Tattoo - Winterthur

Unter die Haut

Beinahe unerträgliche Schmerzen und mitunter mehrstündige Sitzungen nehmen Menschen für eine Tätowierung in Kauf. Eine Ausstellung im schweizerischen Winterthur beleuchtet nun das Phänomen des Tattoos, präsentiert die Geschichte der Körperkunst und aktuelle Entwicklungen. Autsch!

Angelina Jolie nutzt jedes weitere Kind für ein neues, Model Rick Genest ist voll davon, und selbst Sisi, Kaiserin von Österreich hatte eines – die Rede ist von einem Tattoo. Dem Modeaccessoire der Neuzeit widmet das Gewerbemuseum in Winterthur nun eine Ausstellung. "Tattoo" gibt Einblick in die Geschichte und die Faszination der Haut als Leinwand.

Die Urvölker der Erde entwickelten unabhängig voneinander die ersten Tätowierungen. Dabei ordneten die mit schwarzer Farbe gestochenen Muster die Menschen ihrem Stamm zu. Schwungvolle Muster bedeckten die Gesichter der Maori in Neuseeland, Linien die der Chin in Myanmar. Den Christen hingegen wurde das Verfahren schon in der Bibel verboten. Trotzdem fand die Körperkunst, deren Name auf das tahitische "tatau" zurückgeht, Einzug in die westliche Welt. Zu Beginn und für eine lange Zeit war das Stechen von Tattoos verpönt, gesellschaftliche Minderheiten wie Punks nutzten den Körperkult zur Identifikation mit Gleichgesinnten.

Die Schau in Winterthur ist eine Reise durch die Zeit. Angefangen bei den indigenen Tattoos der Ureinwohner über Sisis Anker-Tattoo aus einer Hafenkneipe, landet der Besucher bei Kois, Tribals, Arschgeweihen und Cupcakes. Zahlreiche Fotografien veranschaulichen die kreative Bandbreite in einem der ältesten Handwerke der Welt. Sie werden ergänzt von Dokumentar- und Kurzfilmen, wie unter anderem "Dans la Peau", einem Animationsfilm über Begehren und Verlassenheit, der in eine mythologische Fantasiewelt entführt. In "Arena", Portugal, 2009, sticht Mauro sich selbst Tattoos, um der Langeweile während seines Hausarrests zu entgehen.

Der Zürcher Tim Steiner ist ein lebendes Kunstwerk. Er ließ sich vom belgischen Konzeptkünstler den Rücken tätowieren und verkaufte diesen Teil seiner Haut an einen Hamburger Kunstsammler. Als "lebendige Leinwand" ist er im Gewerbemuseum zugegen und sorgt damit für viel Diskussionsstoff über die Haut als Ausstellungs- und Werbefläche. Hinzu kommen Live-Acts bekannter Tätowierer und verschiedene Performances.

Noch nicht ganz sicher bei der Tattoowahl? Mal eben so eines stechen zu lassen, ist bekanntlich nicht sonderlich intelligent. Die Lösung bietet das Forschungslabor der Lausanner Hochschulen. Vor einem digitalen Spiegel werden Tattoos auf der Haut des Betrachters Realität – und verschwinden beim Davongehen. Für Unentschlossene!

Tattoos leben von ihrer Dauerhaftigkeit. Wer sich für eine Tätowierung entscheidet, verbindet meist etwas mit ihr. Und: Ohne eine schmerzhafte Laserbehandlung kommt er nicht mehr von ihr los. Für manche bedeutet das ein schweres Schicksal – man bedenke die Häftlingsnummern der Menschen im Konzentrationslager während des zweiten Weltkriegs. Freud und Leid liegen beim Tattoo ganz nah beieinander.

Die Ausstellung "Tattoo"

bis 9. Juni 2014,
Gewerbemuseum Winterthur,
Die Schau bildet den Auftakt des Winterthurer Kulturherbstes.
Im Anschluss folgt die Schau "Skin to Skin", die in einem weiteren Sinne Haut im Zusammenhang mit Medizin, Kunst und Design verbindet.
http://gewerbemuseum.ch/ausstellungen/aktuell/detailansicht/gmwausstellung/tattoo/?no_cache=1

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