Turner-Preis 2008 - London

Eine Schau wie ein Rückgabeschalter bei Ikea

Die Tate Britain präsentiert die Anwärter auf den mit 25 000 Pfund dotierten Turner-Preis – und macht es den Besuchern so schwer wie noch nie. Wie der Brite Mark Leckey sich mit illustrem Subjektivismus gegen den ermüdenden Feminismus seiner drei Mitstreiterinnen durchzusetzen versucht.
Glatt, austauschbar, humorlos:die Anwärter auf den Turner-Preis 2008

Mark Leckey: Plakat zur Ausstellung "Resident"

Eine nackte Schaufensterpuppe sitzt mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einer Toilette. Auf dem Kopf trägt sie eine Schwesternhaube mit rotem Kreuz. In der Hand hält sie eine aus Hufeisen geformte Kette, ein weiteres Hufeisen und eine Teetasse baumeln von ihrem Hals. Eine zweite nackte Puppe steht an eine von zwei Supermarktkassen gelehnt, über ihren Kopf gestülpt ein Vogelkäfig.

Auf den Laufbändern der Kassen stehen verloren einige Schälchen mit Essensresten, die auf den Abwasch warten. Auf dem Boden eine Leiter, ein Herd, mehrere Stapel Ziegelsteine. Noch nie hat es eine Turner-Schau dem Besucher so schwer gemacht wie diese. Es ist Kunst, die der erklärenden Worte des Kurators bedarf, ohne sie bleibt sie undurchdringlich, bleibt die verschlossene private Welt des Künstlers. Eine Kunst, die Ausrichter internationaler Biennalen so lieben: glatt, austauschbar, nahezu humorlos, mit der Anziehungskraft der Empfangshalle eines internationalen Konzerngebäudes.

Wie zum Beispiel entschlüsselt man ohne helfende Worte den ersten Raum mit Arbeiten der in Polen geborenen Goshka Macuga, 40? An den Wänden mit Bleistift gemalter, sanft fallender Regen, darauf gerahmte Collagen aus Fotos und Magazinausrissen, im Raum selbst drei Gebilde aus Edelstahl und Glas, die aussehen wie eine Mischung aus Balustraden und Messeständen. Ihre Titel "Haus der Frau 1 + 2" (2008) sowie "Deutsches Volk – Deutsche Arbeit" (2008) deuten auf Deutsches hin. Erst der Wandtext macht klar, dass sich die Künstlerin für das Ausstellen von Objekten interessiert, für die Rolle des Kurators und für die Zusammenarbeit zweier Künstler.

Soll eine Frau aus dem Schatten eines Mannes befreit werden?

Die Collagen bestehen aus Fotos und Memorabilien der beiden englischen Künstler Paul Nash und Eileen Agar aus dem Archiv der Tate, die als Liebes- und Künstlerpaar in den dreißiger Jahren eine eher romantische Sicht der Welt propagierten; die drei Skulpturen sind Nachbildungen von Messeständen von Lilly Reich für den deutschen Pavillon der Weltausstellung von 1929 in Barcelona. Die vergessene deutsche Designerin war Geliebte und Mitarbeiterin von Ludwig Mies van der Rohe. Soll also auch hier eine Frau aus dem Schatten eines Mannes befreit werden? Ist es nicht ironisch, dass die drei Arbeiten von der diesjährigen Berliner Biennale in Auftrag gegeben wurden?

Die in Bangladesh geborene Runa Islam, 37, zeigt drei Filme. Zwei von ihnen erschließen sich relativ schnell. "Be The First To See What You See As You See It" (2004) zeigt eine adrett gekleidete junge Frau in einer Porzellangalerie. Fast veträumt spielt sie mit Tassen, Tellern, Teekannen, bis sie diese nacheinander von ihrem Sockel stößt. Sie zerschellen auf dem Boden, in Zeitlupe. So wird etwas sichtbar, was mit dem bloßen Auge nicht zu sehen ist: das Zersplittern von Porzellan. Für "First Day of Spring" (2005) bezahlte sie in ihrer Heimatstadt Dacca einige Rikschafahrer, eine Pause einzulegen, und filmte sie. Ihre Kamera verrichtet nun Arbeit, ist ständig in Bewegung, durch das Geäst von Bäumen, den Rasen entlang, und dazwischen Nahaufnahmen der Männer.

