Greater New York - P.S.1

Schamfreie Zeiten

Die neue Ausgabe der Talentshow "Greater New York" zeigt Kunst, die nah am Leben ist. Sexualität, Selbstbildnisse und die eigene Privatsphäre sind Themen vieler Arbeiten. Kuratiert wurde die Austellung von Connie Butler, Neville Wakefield und dem neuen Direktor des P.S.1, Klaus Biesenbach.
Schamfreie Zeiten:Greater New York

A.L. Steiner: "Angry, Articulate, Inevitable", 2010

Längst ist Terence Koh vom Underground-Phänomen zum Paten der jungen New Yorker Kunstszene aufgestiegen. So war es nur passend, dass der etablierte Koh, der seine Karriere als "Asian Punk Boy" startete, zur Eröffnung der neuen Ausgabe der Talentshow "Greater New York" einen unsinnigen Vortrag über die letzten 500 Jahre in der Kunstgeschichte hielt.

Die Künstler, die allesamt aus New York stammen, wurden vom Kuratorenteam Connie Butler, Neville Wakefield und dem neuen Direktor des P.S.1, Klaus Biesenbach, ohne den dieser Tage nichts mehr in New York zu passieren scheint, ausgewählt. Was die Teilnehmer in den Räumlichkeiten des ehemaligen Schulgebäudes in Queens zeigen, ist eine Kunst, die nah am Leben ist – oder mit der das Leben zur Kunst erklärt wird.

Die gezeigten Arbeiten entstanden in den vergangenen fünf Jahren. Viele drehen sich um Sexualität oder um das Selbstbildnis und dringen tief in die Privatsphäre ein. Liz Magic Laser entfernt und pflückt in ihrem Video ("Mine") mit mechanischem, chirurgischem Werkzeug den Inhalt einer Handtasche auseinander. Die Prozedur stellt das Verletzen der Intimsphäre dar, erzählt von einer enthemmten Unterhaltungsgesellschaft, in der nichts mehr geheim bleibt, und lässt einen obendrein an die Arbeit von Bombenfahndern denken, die nach Sprengstoff suchen. Das Endergebnis, die sezierte Tasche, präsentiert die Künstlerin in einer Glasvitrine.

Nacktfotos, Star-Bilder und Liebesbriefe

Der Künstler und Fotograf Leigh Ledare legt sich selbst mit Nacktfotos und Familienfilmen bloß, mit denen er die erotische Beziehung zu seiner Mutter dokumentiert. K8 Hardy, Mitbegründerin des lesbisch-feministischen Kollektivs LTTR, zeigt in Anlehnung an Cindy Sherman ihre "Best Friends". Deana Lawson füllt die Ecke eines Ausstellungsraumes mit Schnappschüssen und Star-Bildern, so dass man das Gefühl hat, das Jugendzimmer eines Teenagers zu betreten. Die Künstlerin A.L. Steiner tapeziert die Wände mit Fotos, die das lesbische Liebesleben in all seiner Nacktheit zeigen. Hank Thomas Willis analysiert mit der Serie "Unbranded" auf 41 Fotos das tragisch-komische Bild, mit dem farbige Amerikaner seit 1960 bis heute in der Werbung, im Film und in der Modeindustrie porträtiert werden. Sharon Hayes lässt auf politischen Protestveranstaltungen, Liebesbriefe verlesen – statt für das Allgemeinwohl wird für das private Glück demonstriert. Performance- und Videokünstler Ryan McNamara gibt sich die Blöße, sich für die Dauer der bis Oktober laufenden Ausstellung in einem mobilen Tanzstudio von professionellen Tänzern unterrichten zu lassen. "Make Ryan a Dancer" nannte er sein rührend selbstverliebtes Projekt. Die junge New Yorker Künstlergeneration schämt sich für nichts.

Greater New York startete 2000 und wird seitdem alle fünf Jahre installiert. In der Vergangenheit setzten die Kuratoren auf etablierte Namen wie Cecily Brown, Lisa Yuskavage oder Dana Schutz, die längst zu den Stars der Kunstwelt zählen. Biesenbach und sein Team beschränkten sich dies Mal auf die überschaubare Zahl von 68 Künstlern, denen sie das Museum als Spielplatz überließen. "Das P.S.1 hat nicht viel Geld, aber viel Platz", meinte Klaus Biesenbach. Also funktionierte er den Ableger des Museum of Modern Art in einen Workshop um: Künstler, die sich in den Ateliers einquartierten, laden in den kommenden Wochen zu Open Studios ein. New Yorker Gastkuratoren gestalten im Zuge der "Rotating Gallery" wechselnde Gast-Shows. Für die Dauer der Ausstellung finden Performances und ein Kinoprogramm statt.

Ein Raum mit weißen Podesten, Baseballschlägern und ein Stück Regenwald

Malerei ist im Gegensatz zu den Vorjahren kaum zu finden. New Yorks Nachwuchs bedient sich der Fotografie, der Video-, der Performance- und Installationskunst. Einige Künstler wie Deville Cohen mit seinem homemade Video von Männern in hohen Hackenschuhen, die sich in einer Autowäscherei abmühen, oder Franklin Evans mit seiner Installation, bei der bunte Papierstreifen von der Decke baumeln und Presseerklärungen zu Ausstellungen respektlos den Boden bedecken, produzierten ihre Arbeiten direkt im P.S.1. Andere Arbeiten werden im Laufe der Ausstellung weiter wachsen.

Die Künstlertruppe Bruce High Quality Foundation, eines von mehren Kollektiven, füllt einen Raum mit weißen Podesten, die Kunstschulen in den kommenden Wochen gegen gebrauchte Podeste austauschen sollen. David Adamo legt einen kompletten Raum mit Baseballschlägern aus. Die Besucher sind aufgefordert, über den wackeligen Boden zu balancieren, so dass das einst unberührte Holz seine Farbe ändert. David Brooks ließ ein Stück Regenwald in das P.S.1 transportieren, das er als Protest gegen die Zerstörung der Natur mit Beton übergoss. Die wie mit einer Ascheschicht überzogenen Pflanzen werden schließlich unter dem Gewicht des Betons eingehen – und die Kunst in sich zusammenfallen.

"Greater New York"

Termini: bis 18. Oktober, P.S.1, New York
http://ps1.org/exhibitions/view/310