrealistische Fotomontagen von Grete Stern etwa, ein aus den Jahren 2007/08 stammendes Objekt-Tagebuch von Daniel Spoerri, ein Wandmosaik aus blauen Plastikscherben von Tony Cragg oder Jory Hulls aus einer gigantischen Bilddatenbank gespeiste Zufallskombinationen. Zudem bietet Ahlen einen kurzen Ausflug zu den Vorläufern der Collage: den Wunderkammern und Quodlibets. Auch wenn die gemeinsame Ausstellung letztlich daran scheitert, eine sinnvolle Ordnung ins Collagechaos zu bringen, ist es doch ein sehenswertes Scheitern – eines das, bewusst oder unbewusst, den Geist der Collage lebendig hält.

Ruhe-Störung – Streifzüge durch die Welten der Collage

Ahlen, Kunstmuseum/Herford, Marta
Bis 26.1.14

Gegen Vorlage ihrer artcard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt ins Marta. Der Katalog ist im Kettler Verlag erschienen und kostet 32 Euro

http://marta-herford.de/index.php/ruhe-storung/

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