lens-based sculpture - Berlin

Das Flüchtige und die Ewigkeit

Wie hat sich Bildhauerei durch den Einfluss von Film und Fotografie verändert? Unter dem Titel "lens-based sculpture" begibt sich eine Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste auf eine Spurensuche. Mit Werken von Umberto Boccioni, Rebecca Horn, Tony Cragg, Chris Burden und Hermann Pitz.

Aus manchen Ausstellungen taucht man auf wie aus einem guten Buch.

Der Titel "lens-based sculpture" stellt die Frage nach dem Einfluss von Fotografie auf die Skulptur. Drei Jahre lang haben die Bildhauer Bogomir Ecker und Raimund Kummer recherchiert, um zu zeigen, dass die neuen Medien dreidimensionale Kunstwerke nicht nur dokumentiert, sondern auch inspiriert haben. Wie sonst wären Umberto Boccionis dynamisch gesplittete Bronzefiguren zu erklären, die Bewegungsabläufe so einfrieren wie die "Chronofotografien" von Étienne-Jules Marey, die Ende des 19. Jahrhunderts ursprünglich der Wissenschaft dienten? Oder Constantin Brancusis Atelierfotos, auf denen er die Luft zwischen Skulpturen als plastisches Material ansah?

Unterstützt von den Kunsthistorikern Friedemann Malsch und Herbert Molderings gehen die Kuratoren davon aus, dass zeitgenössische Skulptur mit ihrem Hang zu Film, Performance und Multimedia ohne Zelluloid undenkbar ist. Marcel Duchamp macht mit seinem Türdurchgang in Form der Silhouette eines Liebespaars den Auftakt zu dem hochkarätigen Parcours: Performance-Filme von Chris Burden, Bruce Nauman, Rebecca Horn und Joan Jonas treffen auf nostalgisch anmutende Apparaturen von Hermann Pitz, Reiner Ruthenbeck und Rosa Barba. Aalglatte 3D-Gebilde von Karin Sander und Tony Cragg ragen neben Körperabdrücken von Kiki Smith und den lebensechten Figuren von Ron Mueck und Duane Hanson empor. Zwei von den Künstlerkuratoren gezimmerte Archivräume
vermitteln eine Idee vom Umfang des Vorhabens: Zwischen Katalogseiten und Archivbildern körperorientierter Nachkriegsgrößen wie Yayoi Kusama, Eva Hesse oder Ana Mendieta und deren Nachfolgern Fischli/Weiss, Franz West und Erwin Wurm wird die Schau zum begehbaren Index.

"Wir wollten die Sensibilität für ein Thema wecken, das uns als Bildhauer schon immer umgetrieben hat", sagt Raimund Kummer. Fotografische Fragen nach Zeit, Abdruck, Spiegelung und Handlung sowie die Dokumentation und die Freude am Gerät treiben wohl fast jeden Bildhauer um, weshalb die Werkauswahl teils etwas beliebig erscheint. Doch das ist für die Qualität der Schau nicht so wichtig. Vielmehr wirkt sie ansteckend in ihrer leidenschaftlichen Hingabe, mit der hier ein Thema durchkämmt wird wie der Tatort in einem Kriminalroman.

Bei der Spurensuche öffnet sich ein spielerischer Denkraum – und in dem trifft man eben nicht auf klare Logik, sondern auf Indizien, mit denen sich eine Behauptung umkreisen lässt. Ob der Begriff "lens-based sculpture" in die Kunstgeschichte eingehen wird, ist zweifelhaft, aber in Zeiten von flüchtiger Blockbuster-Ästhetik ist er ein klares Bekenntnis zum genauen Hinschauen.

lens-based sculpture

Akademie der Künste, Berlin, bis 21. April 2014

Gegen Vorlage ihrer artcard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt.

Der Katalog ist im Verlag Walther König erschienen und kostet 39 Euro, im Buchhandel 49,80 Euro.


http://www.adk.de/de/aktuell/veranstaltungen/index.htm?we_objectID=32601