Na und, fragt man sich?

Islams dritter Film "Cinematography" (2007) lässt den Besucher dann völlig allein. Die Kamera ist ständig in Bewegung, linear, kurvig; kreisförmig tastet sie eine chaotisch wirkende Werkstatt ab, mal in Zeitlupe, mal wild, rauf und runter, rechts und links. Auf dem Soundtrack hört man nicht zu identifizierende Fabrikgeräusche. Erst über die aufgeblasene Prosa des Wandtexts erfährt man, dass es sich um den Workshop des neuseeländischen Kamerapioniers Harry Harrison handelt, der für die Verfilmung von "Herr der Ringe" arbeitete; dass Islams Kamera von einem Computerprogramm gesteuert wurde und dass ihre Bewegungen das Wort "Cinematography" des Titels schreiben. Na und, fragt man sich? Die pure Analyse der Sprache des Films allein lässt den Besucher wahrhaft unbefriedigt zurück.

Ein bisschen leichter macht es die in Glasgow lebende Nordirin Cathy Wilkes, 42. Ihre Rauminstallation "I Give You All My Money" (2008) soll wohl eine Kritik der Rolle der Frau sein. Ihr Los ist, trotz der glückbringenden Hufeisen, ein bedauernswertes. Sie scheint in dem simulierten Supermarkt gefangen, der Herd weist ihr eindeutig ihren Platz in ihrer häuslichen Umgebung an, ebenso die abgegessenen Schalen mit Essensresten ihrer Kinder, Krankenschwester darf sie werden, aber nicht mehr, und die weiße Leiter in den Himmel hinauf wird sie wohl nie erklimmen. Sieht sich eine heutige junge Frau wirklich so? Wohl kaum. Das ist irgendwie alles alter Hut, dieser 40 Jahre alte Feminismus ist schon seit langem passé, und die surrealistischen Anklänge wurden vor 60 Jahren ad acta gelegt.

Man sehnt sich nach Sex und Gewalt

Als einziger zeigt der einzige Mann unter den vier Kandidaten einen Anflug von Humor. Mark Leckey, 43, stellt, gelegentlich schmunzelnd, eine Welt voller falscher Bilder, voller Verzerrungen dar. Mittelpunkt seines chaotischen Raums mit Videos, Skulpturen und Posters ist sein Film "Cinema-in-the-Round" (2006 bis 08), ein work-in-progress. Der Künstler filmt sich selbst als Dozent, der in der Tate einen illustrierten Vortrag darüber hält, was er an bestimmten Künstlern und Kunstfiguren liebt und bewundert, von Philip Guston bis Gilbert & George, von Felix the Cat bis Homer aus den "Simpsons". Anders als die Kuratoren, die seine Kunst erklären, gibt er nicht vor, allgemeine Weisheiten abzulassen. Er bleibt total subjektiv, und das hat etwas Erfrischendes.

Als die Hirsts und Emins und Chapmans der britischen Kunstszene den Turner-Preis dominierten, schimpften viele, das sei doch keine Kunst. Irgendwie sehnt man sich aber nach deren Auseinandersetzung mit Sex und Gewalt, Geburt und Tod zurück. Zu steril, zu hermetisch, zu humorlos ist die Kunst der diesjährigen Kandidaten. Rachel Campbell-Johnson trifft den Nagel auf den Kopf: "Die Schau ist wie ein Rückgabeschalter bei Ikea an einem Montagmorgen ", schreibt die Kritikerin der "Times". "Viele frustrierte Menschen stehen davor und starren auf einen Haufen unergründlichen Ramsch." Und wer verdient den mit 25000 Pfund dotierten Preis in diesem Jahr? Vielleicht Mark Leckey, aber im Grunde ist es ziemlich egal, wer gewinnt.

"Turner-Preis 2008"

Termin: bis 18. Januar 2009, Tate Britain, London.
http://www.tate.org.uk/britain/turnerprize/turnerprize2008/

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